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Nordkreis Die Angst geht um
Landkreis Nordkreis Die Angst geht um
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21:48 23.06.2021
Auch diese junge Pferdebesitzerin will anonym bleiben, weil sie verdächtige Beobachtungen rund um ihre Pferdekoppeln in Sterzhausen gemacht hat und nun seit Tagen nicht schlafen kann vor Sorge.
Auch diese junge Pferdebesitzerin will anonym bleiben, weil sie verdächtige Beobachtungen rund um ihre Pferdekoppeln in Sterzhausen gemacht hat und nun seit Tagen nicht schlafen kann vor Sorge. Quelle: Nadine Weigel
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Sterzhausen

Lisa ist müde. Sie hat kaum geschlafen in der vergangenen Nacht. Sie reibt sich die Augen und blickt besorgt in Richtung Pferdeweide. Lisa heißt eigentlich nicht Lisa, aber ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Zu tief sitzt der Schock über das Erlebte. „Es war wie eine Verfolgungsjagd, das war wirklich eine komische Situation“, berichtet die 24-Jährige.

Doch von vorn: Seit Wochen kursieren in Chatgruppen heimischer Pferdehalter sowie in Social-Media-Foren Meldungen über mutmaßliche Pferdediebe in benachbarten Landkreisen. In zahlreichen Einträgen berichten Menschen davon, dass sich Männer an Pferdeweiden herumgetrieben hätten und Tiere fotografierten. Auch in den Polizeipräsidien in Mittel-, Nord- und Osthessen gingen immer wieder besorgte Anrufe von Pferdebesitzern ein. Die Anrufer berichteten davon, einen Transporter oder Sprinter mit ausländischem Kennzeichen gesichtet zu haben, aus dem heraus Unbekannte Pferdekoppeln oder Reitanlagen beobachteten, Pferde fotografierten oder sie anlockten.

Auch Lisa und ihre Freunde im Reitstall von Sandra Krieger in Sterzhausen haben diese Nachrichten gelesen, aber ihre Vorsichtsmaßnahmen erst erhöht, nachdem in der näheren Umgebung verdächtige Beobachtungen gemacht wurden. Samstagnacht war es in einem benachbarten Pferdebetrieb zu einem Vorfall gekommen. „Jemand ist im Dunkeln um unseren Stall geschlichen und dann abgehauen“, erzählt die betroffene Pferdehalterin auf Nachfrage der OP. Auch sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Denn nach dem nächtlichen Vorfall war es am darauffolgenden Montag gegen 16 Uhr erneut zu einer seltsamen Begegnung gekommen, die sie mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Nur wenige Meter von der Pferdeweide entfernt habe ein Mann Fotos von ihren Pferden gemacht, berichtet die Reiterin und kramt ihr Handy aus der Tasche. „Er hatte sich erst hinter den Heuballen versteckt und hat dann Fotos von mir und den Pferden gemacht“, sagt sie und zeigt die Handybilder, auf denen ein Mann mit Mütze und blauer Jacke zu sehen ist, der mit einer Kamera in ihre Richtung fotografiert. „Nachdem ich ihn fotografiert habe, ist er abgehauen.“ Mit dem Auto habe sie den ihr unbekannten Mann verfolgt, aber in der Ortsmitte von Sterzhausen verloren.

Alarmiert von diesen Begegnungen reagieren Lisa und ihre Freunde auf dem benachbarten Hof von Sandra Krieger. Sie fahren abends Patrouille rund um das weitläufige Gelände, auf dem gut 40 Pferde in verschiedenen Herden stehen. „Als es dann dämmrig wurde, haben wir ein größeres Fahrzeug gesehen, das ganz langsam an der Pferdeweide am Waldrand entlanggefahren ist“, erzählt Lisa. Mit zwei Autos fahren sie dem Transporter-ähnlichen Wagen in einiger Entfernung hinterher. Sie beobachten, wie er im Wald rückwärts in den Weg „Stinkelsgraben“ fährt und die Lichter ausmacht. „Plötzlich kam der dann wie ein Gestörter da rausgeschossen und ist hinter uns hergerast“, berichtet ein 30-Jähriger, der ebenfalls mit dabei war. In den Autos, in denen sich auch Jugendliche befinden, bricht Panik aus. „Die Mädels hatten voll Angst, der wäre Lisa ja fast draufgefahren“, sagt der 30-Jährige. Sie alarmieren die Polizei, aber der verdächtige Wagen ist bereits weg. Kennzeichen konnten sie aufgrund der Dunkelheit nicht erkennen. Lisa und Co. entdecken anschließend, dass an einer Koppel der Eingang des Zauns offen steht – obwohl sie sicher sind, dass er bei der Kontrollfahrt zuvor geschlossen war.

Auf Nachfrage der OP bestätigt Polizeipressesprecher Martin Ahlich die „Meldungen verdächtiger Beobachtungen“ in Sterzhausen. Was es damit auf sich hatte, kann auch Ahlich nicht sagen. Fakt sei: „In Marburg-Biedenkopf ist weder ein Pferd gestohlen worden, noch hat es einen konkreten Diebstahlversuch gegeben.“ In Mittelhessen sei 2019 der letzte Fall eines gestohlenen Pferdes gemeldet worden, erklärt Ahlich weiter. Trotz anhaltender Gerüchte sei der bislang einzige aktuelle Fall in Hessen ein versuchter Pferdediebstahl Anfang des Monats in Niedenstein im Schwalm-Eder-Kreis gewesen. Unbekannte hätten einen Weidezaun beschädigt und dann drei Pferden auf einer Koppel Halfter angelegt. Ein zufällig anwesender Zeuge habe die Unbekannten gestört und dadurch vertrieben, heißt es in der Meldung der Polizei Homberg. Drei im thüringischen Saalfeld Anfang Juni als gestohlen gemeldete Pferde waren wenig später wieder aufgetaucht.

Polizei rät: Im Verdachtsfall Fotos machen und anrufen

Ahlich zeigt Verständnis für die Sorgen der heimischen Pferdehalterinnen und -halter, warnt aber gleichzeitig davor, Meldungen und Bilder, die auf Facebook kursieren, „undifferenziert“ zu teilen. Er warnt vor „Panikmache“ und falschen Verdächtigungen. Aber natürlich sei es sinnvoll, die Augen offen zu halten und die Bevölkerung zu sensibilisieren. Falls man konkrete Verdachtsfälle beobachte, solle man am besten Fotos machen und umgehend die Polizei informieren. „Je mehr Infos wir bekommen, desto besser“, so Ahlich.

Auch Lisa und Pferdestallbesitzerin Sandra Krieger wollen keine Vorverurteilungen. „Ich würde aber jedem normalen Spaziergänger empfehlen, im Moment keine Fotos von Pferden zu machen“, rät Krieger. Sie und auch die anderen Pferdehalterinnen aus Sterzhausen haben die Sicherheitsmaßnahmen erhöht, haben Kameras installiert und fahren jetzt nachts noch öfter Patrouille.

Lisa hat mit ihrem Freund die vergangene Nacht im Auto verbracht – auf der Pferdeweide. Dort will sie auch die nächsten Nächte schlafen, um ihre Schützlinge im Blick zu haben. Und damit ist sie nicht allein. Auch auf anderen Pferdeweiden im Kreis stehen nun Wohnmobile.

Von Nadine Weigel

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