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Nordkreis Orgel wartet auf ihren dritten Frühling
Landkreis Nordkreis Orgel wartet auf ihren dritten Frühling
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08:58 26.12.2020
Das Foto, zur Verfügung gestellt von Wolfgang Vajen aus Münchhausen, zeigt die Vogt-Orgel aus Korbach in der Münchhäuser Kirche. Die Aufnahme soll um 1910 entstanden sein.
Das Foto, zur Verfügung gestellt von Wolfgang Vajen aus Münchhausen, zeigt die Vogt-Orgel aus Korbach in der Münchhäuser Kirche. Die Aufnahme soll um 1910 entstanden sein. Quelle: Privatfoto
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Münchhausen

Irrungen und Wirrungen, davon gab es vor allem in den 60er bis 80er Jahren im vergangenen Jahrhundert zu genüge, was alte Bausubstanz, alte Möbel und sonstige Einrichtungsgegenstände angeht. Die Leute wollten den alten Mief abschütteln und Platz für Modernes machen. Heute hört man allerorten großes Bedauern über die Zerstörung historischer Schätze. Umso schöner, wenn immer mal wieder unverhofft „Überlebende des Kahlschlags“ auftauchen.

In dem jetzt folgenden Fall geht es um eine Orgel, die lange ihren Dienst in der Kirche von Münchhausen versah und nach einem achtlosen Austausch noch einmal eine Blütezeit in einem Privathaus erlebte und nun auf ihren dritten Frühling wartet. Es ist eine Geschichte, die von so vielen Zufällen getragen wird, dass man geneigt ist, der Orgel einen offensichtlich Musik begeisterten Schutzengel zuzusprechen. Aber lesen Sie selbst die Geschichte aus Sicht eines Mannes, der der Orgel eigentlich immer nur ganz zufällig nahe kam. Ob das wirklich nur Zufall war, mag jeder für sich entscheiden.

Der Mann erzählt: „Eine Abneigung gegen vorweihnachtliche Sentimentalität konnte ich bei meinen Freunden nicht feststellen. Sie plauderten angeregt über eine alte Kirchenorgel und weckten so meine Aufmerksamkeit.

Obwohl ich nichts von diesem Instrument verstehe und kein großer Redner bin, geriet ich jetzt gegen meinen Willen in den Mittelpunkt des Interesses und musste berichten. Fast vergessene Erinnerungen an die Geschichte einer alten Orgel wurden so in mir wachgerufen.“

Gehen wir also zurück in das Jahr 1979. Es war im Juni, an einem Sonntag..., nicht wahr?

„Ja, es war der 24. Juni. Bei einem schweren Sommergewitter ließ das laute Knallen vor dem beängstigenden Donnergrollen einen Blitzeinschlag vermuten. Ich blickte in Richtung einer bestimmten Scheune, denn dort hatte es schon 1958 einmal eingeschlagen. Tatsächlich dauerte es nicht lange und schwarze Qualmwolken verdunkelten den Himmel. Mir rutschte das Herz in die Hose. Die meisten meiner Kameraden feierten auf einem Kreisfeuerwehrtag. Ich war zu der Zeit bei der Bundeswehr aktiv, hätte am Abend wieder zurück in die Kaserne gemusst. Doch jetzt musste ich helfen, weil kaum jemand da war.

Während die Flammen nun sichtbar aus dem Dachstuhl schlugen, rückten wir mit nur wenigen Kameraden eilig zum Einsatzort aus; aber ohne die zur Hilfe gerufene Feuerwehr Wollmar wären wir verloren gewesen.

Bei einem Blick auf den heißen Brandkern entdeckte ich zu meinem Entsetzen, dass das Feuer auf die eingelagerte Orgel unserer abgerissenen Kirche überzugreifen drohte. Einerseits wollten wir die Orgel retten, andererseits sollte sie nicht durch das Löschwasser zerstört werden.

Nach vielen anstrengenden Stunden konnten wir erschöpft rufen: ,Wasser Stopp!’ Das Feuer war besiegt: Scheune und Stallungen ausgebrannt, Wohnhaus und Orgel gerettet. Mancher Kamerad klopfte uns später anerkennend auf die Schulter.“ So weit erst einmal die Erzählung. Bereits in der Montagsausgabe der OBERHESSISCHEN PRESSE konnte man über den Brand lesen. Ein Foto gab es indessen nicht. Der Sachschaden wurde auf zunächst 130 000 D-Mark, also rund 65 000 Euro beziffert.

Jetzt noch ein kurzer Einschub, der in der weiteren Erzählung zu knapp dargestellt wurde. Aus anderer Quelle ist uns Folgendes überliefert worden: Irgendwann erfuhr ein begeisterter Orgelfreund aus einer nicht weit entfernt liegenden Gemeinde von der Existenz der Orgel und schaute sie sich an.

Sie hatte zwar den Brand überlebt, doch offensichtlich wurde sie danach alles andere als sachgemäß eingelagert. Sie wies, als sich dieser Mann für sie interessierte, schon einige wetterbedingte Schäden auf. Doch der Orgelliebhaber entschied sich trotzdem zum Kauf. Nach einer Überholung wurde sie im heimischen Wohnzimmer, das eine nach oben offene Decke aufwies, aufgebaut. Und da stand sie wieder in ihrer Pracht.

Steigen wir hier wieder in die Geschichte des Münchhäusers ein: „So nahm das Leben der Orgel, die achtlos aus der alten Kirche entfernt worden war, eine gute Wende. Ihr Klang erfüllte über viele Jahre das ganze Haus, bis ein neuer Schicksalsschlag im Frühling 2020 zuschlug. Ein Kabelbrand im Haus entfaltete sich schnell zu einem Feuer, das die alte Orgel wieder bedrohte. Und auch dieses Mal konnte sie dank des schnellen Einsatzes der örtlichen Feuerwehr gerettet werden.

Instrument steht

unter Denkmalschutz

Doch nun war die ,Königin der Instrumente’ mit schwarzem klebrigem Ruß überzogen. Sie musste erneut auseinandergebaut und der alte Glanz wieder fachmännisch hervorgeholt werden. Im abgebrannten Haus konnte die Orgel nicht wieder aufgebaut werden, aber wohin mit ihr?

Wie fast alle Münchhäuser kannte ich den Klang der Orgel noch aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Und meinen aufregenden Löscheinsatz zu ihrer ersten Rettung hatte ich durch die Gesprächsrunde so frisch im Gedächtnis, als sei er gestern gewesen. Wahrscheinlich bot ich deshalb spontan an, dafür zu sorgen, dass die Teile an einem sicheren Ort eingelagert werden konnten.

Ich glaube, dass die wundersame zweifache Rettung kein Zufall ist und hoffe, dass die Reise der Orgel noch nicht zu Ende ist. Ich male mir oft aus, dass sie an einem wunderschönen Ort mit ihrem Klang vielen Menschen Freude schenken wird.“

Bis hierhin also die Geschichte, die noch nicht zu Ende sein soll. Und ja, es gibt in Münchhausen schon Bestrebungen, ihr zu einem dritten Frühling zu verhelfen, an einem wirklich wunderschönen Ort. Gold-Konfirmanden haben für dieses Unternehmen auch schon Geld zusammengetragen.

Wenn das wirklich geschafft wurde, erzählen wir auch gerne an dieser Stelle über das dann hoffentlich glückliche Ende einer mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Orgel.

Von Götz Schaub

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