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Nordkreis Platzhirsche streiten vor Gericht
Landkreis Nordkreis Platzhirsche streiten vor Gericht
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16:24 25.08.2017
Rotwild in stattlicher Zahl, nur vereinzelt oder gar nicht? Zwei Jagdpächter streiten mit der Jagdgenossenschaft vor Gericht um die angemessene Höhe des Pachtzinses.Archivfoto: Bernd Settnik
Rotwild in stattlicher Zahl, nur vereinzelt oder gar nicht? Zwei Jagdpächter streiten mit der Jagdgenossenschaft vor Gericht um die angemessene Höhe des Pachtzinses. Quelle: Bernd Settnik/Archiv
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Marburg

Darf ein Jagdpächter die Pacht für ein Rotwildrevier eigenmächtig mindern, wenn keine jagdbaren Hirsche mehr durch das Revier streifen? Und berechtigt das den Verpächter, eine außerordentliche Kündigung auszusprechen?

Seit mehreren Jahren streiten darüber zwei ehemalige Jagdpächter vor dem Zivilgericht mit der Jagdgenossenschaft, die das Revier jahrzehntelang an beide verpachtet hatte.

Die beiden Kläger sind die ehemaligen Pächter eines Jagdbezirks im Nordkreis. Den mit der Jagdgenossenschaft vereinbarten Pachtzins zahlten die Kläger nicht mehr in voller Höhe, regulierten die Zahlung vor drei Jahren um 3000 Euro nach unten. Mit der Begründung, dass es im Revier kein Rotwild mehr gebe. Dessen Vorkommen habe jedoch den höheren Wert ausgemacht. Ohne Rotwild erhalte das Revier quasi eine Herabstufung, was die Pacht verringern müsste, fanden die Kläger.

Dagegen wehrte sich die Jagdgenossenschaft, bestand auf dem Rotwild-Vorkommen und warf den Pächtern ­arglistige Täuschung vor. Ende 2014 sprach der Vorstand schließlich eine außerordentliche Kündigung des Jagdpachtvertrags aus. Wegen „vertragswidrigem Verhalten“, ­erklärte Dr. Christian Dienstbühl, Rechtsanwalt der Beklagtenseite während eines Verhandlungstermins Ende Juli.

Die Fronten zwischen den langjährigen Vertragspartnern scheinen verhärtet. Die Jäger wollen weiterhin Pächter sein und klagen gegen die ihrer Meinung nach rechtswidrige Kündigung. Rückwirkend verlangen sie eine Pachtzahlung von 5000 Euro für das Revier und damit 9000 Euro an Rückzahlungen von der Jagdgenossenschaft.

"Wild ist wild  niemand kann vorhersagen, wann es sich wo aufhält"

Das lehnte die Beklagte ab und berief sich auf einen Sachverständigen, der weiterhin Rotwild im Revier vermute, sagte der Rechtsanwalt. Ein Zeuge vom Landesjagdverband besuchte vor einigen Jahren das Gelände, fand nur wenige Anzeichen von Rotwild, bezeichnete das Gebiet jedoch generell als gut geeignet. Er vermutete, dass ein Revierwechsel stattfand, die Tiere danach wiederkehrten. Genau belegen ließe sich das nicht. „Wild ist Wild - niemand kann vorhersagen, wann es sich wo aufhält“, so der Mann. Weitere Zeugen gaben an, in den vergangenen Jahren ein paar Male Rotwild in dem umstrittenen Revier gesehen zu haben, „wie die Entwicklung zuletzt war, kann ich nicht sagen, es waren nicht viele Anblicke“, so ein Jäger.

Generell komme es nicht darauf an, ob Rotwild gesichtet worden sei, ergänzte die Beklagtenseite, da man sich bereits Jahre zuvor mit den Pächtern über die Pacht und Lage im Revier geeinigt habe. Damals sei bereits eine geringere Pacht von ehemals 10000 auf 8000 Euro vereinbart worden, um den Preis an das Nachbarrevier anzupassen. „Die Beschaffenheit des Reviers war den Klägern bekannt, sie hatten zugestimmt“, führte Dr. Dienstbühl an. Dennoch hätten die Pächter den Pachtzins danach eigenmächtig um weitere 3000 Euro gesenkt.

Zu Recht, meinten die Kläger. Unter anderem sei damals durch Waldarbeiten weiteres Wild vertrieben worden. Zu jener Zeit habe es daher kein Rotwild mehr im Revier gegeben.

Gericht entscheidet im September

Eine gütliche Einigung konnten Kläger und Beklagte vor Gericht nicht erreichen. Über den Streit zu entscheiden hat Zivilrichter Dr. Otto. Was die Erstattung der Pacht angehe, sei er „eher auf Seiten der Beklagten“, da die beiden Kläger die geforderte Summe widerstandslos zahlten, teilte der Richter mit. Anders liege die Sache beim zweiten Teil der Klage - Gründe für eine außerordentliche Kündigung sah der Richter bis dahin nicht. Eine arglistige Täuschung der Kläger sei nicht zu erkennen, da diese eine Pachtminderung zwar eigenmächtig durchgeführt, das Vorhaben zuvor jedoch angekündigt hatten. Entsprechend könnte die ­Lage wie folgt ausgehen: „Die Kläger bekommen zwar kein Geld, aber das Vertragsverhältnis besteht fort“, lautete die vorläufige Bewertung des Richters.

Ende September soll die endgültige Entscheidung des Gerichts verkündet werden.

von Ina Tannert