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Nordkreis Tradition mit Event-Charakter
Landkreis Nordkreis Tradition mit Event-Charakter
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16:00 05.11.2019
Der Dorfladen in Ginseldorf ist ein Beispiel im Kreis für die erfolgreiche ländliche Nahversorgung. Wie diese auf Dauer gelingen kann, damit befasst sich derzeit auch die Genossenschaft Dorfladen in Schönstadt, die in einem Jahr eröffnen will. Quelle: Thorsten Richter
Schönstadt

Der eigene Dorfladen, die örtliche Grundversorgung, der Anlaufpunkt im Ort, so wie damals – diesen Wunsch gibt es in vielen Dörfern und Stadtteilen. Ihn erfolgreich umzusetzen ist eine Herausforderung, an der schon viele scheiterten. Was macht einen zeitgemäßen Dorfladen überhaupt aus? Außer sein eher ländlich geprägter Standort.

Ist er in der Regel doch kein großer Vollsortimenter, bietet Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs an, ist er bei der Auswahl dennoch eher – schon alleine aus Platzgründen – auf das Wesentliche reduziert. Eine kleine Einkaufsgelegenheit, wo man die Betreiber noch mit Vornamen kennt.

Doch ein Dorfladen beinhaltet noch viel mehr, bewegt die Menschen vor Ort. Die Nähe, die Gemeinschaft, das Persönliche als Gegenstück zum anonymen Großmarkt, zur immer gleich aussehenden Supermarkt-Kette. Auch das spielt eine Rolle, ist angesichts wegbrechender Infrastruktur auf dem Land aktuell wie nie. Dabei wandelt sich das Gesicht noch existierender oder neuer Dorfläden, ein kleines Geschäft alleine ohne Zusatzfunktion hat es heute schwer.

Ein integrierter Dorftreff, ein charmantes Café, vielleicht noch mit Eventcharakter scheint da für viele zukunftsfähiger, wie Beispiele aus dem Kreis zeigen. In erfolgreichen Dorfläden oder jenen, die es werden wollen, wird auf Multifunktionalität gesetzt.

Dorfläden im Kreis

Projekte rund um die Nahversorgung, Dorf- oder Stadtteil-Läden gab und gibt es einige im Kreis. Waren die Lädchen früher jedoch eher Sache der Betreiberfamilie, werden neuere Projekte vor allem durch bürgerschaftliches Engagement initiiert, mit Vereinen oder Genossenschaften im Rücken.

Dennoch verschwanden in den letzten Jahren einige traditionelle Geschäfte, teilweise seit Generationen in Familienhand. Unter anderem der Dorfladen im Bad Endbacher Ortsteil Bottenhorn, der nach 150 Jahren vor kurzem erst dicht machen musste. Geschlossen wurde vorher ebenso das Geschäft in Oberrosphe. Auch das einmal angedachte klassische Lädchen in Niederwalgern scheiterte trotz mehrfacher Anläufe.

Andere kleine Geschäfte gibt es bereits seit Jahren auch auf dem Land, teils spezialisiert, etwa auf Bio-Qualität, als Kleinstfiliale großer Ketten oder mit eigenem Sozial-Konzept. Darunter die Läden in den Marburger Außenstadtteilen wie im Stadtwald, am Ortenberg, Michelbach und Ginseldorf.

In einigen Ecken im Landkreis entstehen jedoch auch neue Dorfläden oder sind konkret in Planung. Neben dem Schönstädter Projekt wird im Dautphetaler Ortsteil Herzhausen gerade der Dorftreffpunkt samt angeschlossenem Lädchen neu gebaut. In Günterod erweiterte gerade das Bäckerlädchen das Sortiment mit Waren des täglichen Bedarfs. Kürzlich eröffnete auch ein neues Geschäft in Oberasphe.

Wie das Projekt Dorfladen gelingt, wie Kunden langfristig gehalten werden können – darum dreht sich derzeit auch die Planung im Arbeitskreis Dorfladen Schönstadt. Noch rollt kein Bagger, doch die heiße Phase hat längst begonnen, eine Eröffnung ist im Herbst 2020 angepeilt.

Das Fundament für ihr Projekt hat die eG mit dem Verkauf von mehr als 300 Genossenschaftsanteilen längst gesetzt, „das war das Signal, das wir von den Bürgern haben wollten und das ist eine hohe Motivation“, beschreibt Vorsitzende Carola Carius die Anfänge. Zugleich ideal für die Kundenbindung, wer 500 Euro pro Anteil auf den Tisch legt, macht sich im Vorfeld Gedanken.

Der Ort steht dahinter, etwa die Hälfte der Schönstädter Familien sind über die Genossenschaft an dem Dorfladen beteiligt, rund 250 Anteilseigener, die darüber hinaus einiges an Fachwissen mitbringen. Ein echtes Zugpferd, ohne diesen Rückhalt wäre wohl nichts aus dem Projekt geworden.

Relativ schnell wurde auch klar, dass für das Geschäft ein Neubau her muss. Der frühere Dorfladen sei an sich gut gelaufen, sagt Carius. Doch fehlte es an geeigneter Struktur, von der unflexiblen Raumaufteilung bis zu fehlenden Parkflächen. Das wollen die Genossen nicht wiederholen, planen derzeit mit den Architekten die Raumaufteilung. Flexibel soll sie sein, die Gestaltung des Ladeninneren.

Discount, Bioqualität und regionale Erzeugnisse

Auch um später einmal schnell auf künftige Neuerungen – etwa mögliche neue Lebensmittel- oder Verpackungsgesetze – reagieren zu können. Ebenso ist der genaue Aufbau des Vollsortiments gerade großes Thema. Es wird gemischt, von Lebensmitteln bis zum breiten Angebot an Dingen des täglichen Bedarfs, sowohl in Discount- wie Bioqualität, nebst regionalen Erzeugnissen.

Um keine Eintönigkeit aufkommen zu lassen, plant der Arbeitskreis bereits an späteren Sonderaktionen – vom italienischen Abend bis zum Kindertag im Markt. Der soll sowieso mit der Zeit gehen, etwa aktuelle Ernährungstrends bedienen, auch jüngere Generationen ansprechen. „Damit der Laden Zukunft hat, sollen auch junge Leute kommen, man braucht heute ein bisschen Event-Charakter“, sagt Berthold Janssen, Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Und auch der spätere Verkauf wird genau im Auge behalten, „wir wollen Waren, die akzeptiert sind und schauen, welche Angebote den Leuten wichtig sind“. Ländlicher Charme soll Moderne treffen, von der gut gepflegten Markt-Homepage bis zum neuen Dorftreffpunkt als Publikumsmagneten.

Das integrierte Café ist weiterer Baustein des Konzepts, nicht nur als Anlaufpunkt für Kunden, sondern später vielleicht auch für Vereine nach Ladenschluss. Ideen gibt es viele. „Wir haben viel vor und sind flexibel, wir machen einen Laden, der nie schlecht wird“, kündigt Janssen an.

von Ina Tannert