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Nordkreis Ein „Mikroabenteuer“ auf dem Land
Landkreis Nordkreis Ein „Mikroabenteuer“ auf dem Land
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14:37 25.01.2022
Die vier „Wanderesel“ vom Hof 1 in Unterrosphe: Piet, Pepe, Pepper und Petty sind ein starkes Team.
Die vier „Wanderesel“ vom Hof 1 in Unterrosphe: Piet, Pepe, Pepper und Petty sind ein starkes Team. Quelle: Ina Tannert
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Unterrosphe

„Uäiiiihhh“ – ein undefinierbarer Laut kommt aus dem Maul von Piet, als er mitten auf der Dorfstraße stehen bleibt und sich nicht mehr vom Fleck rührt. Verträumt schaut der kleine braune Esel das große Pferd auf der Weide neben der Straße an. „Hallo!“ – das sollte das schrille Quieken wohl bedeuten. Er hat noch viele weitere Brüller und Tonfolgen auf Lager, mit einem schnöden „I-Aah“ gibt sich der zwölfjährige Eselmann nicht zufrieden.

Die angesprochene Stute starrt überrascht zurück, die ganze Wandergesellschaft hinter Piet kommt ins Stocken. Da hilft kein Locken und kein Ziehen, er bleibt stehen und glotzt, „er muss immer alles genau beobachten“, erzählt Eselhalterin Bonnie Wohlers lachend. Minuten später ist Piet fertig mit Anschmachten und schließt gemächlich wieder zu den zwei- und vierbeinigen Kollegen auf. Eben ein sturer Esel, möchte man meinen.

Eben nicht; in den stämmigen Langohren steckt mehr, als man ahnt. Sie sind lustige Gefährten, mal Wanderbegleiter, mal kuschelige Reittiere für Kinder oder auch verschmuste Therapeuten in schweren Zeiten. Zumindest die vier „Wanderesel“ auf dem Hof 1 in Unterrosphe, deren Namen alle mit „P“ beginnen: Piet, Pepe, Pepper und Petty.

Der Aufbau einer ­Lebensgemeinschaft

Die Hofanlage, im Ort eher bekannt als „Raabes Hof“, hat Bonnie Wohlers gekauft und privat saniert, sich ein Zuhause und zugleich Gästen eine Ferienwohnung aufgebaut. Die Goldschmiedin holte auch die vier Esel zu sich und bietet Besuchern gemeinsame Wanderungen durch das Dorf und den Burgwald an.

So ein Waldspaziergang mit Eseln macht Spaß und sorgt alleine durch die stoische Gelassenheit der Tiere dafür, dass der Alltagsstress schnell in Vergessenheit gerät. Im schnellen Schritt loswandern und Strecke machen – das funktioniert hier nicht. Denn auch wenn Piet oder Sohn Pepe gerade nichts Spannendes beobachten, gehen sie den Tag geruhsam an, auch wenn sie brav neben den Menschen dahin traben. Sie anzutreiben bringt gar nichts, vielmehr muss der Mensch sich drosseln, „man muss sich dem Tempo der Tiere anpassen, das bringt einen selber runter“, sagt die Eselführerin.

Die Eselwanderung in Bildern

Genau danach sehnen sich viele ihrer Hofgäste, nach Entspannung, Ruhe und Abgeschiedenheit. So wie Ulrike aus dem Ruhrgebiet, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, aber kürzlich für ein paar Tage auf den Hof zog. Und das zum zweiten Mal, um Kraft zu tanken: „Es ist einfach herrlich, wenn man aus dem Gewohnten raus kommt, weg aus der Stadt in die Stille und hier auch noch nette Menschen kennen lernt“, freut sich die Urlauberin. Oder eben Esel, die bei einer Waldwanderung das Tempo aus dem Alltag holen, „man kommt danach verändert nach Hause zurück, mit mehr Kraft, Achtsamkeit und neuen Ideen“, lobt sie und wuschelt Piet durch das dichte Fell.

Und dabei komme es durchaus vor, dass die Esel als Eisbrecher fungieren und Besucher im Wald ihr Herz ausschütten, „die Natur hat eine therapeutische Wirkung, es geht darum, wieder mit allen Sinnen bei sich zu sein und abschalten zu können“, erzählt Bonnie Wohlers. Zwischen Heubett-Romantik und Eselwanderung als „Mikroabenteuer“ sieht sie auch einen therapeutischen Ansatz. Sie hat einen Sohn mit Down-Syndrom und will ihren Hof für Menschen mit und ohne Behinderung öffnen. Das große Ziel: Einen Ausgangspunkt für eine künftige Lebensgemeinschaft schaffen.

... und als Video

Daran arbeitet sie gemeinsam mit Freundin Gitta Katharina Damm, Fachberaterin für Sozialrecht, die sich wie die Kollegin zur Trauerbegleiterin weiterbildet. Sie erlebe bei ihrer Arbeit als Beraterin eine wachsende Unruhe bei vielen Menschen, der Stressfaktor steige auch wegen Corona. Eine Belastung, die viele Menschen durch kleine Auszeiten abzubauen versuchen. Es gehe um die Pflege der Seele, das ziehe Besucher nach Unterrosphe, die Ruhe und Abstand vom Alltag und von großen Menschenmengen suchen.

In der Pandemie wächst die Bedeutung von ländlichen Kurztrips und Freiluft-Hobbys, diesen Eindruck haben auch die Tourismus-Experten der Marburg Stadt und Land Tourismus (MSLT). „Die Nachfrage nach Wandern oder nach Aufenthalten in der Natur ist gestiegen“, berichtet Katrin Lotzmann von der Qualitätssicherung der MSLT.

Die Buchungszahlen der Gesellschaft machen dabei nur einen Bruchteil am Markt aus, jene anderer Buchungsportale sind nicht darunter, aber alleine dieser Einblick und Rückmeldungen einzelner Gastgeber zeige einen gewissen Anstieg: Zwischen Juli und Dezember 2021 lagen die Buchungen über das regionale Portal bei 30 Prozent im ländlichen Raum des Kreises. 70 Prozent bezogen sich auf die Stadt Marburg, wobei die ebenso prädestiniert für Ausflüge aufs Land sei, man ist schnell im Grünen.

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Weitere Informationen im Internet unter www.hof-1.de

Das haben die Gäste vom Hof 1 direkt vor der Tür, ob mit oder ohne Esel-Begleitung. Die endet übrigens, wie sie begann – mit freudigem Gebrüll und Quietschern, als Pepper und Petty die heimgekehrte Wandergesellschaft begrüßen. „Hallo!“, „Hunger!“, soll das wohl heißen, es ist auch Fütterungszeit. Dann erst kehrt wieder die gewohnte Ruhe im Stall ein. Bis zum nächsten Ausflug in die Abgeschiedenheit.

Von Ina Tannert