Sanierung der alten Kirche Bürgeln förderte historische Schätze zutage
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Nordkreis Alte Kirche: Die Wände können aufatmen
Landkreis Nordkreis Alte Kirche: Die Wände können aufatmen
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14:56 12.01.2020
Restauratorin Karoline Santowski hat die letzten Wände in der alten Kirche in Bürgeln von mehreren Farbschichten befreit und bringt die historische Rankenbemalung wieder zur Geltung. Quelle: Ina Tannert
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Bürgeln

Vorsichtig streicht Karoline Santowski mit dem kleinen Pinsel über das massive Gemäuer. Strich für Strich befreit die Restauratorin eine Ranke nach der anderen. Seit September legt die Kunsthistorikerin die alte Fassung im Kircheninneren frei und bringt das alte Muster zur Geltung – viele Jahre war die aufwendige barocke Rankenmalung unter dicken Farbschichten aus den letzten Jahrhunderten verborgen. Nun bekommen die Wände wieder Luft und zeigen fast schon wieder ihre alte Pracht.

Befreit wurden sie von der Expertin im Zuge der umfangreichen Sanierungsarbeiten, die 2019 begannen. Und der ­beeindruckende Bau, der anmutig mitten im Ort auf dem ehemaligen Friedhof thront, hatte eine Generalüberholung auch dringend nötig. Mittlerweile sind die Risse verschwunden, Balken wurden ersetzt, der stellenweise geschädigte Dachstuhl verstärkt.

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Gut 900 Jahre sind an dem ­alten Gemäuer bereits vorübergezogen, zumindest an manchen Teilen, eine der ursprünglich romanischen Wände ist erhalten geblieben, die zu der einstigen Kapelle gehörte. Die stand schon um das Jahr 1100 in Bürgelns Ortsmitte. Der kleine Bau wurde im 15. oder 16. Jahrhundert durch einen spätgotischen Chor mit neuem Eingang erweitert.

Dr. Kurt Bunke, Vorsitzender des Kulturvereins Alte Kirche Bürgeln, überwacht die laufenden Sanierungsarbeiten an dem historischen Bauwerk. Quelle: Ina Tannert

Aber die heutige Größe war da noch lange nicht erreicht: „Es war ein kleines Kirchlein, eine Dorfkirche, die aber Stück für Stück erweitert wurde“, schwärmt Dr. Kurt Bunke, Vorsitzender des Kulturvereins Alte Kirche Bürgeln. Er verfolgt ganz genau die umfangreichen Restaurationsarbeiten des historischen Schmuckstücks, von dem er jeden Winkel und die lange Geschichte kennt. 

In der Kirche aufwärts beziehungsweise höher hinaus ging es Ende des 17. Jahrhunderts mit dem Bau des Obergeschosses samt der Empore. Nur einige Jahrzehnte später entstanden die schmucken Wandmalereien im Rankenmuster, denen Santowski gerade auf der Spur ist. Zu ihrem Leidwesen wurden die wie in so vielen Kirchen mit der Zeit mehrfach überstrichen.

Dass sie nun wieder zum Vorschein kommen, die Kirche saniert wird und überhaupt noch steht, dafür sorgten engagierte Bürger aus dem Ort, die um ihr Kleinod kämpften. 

Denn 1970 wurde die Kirche aufgegeben, entwidmet und durch eine neue ersetzt. Es drohte der Abriss des ganzen historischen Baus. Verhindert wurde das durch den extra dafür gegründeten Förderkreis Alte Kirchen, der sich des herrenlosen Gebäudes annahm und es bewahrte. Gemeinsam mit dem Kulturverein sorgte der Förderkreis viele Jahre für den Erhalt als Kulturzentrum auf dem Land. 

Mittlerweile hat der Kulturverein komplett das Zepter übernommen und organisiert regelmäßige Veranstaltungen. Heute ist der Chorraum dekorative Bühne, rund 120 Besucher passen in den Zuschauerbereich. „Die Bude ist zwar klein, war aber immer voll“, freut sich Bunke darüber, das sich die Kulturkirche großer Beliebtheit erfreut. Und nach der umfangreichen Sanierung soll es damit weitergehen.

Die verschlingt rund 400.000 Euro, die aus verschiedenen Förderungen von Bund, Land und der Stiftung Denkmalschutz stammen. 2019 wurde die Fassade renoviert, in diesem Jahr geht es ans Innere. Und dort kamen bereits so einige Schätze ans Tageslicht. Unter anderem wurde überraschenderweise auf einem Stützpfeiler ein alter Grabstein gefunden, der wohl zweckentfremdet worden war.

Bis Ende 2020 werden die Arbeiten in etwa noch andauern, dann hat Bürgeln mit der frisch restaurierten Kirche wieder einen Raum für Kulturgenüsse aller Art und noch mehr: Die frisch herausgeputzte Kirche soll sich durch neue Konzepte mit noch mehr Leben füllen, von Konzerten bis Hochzeiten. Darüber hinaus gibt es viele weitere Ideen zur Nutzung oder der Gestaltung des Gartens. Um den kümmern sich zum Teil bereits die Kinder der benachbarten Grundschule. Doch ­Bunke kann sich auch vorstellen, dass etwa die Bürger Teile des Gartens übernehmen und selber pflegen. Auch bei der touristischen Nutzung der alten Kirche sieht er „noch viel Luft nach oben“.

von Ina Tannert