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Nordkreis Nicht alle jubeln über Tempo 30
Landkreis Nordkreis Nicht alle jubeln über Tempo 30
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17:56 07.05.2020
Von Caldern kommend beginnt auf der B62 in Sterzhausen der Tempo-30-Abschnitt für die Nachtstunden erst mitten im Ort, kurz vor der ersten Ampelanlage. Auf der Gegenseite ist es ähnlich. Das können Anwohner nicht verstehen. Quelle: Götz Schaub
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Sterzhausen

Goßfelden und Sterzhausen sind zwei nebeneinanderliegende Ortsteile der Gemeinde Lahntal. Durch beide Ortsteile führt die Bundesstraße 62.

In beiden Ortsteilen sind die Anwohner der Straße praktisch demselben Verkehr, insbesondere demselben Schwerlastverkehr ausgesetzt. Und das rund um die Uhr.

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Nun frohlockte insbesondere die SPD Lahntal, dass endlich ein von ihr lang gehegter und vielfach eingeforderter Wunsch Wirklichkeit wurde: Tempo 30 in den Nachtstunden. Das klingt zunächst einmal sehr gut, doch gibt es Unterschiede direkt an der Strecke.

In Goßfelden müssen nämlich nur die Lkw-Fahrer „entschleunigen“, sprich zwischen 22 und 6 Uhr auf Tempo 30 reduzieren. Dies auch nicht direkt von Ortsschild zu Ortsschild, sondern nur auf Höhe der direkten Wohnbebauung an der Straße. In Sterzhausen müssen hingegen auch die Pkw-Fahrer ran und in der Zeit von 22 bis 6 Uhr Tempo 30 fahren.

„Das kann man keinem verkaufen“

Warum, erfahren sie auch per Schild: Lärmschutz, in Goßfelden wird nur die Uhrzeit und ein Lkw gezeigt. Ein drittes Schild unter der 30 wäre wohl zu viel gewesen. Nun, mündige Verkehrsteilnehmer werden sicher auch ohne Erläuterungsschild verstehen, warum man in den Nachtstunden 30 fahren soll.

Doch in Sterzhausen gibt für viele Bürger, insbesondere für die direkten Anlieger der B62, die Position der Schilder Rätsel auf. Wie in Goßfelden beginnt Tempo 30 nicht direkt an den Ortsschildern, sondern weit dahinter, obgleich an beiden Ortseingängen mindestens einseitig schon Wohnhäuser stehen, auf Teilstücken auch auf beiden Seiten. „Das kann man keinem Anlieger verkaufen, warum das Nachbarhaus Tempo 30 verdient hat, man selbst aber nicht“, sagt Lahntals Bürgermeister Manfred Apell.

Bürgermeister zeigt Verständnis für Unmut

Er hat jedenfalls schon den ganzen Unmut jener Bürger zu spüren bekommen, die dieses offensichtlich willkürliche Schilderaufstellen nicht nachvollziehen konnten und ihrem Ärger darüber Luft machten. Dabei ging es verbal durchaus auch mal ruppiger zu, berichtet Apell.

„Es ist für mich nachvollziehbar, dass sich mal mindestens einige Anlieger nun wie Bürger zweiter Klasse fühlen“, führt er weiter aus. Doch ist er nicht der Mann, der das einfach mal in Eigenregie ändern kann. Er muss jetzt einfach gute Argumente sammeln, die dafür sorgen, dass die Tempo-30- Strecke alle Wohngebäude an der B62 in Sterzhausen umfasst.

Lärm durch Runterschalten und Gas geben

Das kann schwierig werden, denn die Schilder sind keineswegs willkürlich gesetzt worden, sondern nach den Ergebnissen von offiziellen Schall-Messungen. Straßenbaulastträger ist der Bund. Und die Messungen haben ergeben, dass nur in den jetzt beschilderten Teilbereichen an 20 Häusern in Sterzhausen und neun Häusern in Goßfelden die zulässigen Richtwerte der entsprechenden Lärmschutz-Richtlinie überschritten wurden. Und nur danach galt es zu entscheiden.

So kommt es auch dazu, dass in Goßfelden die Autofahrer weiter 50 fahren dürfen, in Sterzhausen aber nicht. Apell sieht schon einen Ansatz: Die Reduzierung der Geschwindigkeit und das Hochsetzen der Geschwindigkeit jeweils direkt vor Wohnhäusern führt seiner Ansicht nach zu einer neuen Lärmquelle durch notwendiges Runterschalten und Bremsen sowie dann durch erneutes Gas geben.

Bürgermeister gibt sich kämpferisch

Apell zum derzeitigen Stand: „Wir standen also vor der Wahl, entweder diese Lösung oder keine. Natürlich haben wir uns dann für diese Lösung entschieden.“ Der Bürgermeister gibt sich kämpferisch: „Wir werden natürlich auch versuchen, die nächtlichen Vorgaben auf ganz Sterzhausen auszuweiten.“ So wie es jetzt ist, ist es immerhin ein Teilerfolg, auf dem es sich aufbauen lasse.

Hintergrund

Sterzhausen ist es gewohnt , dass „Entscheidungen“ immer wieder irgendwelchen gesetzlichen Vorgaben untergeordnet werden. So gibt es ja auch schon seit Jahren den Wunsch nach Zebrastreifen oder Querungshilfen etwa auf Höhe des Sandwegs oder dort, wo sich an beiden Straßenseiten Geschäfte und andere öffentliche Einrichtungen befinden. Bürger beispielsweise aus der Ringstraße oder den Straßen „Flachspfuhl“, „In der Mühlstatt“ und dem „Sussarguesring“ müssen mehr oder weniger immer selbst zusehen, wie sie die B62 zu Fuß queren, um zum Einkaufscenter zu gelangen, egal ob fünf Jahre alt, 25, 55 oder 85.

Hier hieß es bisher immer, dass im Verhältnis zum Verkehr zu wenige Fußgänger die Straße kreuzen. So müssen auch Busnutzer, die an der Haltestelle Sandweg aussteigen, je nach Fahrtrichtung dort ohne Zebrastreifen oder ähnliches auskommen. Da es dort noch nie und schon gar nicht zu einer Häufung von Unfällen gekommen ist, blieb das Projekt Zebrastreifen bisher auch unerfüllt.

Von Götz Schaub

Standpunkt

Tempo 30 auf einer Bundesstraße in den Nachtstunden ist nicht mehr neu für den Landkreis. Und wer die B252 nach 22 Uhr in Münchhausen und Wetter nutzt, stellt fest, dass sich die Verkehrsteilnehmer redlich Mühe geben, den Schildern Folge zu leisten. Und das ist auch gut so.

Dass nun an der B62 in Sterzhausen die Schilder so stehen wie sie stehen, mag nach Vorschrift richtig sein. Und den „Entscheidern“ darf auch kein Vorwurf gemacht werden, denn sie müssen sich an die gesetzlichen Vorgaben halten. Aber die sind letztendlich auch von Menschen gemacht.

Hier müssen maßgebliche Politiker mal Gedanken machen, ob es nicht Sinn macht, die Handlungsspielräume etwas großzügiger im Sinne derer anzulegen, die tagein und tagaus mit einer nicht wegzuredenden Verkehrsbelastung zu leben haben.

Und ein Zebrastreifen mehr im Ort bringt ganz sicher keinen Verkehr zum Erliegen, wenn dort mal angehalten werden muss. So ein Zebrastreifen ist kein Hindernis, er verbessert viel mehr die Lebensqualität derer, die dann sicher über die Straße gehen können, ohne vorher immer abschätzen zu müssen, ob man es noch vor dem nächsten Auto schafft oder nicht.

Und ganz ehrlich, denken wir auch mal mehr an die Menschen, die wir nicht sehen, weil sie sich etwa aus Altersgründen einfach nicht mehr trauen, die Straße ohne Hilfe zu überqueren und deshalb notgedrungen zu Hause bleiben. „Länger selbstbestimmt auf dem Lande leben“ darf nicht nur eine Worthülse sein.

Da muss einfach auch ein Zebrastreifen drin sein, und wenn dieser im Extremfall auch nur drei Menschen glücklicher macht. Rücksicht und Hilfe haben wir in der Corona-Krise großgeschrieben, lasst uns damit auch im Alltag ohne Corona weitermachen. Ein Zebrastreifen auf Höhe der Bushaltestellen „Sandweg“ wäre für Sterzhausen ganz sicher ein Gewinn.

Von Götz Schaub

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