Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Nordkreis Rohstoffverwerter muss nun sanieren
Landkreis Nordkreis Rohstoffverwerter muss nun sanieren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:05 25.07.2019
Noch staubt es gewaltig auf dem Hof der Marburger Rohstoffverwertung. Quelle: Nadine Weigel
Goßfelden

Vor sechs Jahren hatte das Regierungspräsidium (RP) in Gießen das Unternehmen aufgefordert, den Schadstoffausstoß des Betriebes mittels technischer Maßnahmen einzudämmen. Das Unternehmen wehrte sich erfolgreich vor Gericht. Umgebaut wurde seitdem offenbar nichts, vielmehr arbeitete der Betrieb normal weiter. Hinter den Kulissen wurde aber um eine Einigung gerungen.

Und die liegt nun auf dem Tisch: Wie RP und Bürgerinitiative Windrose übereinstimmend mitteilten, haben die Verantwortlichen des Unternehmens einen Vertrag mit der Gießener Behörde unterzeichnet, der die Firma zu verschiedenen Maßnahmen verpflichtet. Die Firma hat laut Bürgerinitiative 18 Monate Zeit, die einzelnen Punkte sukzessive umzusetzen, sobald die Vereinbarung rechtskräftig ist.

Als Erstes wird ein neuer Sauger installiert

So muss die Marburger Rohstoffverwertung (MRV) in einem ersten Schritt am Schredder, das Kernstück der Anlage, eine leistungsstärkere Absaugeinrichtung installieren. Zudem soll der Schredder eingehaust werden, sodass keine potenziellen Schadstoffe mehr in die Umwelt gelangen können.

Dies war immer einer der wichtigsten Kritikpunkte, die von der Windrose gegen den Betrieb der Anlage vorgebracht wurden. Nach Ansicht der Bürgerinitiative seien seit 1991, als der Schredder in Betrieb ­genommen wurde, durch die ­undichte Gebäudehülle immer wieder Schadstoffe in die Luft abgegeben worden.

Im nun unterzeichneten Vertrag wird die Marburger Rohstoffverwertung (MRV) außer­dem dazu verpflichtet, den staubträchtigen Sortierbereich der Siebtrommel ebenfalls einzuhausen. Die sogenannte Schredderleichtfraktion – Reste verschiedener Materialien, die bei Zerkleinerungs- und Separationsprozessen anfallen – muss zukünftig geschlossen gelagert­ werden. Hierbei handelt es sich laut RP um besonders verwehbaren und möglicherweise schadstoffbelasteten Abfall.
Das Förderband aus der Schredderanlage muss teilweise­ geschlossen werden. Zusätzlich soll laut Vertrag eine Windschutzwand errichtet werden.

Konflikt war bis vor Kasseler Verwaltungsgericht gelangt

Damit sich kein Staub bildet, werden Vorrichtungen geschaffen, mit denen Lagerflächen im Freien und bei Umschlagvorgängen befeuchtet werden können. Schließlich muss die MRV die Fahrwege sanieren.

Mit diesem Maßnahmenpaket sieht das RP den Streit zwischen Bürgerinitiative Windrose, dem Unternehmen und der eigenen Behörde beigelegt. Der Konflikt war bis vor das Kasseler Verwaltungsgericht gelangt. Der Gerichtshof hatte die Anordnungen zur Emissionsminderung gekippt. Seitdem war völlig unklar, wie es mit dem Beschluss der Gießener Behörde weitergeht, was davon umgesetzt wird und wann.

Die Windrose war in all den Jahren die treibende Kraft bei den Anstrengungen, das Unternehmen zu Sanierungsmaßnahmen zu bewegen. Die Aktiven um den Vorsitzenden Günther Knarr versuchten nachzuweisen, dass die Rohstoffverwertung Schadstoffe in die unmittelbare Umgebung abgibt.

Äcker mit krebserregenden Dioxinen belastet

Nachdem es 2011 auf dem Rohstoffhof in Goßfelden gebrannt hatte, zeigten Untersuchungen von Tierfutter, dass das Ackerland in unmittelbarer Umgebung der MRV stark belastet ist, zum Beispiel mit krebserregenden Dioxinen. Das Unternehmen hatte vor Gericht argumentiert, dass es nicht sicher sei, dass die Schadstoffe in den Äckern vom eigenen Betrieb stammen.

Mit dem Vertrag zwischen MRV und RP habe die Windrose ein zweites wichtiges Umweltschutzziel erreicht, heißt es in der Presseerklärung der Bürgerinitiative. Im Jahr 2000 gegründet, hatten die Aktiven zunächst den Bau einer Verbrennungsanlage für Sondermüll in Goßfelden verhindert.

Auch seitens der Gießener Behörde sieht man die Einigung positiv. „Um die aktuelle einvernehmliche Konfliktlösung herbeizuführen, wurden über Monate hinweg – auch mit Beteiligung der Bürgerinitiative – Gespräche geführt“, sagt Regierungsvizepräsident Martin Rößler. Der Standort in Goßfelden sei besichtigt worden, Gutachten wurden angefertigt. „All das war nur möglich, weil sich Positionen angenähert hatten und der neue Eigentümer mit der geänderten Geschäftsführung des Unternehmens eine Bereitschaft für eine Einigung signalisierte.“

Auf OP-Nachfrage wollten sich die Verantwortlichen des Unternehmens wie schon in der Vergangenheit auch nicht zu dem Sachverhalt äußern. Eigentümer der MRV ist der chinesische Schrottverwerter Chiho-Tiande. Das Unternehmen aus Fernost war vor etwa drei Jahren bei der Scholz Recycling GmbH finanziell eingestiegen, dem ehemaligen Eigner der MRV in Goßfelden.

Auch Lahntals Bürgermeister Manfred Apell betont die Rolle des neuen Eigentümers bei der Einigung. Seitdem die chinesische Firma das Sagen hat, sei es in den Verhandlungen vorangegangen, so Apell. Die Gemeinde Lahntal war bei den Verhandlungen zwischen MRV und RP nicht involviert.

Die Chinesen und der Umweltschutz

Unterm Strich freue er sich, so der Bürgermeister. „Es ist ein gutes Ergebnis.“ Allerdings hätte eine frühere Einigung allen Beteiligten viel Ärger erspart.
Auch Dr. Wilfried Fiedler von der Windrose zeigte sich zufrieden mit dem Abschluss. Mit einem Schmunzeln verwies auch er auf die Rolle des chinesischen Unternehmens. Es sei erstaunlich, dass erst die Chinesen kommen müssen, um den Deutschen zu zeigen, wie wichtig Umweltschutz sei, so sein Fazit.

von Dominic Heitz