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Nordkreis „Im Angesicht der Angst“
Landkreis Nordkreis „Im Angesicht der Angst“
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18:58 25.04.2020
Susanne Strasburger am heiligen Fluss Ganges außerhalb von Rishikesh. Quelle: privat
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Oberrosphe

Eine ganz besondere Reise sollte es werden, einmal eine große indische Hochzeit miterleben und die traditionelle Yoga-Hochburg Rishikesh kennenlernen – und dann kam die Ausgangssperre und machte alle Pläne zunichte.

Susanne Strasburger hat eine lange Odyssee zwischen Albtraum und Hoffnung hinter sich, die sie wohl nie vergessen wird. Sie wurde gezwungenermaßen Teil der größten Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik.

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Die Apothekerin und Yoga-Lehrerin aus Oberrosphe machte sich Anfang März nach Indien auf, eine fünfwöchige Reise mit vielfältigen Eindrücken stand vor ihr, ihre erste Station war Tumkur im Süden Indiens. Dort lebt ihr Yoga-Ausbilder und nun stand die Hochzeit seiner Tochter vor der Tür.

„Ein sehr mulmiges Gefühl“

Vier Tage lang wurde gefeiert, 1.000 Gäste, ein traditionelles, farbenfrohes Großevent und echtes Erlebnis, „es war wunderbar dabei zu sein“, erinnert sich Strasburger. Es sollte die vorerst letzte Hochzeit im Land sein. Wenig später rief die indische Regierung wegen des Coronavirus ein Versammlungsverbot aus, die Grenzen wurden geschlossen.

Schon zu diesem Zeitpunkt beschlich die 59-Jährige „ein sehr mulmiges Gefühl“, doch vorerst blieb sie bei ihren Reiseplänen, kam auch noch in den indischen Norden nach Rishikesh am Fuße des Himalaja, eine Pilgerstadt, die 1968 durch den Besuch der Beatles weltweite Bekanntheit erlangte.

Berichte über rigorose Polizeieinsätze

Sie schaffte es gerade noch zu einem Yoga-Ashram, ein klosterähnliches Meditationszentrum, dann saß sie fest. Die strikte Ausgangssperre am 22. März traf sie ebenso wie die Einheimischen und zahlreiche Besucher aus der ganzen Welt, die sich gemeinsam im Ashram aufhielten. Und dort mussten sie bleiben. Wenige Tage später folgte der vollständige Shutdown.

Sie habe Berichte gesehen, wie rigoros die Ausgangssperre auf den indischen Straßen durchgesetzt wurde, Polizisten schlugen mit Knüppeln auf Passanten ein, trieben die Menschen fort, keiner durfte raus, die Arbeitslosigkeit stieg abrupt an. Für die Mittelschicht sei das noch ertragbar, einen Monatsvorrat an haltbaren Lebensmitteln – Reis, Linsen, Öl – sei in Indien üblich.

Keiner durfte raus, keiner durfte fahren

Nicht aber unter den Armen, dem Großteil der Bevölkerung. In den Slums leben die Ärmsten der Gesellschaft von einem Tag zum nächsten: „Es gibt kein soziales Netz, das Gesundheitssystem ist marode – ich denke, dass in Indien mehr Menschen am Hunger sterben als am Coronavirus.“

Über ihre Lage informierte sie das Auswärtige Amt, das für festgesetzte Staatsbürger Flüge organisierte. Doch auch Rückholaktionen laufen nicht immer wie geplant: In einer ersten Mitteilung hieß es, sie solle sich im über 200 Kilometer entfernten Delhi einfinden, von dort würde sie heimgeholt. Nur wie dorthin gelangen, wenn keiner fahren darf, weder Taxi noch Bus? „Wir durften ja nicht raus, ich wusste, dass es dieses Flugzeug gibt, aber konnte es nicht erreichen.“

Das Auswärtige Amt schickte Busse

Groß war auch die Sorge, dass sie nach einem missglückten Reiseversuch nicht erneut in den Ashram hinein gedurft hätte. Geschichten machten die Runde, dass Hotels Gäste schon auf die Straße gesetzt hätten. Also blieb sie vorerst im Zentrum, erhielt dort Unterkunft und Verpflegung. „Bis heute bin ich dafür unendlich dankbar, wir wurden fürsorglich aufgenommen, auch wenn ich unbedingt nach Hause wollte“, erinnert sie sich.

Die nächste Chance folgte wenig später: Das Auswärtige Amt schickte Busse nach Rishikesh. „Das war die Rettung.“ Und auch nach mehreren Tagen Abstand kann Strasburger sagen: „Ich war noch nie so dankbar, einen deutschen Pass zu besitzen – das Auswärtige Amt und die Botschaft haben einen ausgezeichneten Job gemacht“, lobt sie.

„Es war gespenstisch“

Nun musste sie nur noch an den Treffpunkt kommen. Auch das keine leichte Aufgabe im abgeriegelten Indien – Hilfe kam vom Ashram-Leiter, der eine Autofahrt mitten in der Nacht organisierte. So erreichte sie die Busse, in die deutsche und europäische Gäste einsteigen konnten, nach der Sicherheitskontrolle.

Jeder musste fortan eine Gesichtsmaske tragen, wurde registriert, „bei jedem wurde Fieber gemessen, über Tage hinweg immer wieder, mit Fieber durfte keiner irgendwo rein“, erinnert sie sich

Dann begann die erste Etappe einer belastenden Rückreise: Sieben Busse fuhren nachts über die wie leer gefegten Straßen in Richtung Delhi, „es war gespenstisch, in totaler Dunkelheit, kein Mensch war unterwegs und das in Indien“.

„Wir bekamen eine kurze Pause“

Immer wieder musste der Konvoi Straßensperren überwinden, rund sieben Stunden dauerte die Fahrt. Zum Glück für die Gruppe kamen sie für eine Nacht in einem Hotel unter. Dann platze ein eigentlich geplanter Flugtermin, am Tag darauf ging es weiter zur deutschen Botschaft in Neu-Delhi.

Und die hatte in aller Eile vorgesorgt, Zelte gegen die Sonnenhitze und Rationen bereitgestellt. Zumindest konnten sich die Reisenden mit Bananen, Crackern und Wasser eindecken, „wir bekamen eine kurze Pause“.

„Wir waren so berührt“

Am Abend ging es weiter Richtung Flughafen – auch der war beängstigend leer und still, ohne Menschen, bis auf die versammelten rund 400 Reisenden, die aus halb Europa stammten.

Gegen zwei Uhr nachts landete schließlich der erlösende Flieger und die Stimmung in der gestressten Gruppe von Menschen hellte sich auf, „wir waren so berührt, dass wir endlich nach Hause durften“, berichtet Straßburger.

Gestärkt aus der Katastrophe gekommen

Am Freitag, den 27. März, landete Straßburger endlich am Frankfurter Flughafen, hinter sich eine wahre Odyssee der Gefühle: „Ich werde diese Reise niemals vergessen, es war wie ein Schock und doch will ich dieses Erlebnis nicht missen. Es war eine sehr intensive Zeit – ich saß praktisch Angesicht zu Angesicht mit der Angst“, sagt die Oberrospherin.

Dabei geholfen haben ihr die Menschen um sie herum, die eigene Spiritualität, die Kraft, die sie aus dem Yoga zieht. Aus einer Katastrophe wie dieser könne sie nun gestärkt hervorgehen.

Rückholaktion

Einen Monat nach Beginn der Rückholaktion der Bundesregierung sind mehr als 240.000 wegen der Corona-Krise im Ausland gestrandete Deutsche wieder zu Hause. Außenminister Heiko Maas sagte vergangene Woche in Berlin, bei dieser größten Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik sei „Großartiges vollbracht“ worden.

Bis in die nächste Woche sind weiter Sonderflüge mit den vom Auswärtigen Amt gecharterten Maschinen geplant, um Deutsche vor allem aus Südafrika und Südamerika, aber auch von den Pazifikinseln zurückzuholen.

Danach werden sich die Botschaften zusammen mit den europäischen Partnern um die noch verbleibenden Einzelfälle kümmern.

Insgesamt seien bislang mehr als 500.000 EU-Bürger zurück in ihre Heimat gebracht worden, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Freitag. Knapp 99.000 Urlauber aus EU-Ländern befänden sich noch im Ausland.

Von Ina Tannert

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