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Nordkreis Gericht hört Notrufe und Polizistenaussagen
Landkreis Nordkreis Gericht hört Notrufe und Polizistenaussagen
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00:18 30.04.2019
Vor dem Marburger Landgericht wurde der Prozess gegen einen Mann aus Caldern fortgesetzt, der versucht haben soll, seine Ehefrau zu erwürgen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Es waren mitunter dramatische Momente, die sich am 10. Juni vergangenen Jahres in Caldern abgespielt haben. Das bezeugten die Notrufe, die mehrere Zeugen an die ­Polizei absetzten. Eine weinende 40-jährige Frau und ein jammernder 47-jähriger Angeklagter verliehen der Dramatik des Tattages Nachdruck.

Die aufschlussreichste Audiodatei, die sich die Prozessbeteiligten zu Gemüte führten, waren die Aufzeichnungen des Notrufs eines Nachbarn des einstigen Ehepaares. Dieser soll sich laut Anklageschrift dem Beschuldigten in den Weg gestellt haben, als dieser seine damalige Ehefrau verfolgte. Über 30 Minuten am Stück stand er mit der Polizei in Telefonkontakt und hielt diese über die Geschehnisse auf dem Laufenden. Sogar noch nachdem die Streifenwagen in Caldern eintrafen. Auf der Audiodatei war ein lautes Klirren zu hören.

Dr. Frank Oehm, Vorsitzender des Schwurgerichts, erkannte das Geräusch als zerbrechendes Glas. Der Beschuldigte soll die Milchglasscheibe der Wohnung seiner Ehefrau eingeschlagen und von dort mehrere Steakmesser geholt haben.

Außerdem war der Beschuldigte zu hören, wie er eine Tötungsabsicht brüllte. Wobei sich die Prozessbeteiligten ob der Tonqualität nicht sicher waren, ob sie „Ich bringe mich jetzt um“ oder „Ich bringe dich jetzt um“ hörten. Der Nachbar sprach sogar mit dem Beschuldigten, der mit mehreren Messern bewaffnet war, und wirkte mit Sätzen wie „Lass es sein. Glaub mir, das bringt nichts“ auf den 47-Jährigen ein. Der hielt sich eines der Messer mehrmals an den eigenen Hals. Über Telefon informierte der Nachbar die Polizei, dass der Angeklagte „am Hals und an der Hand“ blutverschmiert sei.

In einem weiteren Notruf, abgesetzt vom Vermieter des ­damaligen Ehepaares, war der völlig aufgelöste Zustand der Frau zu hören. Bei ihm hatte die 40-Jährige auf der Flucht vor dem bewaffneten Mann Zuflucht gefunden. Der Polizist versuchte sie über Telefon zu beruhigen. Das gelang aber kaum. 

Opfer war "völlig fertig mit den Nerven"

Ähnlich ging es der Kriminalkommissarin, die die 40-Jährige kurze Zeit später vernahm. „Sie war völlig fertig mit den Nerven und hat ständig geweint. Außerdem wies sie Verletzungen am Hals auf“, erklärte die Polizistin.

Unter Drogeneinfluss habe die Frau nicht gestanden. Sie sei zwar nervlich am Ende, jedoch nicht verwirrt gewesen. Ganz anders schätzte sie das Verhalten des Beklagten ein, der auch nach mehrmaligem Auffordern das Messer in seiner Hand nicht fallen ließ.

Mittlerweile standen ihm mehrere Polizisten gegenüber. „Dann schießt doch“, habe der 47-Jährige immer wieder gerufen. „Das war wie im Film. Der Typ war völlig von Sinnen und hat ständig herum geschrien“, erklärte die Beamtin.

Eine weitere Polizistin, die auf den Notruf reagierte, gab an, dass dafür der Beschuldigte unter dem Einfluss von Drogen oder Medikamenten gestanden haben muss. Zwar habe der Mann nicht gelallt, doch sei seine Stimme ebenso wie sein Gang „nicht normal“ gewesen. Sie sprach von einem „Torkeln“.

Das Messer in seiner Hand habe er sich immer wieder an den Hals gehalten, selbst verletzt und gesagt, dass er keine Lust mehr habe. „Ich habe das als Willen, sich selbst das Leben zu nehmen, aufgefasst“, machte die Polizistin deutlich.

Schuss ins Bein überwältigt Angeklagten

Letztlich war ein Schuss ins Bein nötig, um den Angeklagten zu überwältigen. Wobei er nicht umgehend zu Boden ging. „Nach dem Schuss hat er immer wieder geflucht und stand noch etwa 30 Sekunden, die uns wie eine Ewigkeit vorkamen. Dann hat er das Messer fallen gelassen und ist zu Boden gesackt“, erklärte die Kommissarin.

Ein halbes Dutzend Polizisten waren nötig, um den kräftig gebauten Mann am Boden zu fixieren, dessen Bein abzubinden. Widerstand leistete er weiterhin und legte seine Aggressivität auch nicht ab, als ihm Handfesseln angelegt wurden. So endete der Einsatz in den späten Abendstunden des 10. Juni.

Bevor sich das Geschehen auf die Straße verlagerte, soll der Angeklagte die 40-Jährige in Tötungsabsicht gewürgt haben. Die Staatsanwaltschaft legt ihm daher versuchten Totschlag sowie Freiheitsberaubung zum Nachteil seiner Ex-Frau zur Last.

von Benjamin Kaiser