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Nordkreis Überwachungskamera in Kirche installiert
Landkreis Nordkreis Überwachungskamera in Kirche installiert
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09:00 25.08.2019
Michael Moog vom Kirchenvorstand zeigt das Empfangsgerät der Videokamera, die neuerdings in der Nikolaikirche hängt, jedoch ausschließlich den Eingangsbereich filmt.  Quelle: Ina Tannert
Caldern

Eine Videokamera im Eingangsbereich erfasst seit kurzem jeden, der die Nikolaikirche betritt – so will man künftig verhindern, dass es erneut zu einer Randale im Inneren des historischen Gebäudes kommt. Der ekelerregende Fall hatte vor drei Monaten für Aufsehen gesorgt: Am 31. Mai hatten Randalierer ein Chaos in der Kirche angerichtet, ihrer Zerstörungswut am Inventar freien Lauf gelassen, eine Bibel und ein Gesangbuch angezündet.

Außerdem brachen die Täter einen Schrank sowie eine Truhe auf und beschädigten drei große Altarkerzen. Zudem hinterließen sie im Inneren der Kirche nahe des Eingangs und auf einer Parkbank vor dem Gebäude einen Kothaufen. Gestohlen wurde nichts, dafür entstand ein Sachschaden von mehreren hundert Euro. Die Verwüstung und unappetitlichen Verunreinigungen wurden längst entfernt, die Schäden am Mobiliar repariert, viele ehrenamtliche Helfer hatten für Ordnung gesorgt.

"Das war wirklich unter aller Kanone"

Der Schock über die pietätlose Tat sitzt dennoch tief in der Kirchengemeinde, „das war wirklich unter aller Kanone – dass selbst Kirchen vor so etwas nicht gefeit sind, ist wirklich erschrecken“, sagt Michael Moog vom Kirchenvorstand.
Die Konsequenz daraus ist nun die Kamera, die „vor allem der Abschreckung“ diene. Wichtig dabei: Keine Gläubigen brauche sich darüber Sorgen zu machen, dass er bei seiner Andacht gefilmt wird.

Denn das Gerät ist ausschließlich auf den Eingangsbereich ausgerichtet. Dass eine Kamera in einer Kirche ein sensibles Thema sei, dessen ist sich auch der Kirchenvorstand bewusst. Der Altarraum oder der gegenüberliegende Bereich zur Andacht werde nicht gefilmt, „wenn man zum Altar geht oder eine Kerze anzünden möchte, ist man definitiv nicht im Bild – keiner wird bewacht, der Besucher soll schließlich mit Gott alleine sein können“, sagt Moog.

Über die Kamera werden automatisch sowohl Fotos wie Videos von den Besuchern im Eingang aufgenommen. Nach einer Minute schaltet das Gerät von selber wieder ab. Die Aufnahmen werden eine Woche lang gespeichert und danach komplett gelöscht, betont Moog. Angeschaltet sei die Kamera dabei nicht durchgehend, bei Gottesdiensten oder Hochzeiten oder wenn eine Pilgergruppe die Kirche besucht, werde überhaupt nicht gefilmt.

Landeskirche finanzierte Anschaffung des Equipments

Das 800 Jahre alte Gemäuer­ ist überregional bekannt, etwa­ als Radwegekirche auch bei Touristen ein beliebter Anlaufpunkt. Ebenso begehrte Kulisse für Hochzeiten. Und all das soll sie auch bleiben, die Öffnungszeiten werden nicht geändert, wie üblich wird die Eingangstür morgens aufgeschlossen, am Abend wieder versperrt. Den Zugang zeitweise stärker einzuschränken war nach dem Vorfall ebenso wie andere mögliche Konsequenzen im Gespräch ­gewesen.

Kirchenvorstand und Pfarrer entschieden sich jedoch dagegen. Es sei und bleibe eine offene Kirche, bestätigt auch Pfarrer Ralf Ruckert. Man wolle nach dem Vorfall weder Gläubige noch andere Besucher benachteiligen, „dann würde man die Falschen bestrafen – der Fall ist einfach nur traurig“, sagt ­Ruckert.

Die Installation der Kamera übernahmen Moog und andere­ Ehrenamtliche, die Anschaffung des Equipments, rund 550 Euro, finanzierte die Landeskirche, die zudem juristische Belange rund um den Datenschutz prüfen ließ und die Anbringung genehmigte.

Ermittlungsverfahren der Polizei läuft noch

Die Kamera hängt gezielt außerhalb der Greifhöhe an einem Balken. Mit etwas Aufwand käme man vielleicht an das Kabel heran, doch das lohne sich nicht: Sobald die Kamera läuft, werden die Bilder sofort an ein Empfangsgerät gesendet, das sich unter Verschluss und außerhalb der Kirche befindet.

Die Tat wurde damals zur Anzeige gebracht, das Ermittlungsverfahren der Polizei laufe weiterhin, bestätigt Polizeisprecher Martin Ahlich auf Nachfrage. Wie Moog vermutet und im Ort erfahren hat, könnte es sich bei den mutmaßlichen Tätern um zwei Jugendliche handeln, zumindest ständen zwei Jungs unter Verdacht, sich im Inneren der Kirche zu schaffen gemacht zu haben.

Warum diese ihre Zerstörungswut in einer Kirche ausleben sollten, kann er sich einfach nicht erklären, „vielleicht war es Übermut, vielleicht wollten sie jemandem etwas beweisen, aber das geht weit über einen Streich hinaus. Wir hoffen, es kommt nie wieder vor“, sagt Moog.

von Ina Tannert