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Nordkreis Münchhäuser und Lahntaler sehen sich gewappnet
Landkreis Nordkreis Münchhäuser und Lahntaler sehen sich gewappnet
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17:56 28.09.2021
Sie haben aus ihrer Sicht das richtige Angebot an die Bürgerinnen und Bürger gemacht, akzeptieren aber nun auch das Votum: Manfred Apell (Lahntal), Peter Funk (Münchhausen) und Kai-Uwe Spanka (Stadt Wetter).
Sie haben aus ihrer Sicht das richtige Angebot an die Bürgerinnen und Bürger gemacht, akzeptieren aber nun auch das Votum: Manfred Apell (Lahntal), Peter Funk (Münchhausen) und Kai-Uwe Spanka (Stadt Wetter). Quelle: Foto: Götz Schaub
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Nordkreis

Wer ausschließlich nur die Finanzausstattung der Kommunen betrachtet, an das eigentlich benötigte Personal für anstehende Aufgaben wie etwa die Digitalisierung denkt und die eigentlich dringenden Investitionen in den Erhalt der Infrastruktur aufzählt, muss eigentlich zum Schluss kommen, dass eine Fusion die beste Lösung ist. Eigentlich, eigentlich eigentlich.

Die Realität sieht aber ganz anders aus. Die Idee der Fusion der Kommunen Münchhausen, Lahntal und Wetter ist am Votum der Bürgerinnen und Bürger gescheitert. Auch wenn es in Wetter eine knappe Mehrheit für eine Zustimmung gab, so stehen doch in Münchhausen mehr als 77 und in Lahntal mehr als 79 Prozent dagegen. Da gibt es nichts zu deuteln oder zu kritisieren, die Abfrage über einen Bürgerentscheid war gewollt, das Ergebnis klar und wird nun auch akzeptiert.

Und doch lohnt sich ein Versuch, die Ergebnisse zu analysieren oder in bestimmte Beziehungen zu setzen. In Münchhausen, der kleinsten Kommune, herrschte wohl die größte Skepsis, obgleich Unbeteiligte sofort sagen würden: „Ja, so eine kleine Kommune wäre sicher froh, irgendwo unterzukommen.“

Verschworene Einheit

Das Gegenteil ist der Fall. Die Münchhäuser sind sehr selbstbewusst und sehen sich als eine verschworene Einheit mit großem Willen, den Anforderungen kluge Antworten entgegenzusetzen. Dabei ziehen sie auch gerne mehrfach die Karte „interkommunale Zusammenarbeit“. Aber Herr der Geschicke bleiben stets die fünf Ortsteile. Nun, um es direkt zu sagen, die Münchhäuser haben ein komplett anderes Demokratieverständnis als die Nachbarn in Wetter.

Gut zwei Generationen haben dort nun gelernt, dass jeder Ortsteil auch im Gemeindeparlament vertreten ist, am besten im schwarzen wie auch im roten Lager. Das garantiert die Wahrung der Interessen der Ortsteile gegenüber der Gemeinde und sichert die Identität der einzelnen Dörfer.

Diese Schablone passt aber schon nicht mehr in Lahntal. Dort gibt es zwar nur zwei Dörfer mehr, aber gleich drei größere Orte, die gerade in den ersten 25 Jahren nach der Gebietsreform noch sehr untereinander in Konkurrenz standen: Caldern, Sterzhausen und Goßfelden. Dazu hatte Goßfelden seine Unterstützer Göttingen und Sarnau, hingegen Caldern möglicherweise ein bisschen Brungershausen und Kernbach, während der Verwaltungsstandort Sterzhausen sehr alleine stand.

Seit den frühen 90er-Jahren dominiert aber in allen drei Teilen die SPD, was dann auch irgendwann dazu führte, dass sich die Dörfer mehr als Einheit begriffen und die Rivalität zurückfuhren. Die einzige Opposition fand nur noch im Parlament statt und da verlor die CDU mit den Jahren auch immer mehr die Unterstützung der „Bürgerlichen“, die sich vom Bürgerblock Goßfelden, Sarnau, Göttingen auch nach Sterzhausen und Caldern öffneten.

Die letzten Investitionen in Lahntal zeigten auch, dass die Gemeinde durchaus noch die Kraft hat, zu gestalten und zu modernisieren. Es ist dabei nur erstaunlich, dass die einzige Opposition, die CDU, plötzlich so viel an Lahntal toll findet, dass es sich auch für sie lohnt, lieber alleine weiterzumachen.

Höchster Schuldenberg

Das ist aber nur die kommunalpolitische Seite. Die Bürgerinnen und Bürger sehen das wohl auch mit großer Mehrheit so, dass sie in einer Kommune leben, die einiges stemmen kann und sich dabei sogar noch Gedanken um den Bau einer modernen Dreifelder-Halle machen kann. Die Stadt Wetter hat wiederum einen klaren Mittelpunkt und viele Außenstadtteile, die so weit auseinanderliegen, dass es sicher viele Einwohner gibt, die es in fünf Jahren nicht schaffen, wenigstens einmal in allen Stadtteilen gewesen zu sein.

Sie sind es also gewohnt, mit Dörfern eine Einheit zu bilden, die sie gar nicht richtig kennen. Sie wissen aber, dass ihre Dörfer dadurch keinesfalls ihre Identität verloren haben, selbst wenn sie nicht dreimal, zweimal oder gar nur einmal im Parlament vertreten sind. Sicher hat die Stadt Wetter den höchsten Schuldenberg. Aber der wird von den Menschen ebenso wenig zur Kenntnis genommen wie sich die Lahntaler und Münchhäuser wegen der eigenen Schulden keine grauen Haare wachsen lassen. Aber die Münchhäuser und Lahntaler führen gerne die Schulden Wetters an, als Motivation der Wetteraner, die Fusion zu unterstützen.

Das war wirklich sehr oft zu hören. Vielleicht waren die Wetteraner aber auch offener, weil sie in der Mitte liegen und in den Grenzgebieten sowieso schon wie in einer großen Gemeinde miteinander leben.

Was auch den Ausschlag gegeben hat, die Fusion ist erst einmal vom Tisch. In Lahntal und Münchhausen stehen wohl im nächsten Jahr um diese Zeit Bürgermeisterwahlen an.

Damit werden dort neue Gemeinde-Kapitel aufgeschlagen - ohne Manfred Apell und Peter Funk, die beide nicht mehr zur Wiederwahl antreten werden. In Wetter dauert es noch bis Anfang 2024.

Von Götz Schaub