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Nordkreis Tiefere Löcher statt höhere Deiche
Landkreis Nordkreis Tiefere Löcher statt höhere Deiche
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10:00 15.09.2020
Am 5. Januar 2018 überflutete Hochwasser in Cölbe die Fläche zwischen Bahndamm und Radweg. Quelle: Thorsten Richter
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Cölbe

Zwei Mal stand das Thema Wasser bei der jüngsten Sitzung der Gemeindevertretung Cölbe auf der Tagesordnung. In einem Fall in seiner schützenswerten Form als Grundwasser, im anderen ging es darum, wie man sich vor Hochwasser schützen kann. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hatte eine Anfrage zu den Grundwasserkontrollen im Gemeindegebiet gestellt, wollte erfahren, wie viele Messstellen es gibt, wie oft sie kontrolliert werden, welche Ergebnisse es in den vergangenen fünf Jahren gab und wie der Gemeindevorstand die Perspektive für die Grundwassersituation beurteilt. Die Antwort: Es gibt zwei Kontrollstellen für Grundwasser, den Tiefbrunnen Schönstadt und die Grundwassermessstelle A 12 an der Straße zwischen Schönstadt und Schwarzenborn.

Neue Ansätze für den Hochwasserschutz

Der Tiefbrunnen wird gemäß der Trinkwasser- und der Rohwasseruntersuchungsverordnung mehrmals jährlich kontrolliert, der Grundwasserstand permanent. An der Messstelle erfolge monatlich eine Beprobung. In den vergangenen Jahren sei eine unterdurchschnittliche Grundwasserneubildung infolge geringerer Niederschläge zu beobachten. Der Grundwasserspiegel sank seit 2015 um 0,4 bis 0,5 Meter. Erhöhte Nitratwerte gebe es nicht.

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Um an weitere Daten zur Entwicklung der Grundwassersituation im Gemeindegebiet zu kommen, strebe der Gemeindevorstand gemeinsam mit anderen Mitgliedskommunen des Zweckverbands Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) die Erstellung eines Grundwasserkonzeptes an.

„Das wird aber noch eine gewisse Zeit der Abstimmung benötigen. Letztlich muss der ZMW dabei mitziehen, das ist so einfach anscheinend nicht“, sagte Bürgermeister Dr. Jens Ried. Grundwasser sei „ein knappes Gut, das wir nicht nach Belieben exportieren können. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass der ZMW den Kommunen gehört, auch wenn das dem ZMW nicht immer klar zu sein scheint“, betonte Ried.

Um Hochwasserschutz in Cölbe ging es bei der Präsentation von Lena Wagner, Studentin der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM). In ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Renaturierung der Lahn bei Cölbe“ befasst sich Wagner mit einem Altarm „Am Heideberg“, der durch Verlandung niedrige Wasserstände aufweist, was ökologisch nachteilig sei. Durch eine Vertiefung könne man zum einen etwa 20000 Kubikmeter Retentionsraum schaffen, der Hochwasser auffangen würde, zum anderen die ökologische Situation verbessern. Zudem würde damit eine Verringerung der Fließgeschwindigkeit einhergehen, was sich positiv auf die Grundwasserneubildung auswirkt, griff Wagner das vorherige Thema auf.

Corona reißt Loch ins Gemeindesäckel

Derzeit stehe sie aber noch in der Grundlagenermittlung und umfassenden Bestandsaufnahme. Die Idee, statt höhere Deiche zu bauen, tiefere Löcher zu graben, stieß aber bereits auf Interesse. „Würden wir unsere Deiche aufschütten, müssten wir so nahe an die Lahn herangehen, dass wir anderswo den verlorenen Retentionsraum neu schaffen müssten“, so der Bürgermeister. Man sei jetzt „einer Variante auf der Spur, die in den vergangenen Jahren nicht verfolgt wurde“. Ein weiterer Vorteil wäre, dass alle Flächen bereits im Besitz der Gemeinde sind.

Während der Sitzung stellte der Bürgermeister außerdem den nun geprüften Jahresabschluss für 2019 vor: Im Ergebnis weist der einen Überschuss von 1,22 Millionen Euro aus. Direkt im Anschluss folgte der Bericht zur aktuellen, von der Corona-Krise beeinflussten Finanzsituation der Gemeinde. „Wir haben zurzeit ein faktisches Minus von einer Million Euro. Wir erwarten eine Ausgleichszahlung des Landes, die aber noch nicht beschlossen ist“, berichtete Ried.

Abgesehen von den nicht geplanten zusätzlichen Ausgaben der Kommunen zur Bewältigung der Pandemie träfen vor allem hohe Ausfälle bei der Gewerbesteuer und dem kommunalen Anteil der Einkommensteuer die kommunalen Haushalte hart.

Neben den Steuereinnahmen seien auch Zuweisungen und Gebühren, also die drei wichtigsten Finanzierungsquellen, von der Wirtschaftskrise betroffen, heißt es in dem Bericht. Probleme bei der Liquidität der Gemeinde werde es zwar keine geben, das Finanzloch bedeute dennoch „eine nicht unerhebliche Herausforderung. Wir werden einen Nachtragshaushalt benötigen, den wir im November einbringen wollen“, zeigte sich der Kämmerer optimistisch.

Mit dem Erlass eines Nachtragshaushaltes für 2020 muss die Gemeinde zum einen den Mindereinnahmen Rechnung tragen, zum anderen sah die Haushaltssatzung 2020 keinen Höchstbetrag für einen Liquiditätskredit vor. Um handlungsfähig zu bleiben, müsse eine entsprechende Ermächtigung geschaffen werden.

Zugleich arbeite die Verwaltung am Entwurf des Haushaltes 2021, was aufgrund fehlender belastbarer Planungsgrundlagen und zugleich absehbar hoher Einnahmerückgänge sehr schwierig sei. Der Haushaltsplan 2021 soll ebenfalls in der Sitzung am 9. November eingebracht werden, die Beschlussfassung darüber in der Sitzung am 16. Dezember folgen.

von Manfred Schubert