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Nordkreis Mann sieht sich für gute Tat bestraft
Landkreis Nordkreis Mann sieht sich für gute Tat bestraft
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13:59 09.07.2020
Ein Mann aus dem Nordkreis sieht sich vor Gericht missverstanden. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archiv
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Marburg

Dafür, dass er einmal fremden Müll aus der Landschaft entfernte, zahlt nun ein Mann aus dem Nordkreis 200 Euro Strafe. So jedenfalls empfindet er es. Für die Marburger Staatsanwaltschaft ist das Zahlen der 200 Euro das Minimum, denn sie glaubte nicht an die Unschuld des Angeklagten.

Nun wurde der Prozess gegen einen Mann fortgesetzt, der an einem Samstag im Oktober vergangenen Jahres nahe der Sandgrube bei Goßfelden illegal Müll entsorgt haben soll. Diesen Vorwurf bestritt der ohne Anwalt erschienene Mann bereits zum Start der Hauptverhandlung vor wenigen Wochen.

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Er führte dabei aus, bei einer Mittagspause den Müll entdeckt und kurzfristig damit begonnen zu haben, den Müll auf seinen Pritschenwagen zu laden, um ihn sofort in Wehrda bei der Müll-Umladestation fachgerecht zu entsorgen. Dann sei ihm aber bei einem Blick auf die Uhr eingefallen, dass die Station in wenigen Minuten schließen und er es nicht mehr bis dahin schaffen würde.

Also habe er die Dinge wieder abgeladen – mit dem Vorsatz, sie am Dienstag zu entsorgen, wenn sie dann noch dort stehen sollten. Er wollte den Müll nicht mit nach Hause nehmen und dort wieder abladen, weil er eigenen Angaben zufolge am Montag den Wagen für einen anderen Einsatz brauchte.

Polizist zeigte den Mann an

Allerdings wurde er von einem Polizisten, der sich nicht im Dienst befand, dabei beobachtet, wie er den Sperrmüll zunächst von seinem Wagen lud. Erst nachdem der Angeklagte den Zeugen gesehen hatte, habe er damit begonnen, wieder alles aufzuladen.

Der Polizist sagte, er sei davon ausgegangen, dass der Mann verstanden habe und habe sich ohne Worte entfernt. Doch als er am Folgetag den Müll nahe der Sandgrube noch immer stehen sah, zeigte er den Mann an. Er konnte vor Gericht zweifelsfrei darstellen, dass es sich auch wirklich um denselben Müll handelte.

Der Angeklagte sagte dazu nichts, ging eher dazu über, zu beweisen, dass er sein Vorhaben am Dienstag in die Tat umsetzte, weil der Müll vom Samstag immer noch dagewesen sei. Dem stand entgegen, dass mittlerweile der Bauhof der Gemeinde Lahntal tätig geworden sein sollte. Um das zu klären, wurde es notwendig, zwei weitere Zeugen zu hören, die nun am Montag geladen waren. Doch beide konnten nicht zweifelsfrei bestätigen, dass genau dieser Müll abgeholt wurde.

Zeuge kann den Müll nicht identifizieren

Ein Mitarbeiter sagte aus, dass an der besagten Stelle sehr häufig Abfall entsorgt werde. Auch bei der Vorlage von Fotos konnte er den Müll nicht als den ausmachen, um den es vor Gericht ging. Nach Aussage einer Mitarbeiterin der Verwaltung soll der Müll am Dienstagmorgen um 8 und auch noch nachmittags um 15 Uhr dort gestanden haben, dann sei er wenig später weg gewesen.

Der Angeklagte gab aber an, den Müll am Dienstagvormittag geholt zu haben, das könne er mit Belegen von der Müllumladestation beweisen. Und er sei dabei von einem Mann, einem Mitarbeiter der EAM, zur Kenntnis genommen worden. Der Bauhof-Mitarbeiter sagte, er könne nicht ausschließen, dass es sich bei dem Müll um 8 Uhr und bei dem um 15 Uhr um zwei verschiedene Müllhaufen gehandelt habe. Die Stelle nahe der Sandgrube werde sehr häufig zur illegalen Müllentsorgung genutzt.

„Ich habe nichts gemacht“

Richterin Sarah Knauf wandte sich deshalb an die Staatsanwaltschaft, um zu erfragen, ob diese sich mit einer Einstellung des Verfahrens zufrieden gebe – gegen Zahlung einer bestimmten Summe an eine gemeinnützige Einrichtung. Der Staatsanwalt ließ sich darauf ein und schlug 200 Euro vor.

Er machte aber auch klar, dass er davon ausgeht, dass der Müll tatsächlich vom Angeklagten stammt. Von daher sollten es dann schon 200 Euro sein. Nach kurzer Bedenkzeit willigte der Angeklagte ein, auch wenn er beteuerte, ungerecht behandelt worden zu sein. „Ich habe nichts gemacht und soll dafür auch noch etwas zahlen?“, fragte er.

Der Staatsanwalt und auch die Richterin ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass dies ein einmaliges Angebot war, die Sache zu beenden. Sie deuteten an, dass er sich bei Fortführung des Prozesses auch eine Vorstrafe einfangen könnte. Unter diesem Gesichtspunkt willigte er ein. Er hat nun sechs Monate Zeit, 200 Euro zu zahlen. Bis dahin bleibt es bei einer vorläufigen Einstellung.

Von Götz Schaub