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Nordkreis Rückzugsort mit Seltenheitswert
Landkreis Nordkreis Rückzugsort mit Seltenheitswert
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11:58 08.09.2021
Ein Kaisermantel, ein großer Waldschmetterling im Naturschutzgebiet Krämersgrund im Burgwald.
Ein Kaisermantel, ein großer Waldschmetterling im Naturschutzgebiet Krämersgrund im Burgwald. Quelle: Ina Tannert
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Mellnau

Ein reiches Naturidyll, weite, geschlossene Wälder, seltene Pflanzen und Tiere, eine der bedeutsamsten Moorlandschaften des Landes – das macht den Burgwald aus und besonders schützenswert. Mit etwa 20.000 Hektar zusammenhängender Waldfläche gehört er zu den größten Waldgebieten in Hessen und weist gleich eine ganze Reihe an Schutzgebieten auf. Sechs Naturschutzgebiete wurden zuletzt von der Oberen Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums Gießen erweitert.

Die Eigenarten, die Bedeutung für die Natur, das Klima, Fauna und Flora einiger bedeutsamer Flächen beleuchtet die OP in den nächsten Wochen in einer Mini-Serie über die Schutzgebiete im Nordkreis. Wir beginnen am Rand des Burgwaldes, mit dem Naturschutzgebiet „Krämersgrund/Konventwiesen“: Im Verhältnis zu anderen ein kleines Gebiet, östlich von Mellnau gelegen, das bereits 2020 erweitert wurde.

Tour durch das Gebiet

Es ist klein, „aber es ist ganz anders als der Rest“, berichtet Anne Archinal von der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ bei einer Tour durch das Gebiet. Eine Besonderheit fällt schnell auf: An vielen Ecken entlang der Wege, Teiche und Wiesen mitten im Wald gedeihen Orchideen. „Nirgendwo im Burgwald gibt es so viele wie hier.“

Der Wald öffnet sich immer wieder für Freiflächen, etwa magere Flachland-Mähwiesen, auf denen sich besonders schützenswerte Arten wohl fühlen. Etwa das Breitblättrige Knabenkraut, eine Orchideenart, die im Sommer für auffallend lila gefärbte Wiesen sorgt.

Das Breitblättrige Knabenkraut fühlt sich im Naturschutzgebiet Krämersgrund besonders wohl, wo es auffallend viele Orchideen-Arten gibt. Quelle: Lothar Feisel

Die Pflanze zählt wie alle Knabenkräuter als sogenannte „Verantwortungsart“, eine Pflanzengattung mit besonderem Schutzstatus, die besonders gefährdet ist, nur an bestimmten Orten vorkommt und deren Erhalt als besonders bedeutsam gilt.

Das gilt für mehrere Arten im Burgwald, auch die Schwarze Teufelskralle, die hier ebenfalls wächst und nur in Mitteleuropa vorkommt. Über die nächste Wiese flattert ein ebenfalls farbenfroher Waldschmetterling, ein Kaisermantel, ein großer Tagfalter. „Das ist ein Weibchen“, berichtet Lothar Feisel, zweiter Vorsitzender des Vereins, nach nur einem Blick.

Ein Kaisermantel, ein großer Waldschmetterling im Naturschutzgebiet Krämersgrund Quelle: Ina Tannert

Er kennt sich aus, beobachtet die reiche Tier- und Pflanzenwelt im Burgwald schon lange. Und der Falter teilt sich den Luftraum mit vielen Arten, seinen Weg kreuzt eine pfeilschnelle Libelle, eine Westliche Keiljungfer. Kein Wunder, in direkter Nähe ist der alte Feuerlöschteich, an dessen Ufer sich eine reiche Naturlandschaft entwickelt hat.

Mächtiges Moor von Dürre bedroht

An einer Nebenstraße wächst eine vierblättrige Einbeere, eine giftige Art, die ebenso wie die Orchideen Kalkböden bevorzugt. Die sind dort eigentlich gar nicht verbreitet; wie die Naturschützer vermuten, könnte das darauf hindeuten, dass es im Untergrund eine Kalkader gibt und so basenreicheres Wasser hier an die Oberfläche gelangt. Dies kommt jenen Pflanzen zugute, die das übliche saure Milieu im Burgwald meiden würden, schätzt Archinal.

Am Erlenbruchwald vorbei öffnet sich der besonders feuchte Teil des Naturschutzgebiets, das Moor ist dort mit 2,2 Metern besonders mächtig. Hier gibt es auch den einzigen intakten Schwingrasen in dem Bereich, der auf einem etwa einen Meter starken Wasserkissen schwimmt. Wie lange das noch der Fall ist, sei ungewiss, bei sinkenden Wasserständen drohe das schwimmende Geflecht festzuwachsen. „Die Trockenperiode hat auch hier Einfluss“, bedauert die Naturschützerin.

40 Arten von 60 in Hessen

Das Geflecht wird gebildet von Schnabel-Segge und Schlangenwurz, außerdem einem Torfmoos-Seggen-Wollgras-Ried. Schlangenwurz, eine Pflanze mit auffallend herzförmigen Blättern, ist in Hessen sehr selten, gute Bestände sind nur an drei Stellen in Hessen zu finden, vor allem im Burgwald und dort gleich an mehreren Standorten.

Auch anspruchsvolle Tiere fühlen sich hier wohl, etwa der Zwergtaucher, die arktische Smaragdlibelle oder die große Binsenjungfer. Alleine 14 Libellenarten wurden in diesem Schutzgebiet gezählt, im ganzen Burgwald kommen mehr als 40 Arten von 60 in Hessen bekannten vor. „Schon das spricht für die Einzigartigkeit des Burgwaldes“, sagt Archinal.

Krämersgrund/Konventwiesen

Das Schutzgebiet wurde zuletzt im Jahr 2020 von früher 9,8 Hektar auf nun 12,63 Hektar nach Süden hin erweitert. Mit dem Ziel, die wertvolle, sich im Süden anschließende Orchideenwiese zu schützen.

Besucherhinweis: Wie für alle Naturschutzgebiete gilt, dass sich Besucher ausschließlich auf öffentlichen Wegen aufhalten dürfen, um die Tier- und Pflanzenwelt nicht zu stören. Für dieses Gebiet gibt es den Radweg R1, der von Mellnau am Forsthaus Mellnau vorbei zum Krämersgrund führt.

Von Ina Tannert