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Nordkreis Räuberischer Reiher räumt Teiche leer
Landkreis Nordkreis Räuberischer Reiher räumt Teiche leer
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11:57 27.05.2020
Der liebevoll gepflegte Gartenteich mit Goldfischen ist einer der Lieblingsplätze von Michael Keil und Edeltraud Hamel. Quelle: Ina Tannert
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Bürgeln

Gartenteichbesitzer in Bürgeln sind alarmiert – in dem beschaulichen Ort hat sich eine wahre Diebstahlserie ereignet. So mancher würde gar von Mord sprechen, denn es gibt Dutzende Opfer zu beklagen.

Der Täter ist ausgeflogen und das wortwörtlich, er ist weggeflogen und doch nie fern, kehrt sogar zurück an den Tatort seiner dunklen Machenschaften. Die Rede ist von einem trickreichen Vertreter der Familie „Ardeidae“, nennen wir den Angeklagten R. Eiher.

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Und der ist bereits Mehrfachtäter, soll zahlreichen liebevoll gepflegten Zierfischen bedenkenlos den Garaus gemacht haben. Dutzende Bewohner aus mindestens drei Gartenteichen in Bürgeln fielen dem stelzenden Federtier mit dem dolchartigen Schnabel zum Opfer. Darunter fast 50 eigentlich behütet lebende Goldfische von Michael Keil, die der räuberische Reiher vor einigen Tagen holen kam.

Aber Spaß beiseite, der diebische Vogel hat tatsächlich einiges angerichtet in dem gepflegten Teich direkt neben dem Mehrfamilienhaus und zeigte ein eigentlich untypisches Verhalten.

Auge in Auge mit dem Dieb

„Ein Reiher im Dorf ist schon ungewöhnlich, das habe ich noch nie erlebt, eigentlich sind die Tiere ja sehr scheu“, berichtet Keil. Er hat den Gartenteich vor Jahren angelegt, verbringt gerne den Feierabend am Wasser und ist selber Hobby-Angler, hat schon viele Reiher beobachtet. Der anscheinend äußerst mutige Vertreter seiner Art saß sogar schon auf dem Hausdach und erkundete Tage vorher bereits die Lage.

Den Dieb dann quasi auf frischer Tat ertappt hat Nachbarin Edeltraud Hamel, die im selben Haus lebt: Als sie vorletzte Woche zu dem von prächtigem Grün umgebenen Gartenteich ging, stand er direkt vor ihr im Wasser, vermutlich ein Graureiher, der auf Futtersuche durch die Seerosen stakste. „Ich war erstmal sehr überrascht, als ich dann auf ihn zuging, flog er weg – der Teich war ganz trübe und die Fische lagen am Boden platt wie Steine“, berichtet die Seniorin.

Keil nicht das einzige Opfer

Sie alarmierte sofort ihren Nachbarn, der vermutet, dass es die meisten seiner Tiere da noch schafften, sich zu verstecken. Am nächsten Tag kam dann der Schock, fast alle der 50 Goldfische waren verschwunden, nur eine Handvoll der kleineren Tiere scheint dem zweitägigen Raubzug entgangen zu sein. „Alle meinen schönen Bunten sind weg, die sind ja keine Feinde gewohnt und hatten keine Chance“, erzählt Keil.

Dass der dekorative Gartenteich von einem Reiher heimgesucht wird, das gab es noch nie, berichten beide Nachbarn. Nachdem der Reiher zugeschlagen hatte, informierte Hamel Bekannte mit Teichen im Ort. Doch auch da zeigte sich, dass bereits zwei weitere betroffen waren, anscheinend ebenfalls geplündert. „Man sieht Reiher ja oft in den Feldern, aber doch nicht im Garten, vielleicht findet er nichts mehr zu fressen und kam deshalb her“, vermutet die Seniorin.

Naturschützer: „Das ist nicht schön“

Eigentlich sollten die Tiere derzeit genügend Nahrung – Fische oder Mäuse – in der Umgebung finden, sagt Karl-Heinz Prisille, Vorsitzender des Naturschutzbunds (Nabu) Reddehausen, auf Nachfrage. Dass ein Reiher aber auf einen Gartenteich zurückgreift, hat er auch noch nicht erlebt, „das ist schon ungewöhnlich, vom Grunde her sind Reiher scheu, dieser hat wohl eine bequeme Nahrungsquelle für sich entdeckt“, schätzt er.

Den Ärger könne er verstehen, „das ist nicht schön für Gartenbesitzer, vielleicht hilft ein Netz über dem Teich oder ein Band aus Plastik, das im Wind flattert und den Reiher vergrämt, es wäre zumindest einen Versuch wert“, lautet ein Tipp von Prisille.

Keil will seinen Teich auch vor weiteren Übergriffen schützen, etwa Bambusstöcke darüber platzieren. Was den gefiederten Dieb angeht, ist er aber nicht nachtragend: „Das ist eben Natur, Reiher müssen auch leben, wahrscheinlich hat der auch Nachwuchs – ich muss jetzt wohl warten, bis er die Jungen großgezogen hat, bevor ich mir neue Fische hole“, sagt Keil.

Von Ina Tannert

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