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Nordkreis „Rapunzel“ hob einen besonderen Verein aus der Taufe
Landkreis Nordkreis „Rapunzel“ hob einen besonderen Verein aus der Taufe
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15:00 11.12.2021
20 Jahre Verein Turmwerkstatt – Kultur im Dorf Amönau: Die Plakate der einzelnen Stücke zeugen von einer erfolgreichen Vereinsgeschichte
20 Jahre Verein Turmwerkstatt – Kultur im Dorf Amönau: Die Plakate der einzelnen Stücke zeugen von einer erfolgreichen Vereinsgeschichte Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Amönau

Die ersten zwei Jahrzehnte dieses Jahrhunderts sind auch die aktiven Jahrzehnte der Turmwerkstatt Kultur im Dorf Amönau. In diesem Jahr feiert der Verein sein 20-jähriges Bestehen und blickt auf eine Reihe von unglaublichen Produktionen zurück, an die im Jahr 2000 noch keiner dachte. In zwei Teilen würdigt diese Zeitung das Gewesene und informiert darüber hinaus im zweiten Teil über die derzeitige Situation und Planungen für die Zukunft.

Nun aber tauchen wir ab in das Jahr 2000. In diesem Jahr feierte der größte Stadtteil von Wetter den Abschluss seiner Dorferneuerung. Ein bereits 1988 aufgeführtes Stück sollte noch einmal aufgeführt werden. Ludwig Ronzheimer wollte diese erneute Aufführung auf „professionellere“ Beine stellen und warb die Regisseurin „Bruno“ Heß an, die dann zusammen mit „Ecki“ Scherer die Neuinszenierung des Stücks „Rapunzel“ übernahmen.

Wichtiger Bestandteil dieses, sowie aller folgenden Musicals, war neben der Schauspielerei und dem Gesang auch die Tänze, deren Choreografische Leitung Angelika „Geli“ Salomon übernahm. „Rapunzel“ schlug richtig ein. Von Abend zu Abend wurden es mehr Zuschauer. Die, die es gesehen hatten, sprachen in den höchsten Tönen davon, und so wollten es immer mehr selbst sehen. Und so wurde tatsächlich die Einlassgrenze von 700 Zuschauern erreicht. Insgesamt besuchten die Aufführungen fast 3 500 Menschen und alle waren begeistert. Die finanzielle und organisatorische Verantwortung zu dieser Zeit lag noch beim Ortsbeirat und dem Heimatverein.

Als es sich abzeichnete, dass es eine Fortsetzung geben sollte, suchten engagierte Menschen nach Wegen, eine Selbstständigkeit zu erreichen. Schließlich erklärten sich Regina Wabnegg, die eine Rolle als Zauberin in dem Rapunzelmusical übernommen hatte, Petra Feußner, die gleichfalls als Mutter von Rapunzel mitspielte, Heinz Aßmann, der weitgehend für den organisatorischen Part verantwortlich gewesen war und Doris Ronzheimer, die auch bei Rapunzel für die Finanzen mit verantwortlich war, bereit, den Vorstand eines neuen Vereins zu bilden.

Rapunzelturm ist der Namensgeber

Der Verein sollte Turmwerkstatt nach dem Rapunzelhäuschen und dessen Turm, aus dem die Ideen sprudeln sollten, – Kultur im Dorf, genannt werden. Den ersten Vorstand komplettierten dann Indra Müller, Helke Bender, Sandra Keutner, Elmar Brathe und Betty Brinkmann.

Eigens zur ersten öffentlichen Präsentation im Bürgerhaus 2001 hatten „Bruno“ und „Ecki“, wie sie im Verein genannt wurden, erneut eine Handlung unter dem Titel „ Ein Verein stellt sich vor“ auf die Bühne gebracht. Spielszenen wurden ergänzt durch Musik aus Eckis Feder und Studio. Der Verein konstituierte sich und wurde eingetragener gemeinnütziger Verein in Amönau.

Man nahm sich vor, im Rhythmus von zwei Jahren ein Werk umzusetzen. Ein zweites Mal wurde das erfolgreiche Duo „Bruno“ und „Ecki“ gefragt, ob sie sich ein weiteres Musical in Amönau vorstellen könnten – und sie konnten. Bruno Heß sagte später: „Da stand ich so am Treisbach und schaute auf das Gelände am Zusammenfluss der beiden Bäche und mir kam die Inspiration zum neuen Stück.“ Aus dem Keltischen entnahm sie den Namen der Titelfigur „Suaine – die Wasserfrau“. Wieder begann alles von vorne. Drehbuch schreiben, Musik komponieren, Kostüme entwerfen und schneidern. Proben, proben und nochmals proben. Im Dorfgemeinschaftshaus und am Spielort. Tierdressur von Schafen und Gänsen. Technik in den Bachlauf bauen, Tribüne für die Zuschauer auf der gegenüberliegenden Straße Am Bach bauen, Beleuchtungsmasten errichten, Beleuchtung installieren, Riesengestelle für drei schreckliche Gestalten herstellen und vieles mehr.

„Katastrophenfreundschaft“ mit Zschadraß

Dieses Mal war die Erwartungshaltung schon sehr hoch, und die Zuschauer strömten nur so nach Amönau. Neben dem wilden Wasser in dem Stück gab es zeitgleich echtes „wildes Wasser“ an Mulde und Elbe. Dieses wurde für die Anwohner der Flüsse zum Albtraum. Die Vereinsmitglieder beschlossen zu helfen. Eine Benefizveranstaltung wurde eingebaut und auch diese wurde zum Riesenerfolg. Sponsorengelder ergänzten die abendlichen Einnahmen auf 10 000 Euro. Mit der Unterstützung von Jochen Schmidt aus Marburg, der für die Hessenschau arbeitet, und dem ZDF- Sendestudios in Dresden fand Heinz Aßmann das „vergessene Dorf“ Zschadraß an der Mulde. Das ZDF hatte kurz vorher von Dörfern in den betroffenen Gebieten berichtet, die von Spendengeldern nicht erreicht wurden. So führte der Weg der Vorstandsmitglieder und anderer Vereinsmitglieder, begleitet von einem Fernsehteam der Hessenschau nach Zschadraß und seinem damaligen Bürgermeister Matthias Schmiedel.

Reise, Aufnahme vor Ort und Aufenthalt werden unvergessen bleiben, nicht nur weil die Hessenschau am 21. November 2002 über das ganze Unternehmen einen halbstündigen Beitrag brachte, nein, man fand neue Freunde. Die Sendung wurde unter dem Titel „Katastrophenfreundschaft“ gesendet. Besuchen folgten Gegenbesuche und noch heute besuchen sich einzelne Vereinsmitglieder und Bürger aus Zschadraß. Im Jahre 2003 erhielt der Verein, als erster Verein in Amönau überhaupt, den höchsten Kulturpreis, den der Landkreis Marburg-Biedenkopf vergeben kann, den Otto-Ubbelohde-Preis. Das war sicher ein schöner und verdienter Meilenstein auf dem Weg zu einer festen kulturellen Größe im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Darüber berichten wir in einem zweiten Teil in unserer Donnerstagsausgabe.

Von Götz Schaub