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Nordkreis Der Krankheit eine Gestalt geben
Landkreis Nordkreis Der Krankheit eine Gestalt geben
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20:54 02.08.2020
Stephan Jürgens-Jahnert, Psychotherapeut im Ruhestand, erschafft Kunstwerke, die Aspekte einer kranken Psyche veranschaulichen sollen – und die Stationen der Genesung. Quelle: Ina Tannert
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Treisbach

Sie heißen „Einschwingen“, „Aushalten“, „Gefallener Engel“ oder „Seelenheilung“ – die Objekte, die Stephan Jürgens-Jahnert in Treisbach baut und in die er sein Wissen als Psychologischer Psychotherapeut einfließen lässt.

Es sind Installationen aus Metall, Holz oder Kunststoff, die Interpretationsspielraum lassen, für die der ungeübte Betrachter aber auch eine Erklärung braucht. Denn die spezielle Art seiner Arbeiten zeigen ganz verschiedene Aspekte der menschlichen Psyche, in kranker und in gesunder Form.

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Wie sieht der Beobachter etwa die metallene Figur, die mit einem Balancierstab auf einer dünnen Metallröhre steht? Am anderen Ende hängt ein schweres Gegengewicht, bei zu viel Druck kippt die eine oder andere Seite – es geht um Gleichgewicht, sowohl was den menschlichen Geist angeht, aber auch als Aspekt der therapeutischen Facharbeit.

Damit kennt sich Jürgens-Jahnert aus, der heute 68-Jährige hat jahrzehntelang Patienten in seiner Praxis in Wetter behandelt, ist tief eingetaucht in ein breites Spektrum an Traumata, die psychische Wunden reißen.

Erste Zeit im Ruhestand war intensiv

Er weiß, was das bei einem Menschen anrichten kann, hat mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet, mit psychischen Störungen verschiedener Art. Seine Erlebnisse und sein Fachwissen fließen in seine Kunst ein. Seine Objekte zeigen verschiedene Stadien einer gestörten Psyche, vom tiefen, dunklen Abgrund der Verzweiflung, über das behutsame Öffnen des Geistes, der sich mit dem eigenen Zustand auseinandersetzt, bis hin zur Befreiung, zu Verständnis und Gesundung.

Wie kam er zur Kunst, nachdem er 2017 den Ruhestand antrat? Durch eine spontane Eingebung, er war zuvor nie künstlerisch tätig, hat einfach angefangen aus verschiedenen Materialien Objekte zu bauen. Oft in den Momenten, als ihn eine Erinnerung an das Berufsleben überkam, „das war eine unglaublich intensive Zeit, ich denke oft daran“.

Etwa an eine Patientin mit multipler Persönlichkeitsstörung, die regelmäßig mit einer anderen, gerade „aktiven“ Persönlichkeit zur Therapie erschien. Ihre Lage stellt Jürgens-Jahnert anonym mit einem Objekt dar, das auf den ersten Blick an ein chaotisches Puppenhaus erinnert: In einem Käfig aus Draht stehen die einzelnen Charaktere auf verschiedenen Ebenen, der freundliche „Sonnenschein“, die verschlossene Eiskönigin, die stolze Kriegerin. Und ganz hinten im Dunkeln, der Täter, der wahrscheinliche Auslöser von Trauma und Störung, auch er ist immer Teil der kranken Psyche.

Seele ganz in der Hand des Therapeuten

Warum stellt er psychische Störungen auf diesem Wege bildlich dar? Um den verschiedenen Aspekten eines vielschichtigen menschlichen Geistes, „der Krankheit eine Gestalt zu geben“. Für ihn sei das eine Form der „Selbstverwirklichung, ich mache das nicht für andere, nur für mich selber“.

Ebenso verleiht er seinen Erinnerungen an den Beruf Ausdruck, zeigt das, was einen Therapeuten ausmachen sollte. Das findet sich etwa in seinem liebsten Objekt wieder: Zwei Hände formen mit nach oben geöffneten Handflächen eine Schale, darüber „schwebt“ eine mit LED-Lampen beleuchtete Scheibe, die zerbrechliche Seele des Kranken. „Als Therapeut halte ich quasi die Seele meines Patienten in den Händen.“

Die im Objekt sind seine eigenen, in Gips gegossen. Sie sollen beschützen, behüten, berühren die „Seele“ aber nicht. „Kein Patient möchte von dem Therapeuten berührt werden, weder körperlich noch seelisch“, sagt Jürgens-Jahnert. Darin spiegele sich wieder das Fachliche, die professionelle Distanz, die beide Seiten einzuhalten haben.

Arbeit zeigen, aber nichts bewirken

Viele Werke dokumentieren das Positive seiner Arbeit, die Erfolge, die Patienten durchleben können, „ich will zeigen, was die Genesung bedeuten kann“. Manche zeigen aber auch die Abgründe auf oder richten sich an aktuelle Weltlagen. So hat Jürgens-Jahnert zur Rassismus-Debatte in den USA eine Figur aus Metall gefertigt, die kniet. In einer Sprechblase ist „Justice“ zu lesen. Gerechtigkeit. Damit zeige er seine eigene Solidarität und die vieler anderer Menschen, die sich durch diese Geste öffentlich solidarisch mit der Black-Lives-Matter-Bewegung zeigen.

Zum Verkauf bietet er seine Stücke nicht an, will damit kein Geld verdienen, sie aber dennoch öffentlich vorführen. Etwa auf der eigenen Homepage, seine erste Ausstellung präsentierte er bereits auf einer Psychotherapeuten-Tagung und plant demnächst eine Haus-Ausstellung. Er wolle seine Arbeit zeigen, dadurch aber „nichts bewirken – ich mache das für mich, wenn es aber Leuten hilft, ist das eine tolle Zugabe“.

Am 15. und 16. August zeigt Jürgens-Jahnert seine Objekte bei einer öffentlichen Haus-Ausstellung auf seinem Hof in Treisbach. Weitere Informationen unter www.psyche-in-kunst.de

Von Ina Tannert