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Nordkreis Selber denken macht schlau
Landkreis Nordkreis Selber denken macht schlau
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10:58 09.01.2021
Bücher, Spielsachen und besonders Kinderfragen und Antworten, die das eigenständige Denken fördern – damit befasst sich Grundschullehrerin Christine Peter-Tschammer. Quelle: Ina Tannert
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Cölbe

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen, stellen sich Themen anders als Erwachsene vor, führen Gespräche auf ihre Weise – doch auch Kinder können über die ganz großen Fragen des Lebens philosophieren, eben auf ihre eigene Art. Und dahinter steckt ein riesiges Potential, das nur geweckt werden will.

Wie das funktioniert und Kinderköpfe zum Nachdenken angeregt werden können, damit hat sich Grundschullehrerin Christine Peter-Tschammer eingehend befasst: Seit 35 Jahren ist sie Lehrerin, arbeitet an der Lindenschule Cölbe und hat sich in ihrer Freizeit zwei Jahre lang zur Gesprächstrainerin für Kinderphilosophie weitergebildet. „Mit Kindern philosophieren“ heißt das Konzept. Und Fragen haben Kinder mehr als genug, ihr reiche es aber nicht, „nur“ eine Antwort zu geben, sie möchte im Gespräch mit Kindern „den Ball zurückzuspielen“, die Knirpse zum Nachdenken anregen. Dabei schauen, was hinter der Frage steckt, Neugier wecken, die Welt zu verstehen.

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Grundsätzlich liegt der Fokus darauf, die kognitiven Fähigkeiten der Kinder, ihre Entwicklung zu fördern und sie zu respektieren. Ebenso geht es um den Aufbau von Werten und ein Demokratieverständnis. Die Grundlage dazu: Selbständig den Grips anzustrengen, eigene Antworten zu finden, „nicht hinterher denken, sondern selber denken“, erzählt Peter-Tschammer. Besonders wichtig in Krisenzeiten, wenn sich in der eigenen heilen Welt plötzlich ein Riss auftut, neue Ängste und Sorgen entstehen, mit denen eben auch Kinder umgehen müssen. „Es ist so wichtig, mit Kindern über ihre Themen zu sprechen, das ist kein therapeutischer Ansatz, sondern ein zutiefst menschlicher“, sagt die Pädagogin.

Sie möchte Eltern Mut machen, mehr Wertschätzung für Gespräche mit Kindern zu entwickeln, zu ergründen, wie das Kind selber das Thema, schlussendlich die eigene Umwelt sieht. „Hinter vielen kleinen Themen steckt am Ende die große Frage – wie funktioniert die Welt?“ Dabei geht es nicht um psychologische oder theologische Ausrichtungen, sondern darum, herauszuhören, was das Kind bewegt, von Alltags- bis zu Krisen-Themen, etwa zu Pandemie-Zeiten. Was tun, wenn Kinder Fragen haben zum Sinn von Viren, von Pandemie und Tod? „Warum gibt es Krankheiten?“ „Kann ich aus Versehen tot gehen?“ Diese Fragen hat sie selber schon von Kindern gestellt bekommen. Eine schwierige Situation für Eltern. Eine einfache Antwort gibt es nicht – muss es auch nicht, das Ziel ist nicht die eine absolute Antwort, sondern der Dialog, das Verständnis.

Statt für Erwachsene oft extrem direkte oder auf den ersten Blick merkwürdige Kinderfragen vorschnell abzutun, fix zu googeln oder abzuschmettern – „das ist eben so“ – lohne es vielmehr, genau hinzuhören, zurückzufragen und mitzudenken. Denn nur mit Fragen lassen sich eigene Wertvorstellungen entwickeln und eine undurchsichtiger werdende Welt irgendwann erklären. „Philosophie ist die Suche nach der Wahrheit“, sagt die Lehrerin.

Perspektivwechsel

Und zu dieser Suche lädt sie die Grundschüler etwa im Ethik-Unterricht ein. Das zeigt sich überall im Klassenzimmer der vierten Klasse: Zwischen Bilderbüchern und Kreativ-Spielzeug finden sich viele Beispiele, wie sich der eigene Grips fordern lässt: Etwa ein Buch über süße Tiere aller Art, die sich Menschen als Haustiere halten. In Käfigen, an Leinen, auf dem Schoss. Verkehrte Welt. Und doch ein Gedankenexperiment, aus dem sich viel entwickeln, das den Kopf rauchen lässt. Auch darum geht es bei der Kinderphilosophie, um den Perspektivwechsel.

Ebenso um die unbequemen Fragen und Themen, die Kinder bewegen: An der Wand im Klassenraum der vierten Klasse hängt der „Schrank der vergessenen Wörter“ eine Art „Tresor“ aus Papier, in dem negative Worte quasi weg geschlossen werden. „Krieg“, „Tod“, „Folter“ steht dort hinter der „Tresortür“. Der Schrank wird geschlossen, nicht ohne über den Inhalt nachzudenken. Wenn man die schlimmen Wörter verbannt, wird dann die Welt besser? Verschwinden damit die dort benannten schlechten Dinge auch? Eher nicht, aber darüber sprechen möchten Kinder dennoch. Sich damit auseinanderzusetzen, auch mal streiten, im spielerischen Streitgespräch, auch das gehört dazu, „es geht darum, Gesprächsqualitäten zu entwickeln, sich klar auszudrücken und ohne Streit verschiedene Meinungen zu vertreten“, erklärt Peter-Tschammer.

Ein Tipp von der Expertin: Kinder nicht mit schnellen Fakten abspeisen, sondern ihre Fragen ernsthaft und nicht mit einem Leistungsgedanken im Hintergrund zu unterstützen. Gegenfragen stellen: „Wie kommst du darauf?“ oder „Was denkst du darüber?“. Am Ende kommt vielleicht die Erkenntnis, was wirklich hinter einer seltsamen Frage steckt. „Vielleicht möchte das Kind eigentlich über die eigenen Ängste sprechen und will einfach Sicherheit“, gibt sie ein Beispiel. Und ganz wichtig: „Niemand sollte vor so einer Frage Angst haben – auch wenn man die Antwort nicht kennt, das Gespräch darüber, das ist von Bedeutung“.

Von Ina Tannert