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Nordkreis In der Not ist die Hilfsbereitschaft groß
Landkreis Nordkreis In der Not ist die Hilfsbereitschaft groß
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16:00 13.07.2021
Baustelle am Forellenhof in Münchhausen. Die Lichtschächte des Kellers werden nun um 48 Zentimeter erhöht, um den Keller gegen plötzliches Hochwasser besser zu schützen.
Baustelle am Forellenhof in Münchhausen. Die Lichtschächte des Kellers werden nun um 48 Zentimeter erhöht, um den Keller gegen plötzliches Hochwasser besser zu schützen. Quelle: Götz Schaub
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Münchhausen

„Das war an dem Abend, als Deutschland bei der EM gegen England spielte“, wird wohl der markante Satz sein, wenn Menschen aus Münchhausen in den nächsten Jahren von der plötzlichen Überschwemmung ihrer Ortsmitte erzählen. Was es wirklich heißt, Opfer der Überschwemmung geworden zu sein, können eigentlich nur die ermessen, die auch Opfer wurden, denn für alle anderen ist eine Überschwemmung lediglich eine Momentaufnahme und nach „spektakulären Bildern“ auch schnell wieder aus dem Blickfeld verschwunden. Opfer einer Hochwasserkatastrophe haben dagegen erst danach so richtig daran zu knabbern. Es gibt viel zu tun. Das Aufräumen und Säubern von Kellerräumen ist das eine, die Aufstellung der Schadensbilanz das andere. Und dann folgt die Angst: Was, wenn das noch einmal passiert? Der Klimawandel, die Häufung von Extremwetter lässt immer mehr Menschen in Deutschland in diese Denk-Spirale kommen.

Als sich am 29. Juni im Zuge eines starken Gewitters binnen Sekunden eine Wassermasse aus dem Burgwald kommend den Weg durch Münchhausen bahnte, erwischte es einige Häuser und Anwesen an der Marburger Straße besonders hart. Das Wasser schoss zunächst auf die Häuser auf Burgwaldseite zu, dann ging es über die B 252 ungebremst auf die weiteren Häuser zu. Die Gastronomie des Hotels Forellenhof liegt glücklicherweise erhöht, ist nur über eine Treppe zu erreichen. Doch davor liegen auf Höhe des Parkplatzes ebenerdige Kellerfensterschächte. Binnen Sekunden war der Keller komplett vollgelaufen. „Da steht du machtlos da“, sagt Karin Kühnel vom Forellenhof-Anwesen der Familie Erik Althaus sowie von Karin und Achim Kühnel.

Helfer zeigten enormen Einsatz

Schlamm, Dreck und Wasser zerstörten zahlreiche Gerätschaften für den Gastronomiebetrieb und auch die noch sehr junge Heizung. Das sei aber nur am Rande erwähnt. Dass sie noch einmal mit dieser Zeitung über dieses Ereignis spricht, hat eigentlich einen ganz anderen Grund. Bei all dem Ärger, bei aller Fassungslosigkeit und Traurigkeit will sie nicht vergessen, was sie an diesem Dienstagabend auch erlebte und für das sie außerordentlich dankbar ist: eine Hilfsbereitschaft, die ihresgleichen sucht. Die Feuerwehrleute taten alles, was ihnen möglich war und waren in beeindruckender Weise der Fels in der Brandung. Auch Freunde ließen alles stehen und liegen, um ihnen beizustehen und zu helfen. Nachbarn kamen zusammen, packten mit an. Mitarbeiter der Gemeinde Münchhausen wie auch Bürgermeister Peter Funk selbst zeigten enormen Einsatz. Und dann waren da noch Bekannte und andere Menschen, die einfach halfen, und das nicht nur in der größten Not, sondern auch noch an den Tagen danach.

Diese Hilfsbereitschaft wollte Karin Kühnel in den Fokus stellen, denn sie ist es, die ihr die Kraft gaben weiterzumachen. Bis 4.45 Uhr wurde in der Nacht zu Mittwoch der Keller von der Feuerwehr, die Unterstützung aus Dautphetal bekam, ausgepumpt. „Jeder hier wusste, es hätte auch jeden anderen treffen können. Es war so eine große Hilfsbereitschaft aus dem Ort vorhanden“, stellt Kühnel heraus. Und nach dem Schock und dem Positiverlebnis in Sachen Hilfe wurden schon erste Maßnahmen getroffen, die eine Wiederholung erschweren sollen. So werden die Keller-Lichtschächte um gut 48 Zentimeter erhöht, damit das Wasser nach Möglichkeit daran vorbei und nicht mehr hineinläuft.

Von Götz Schaub