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Nordkreis Ich war zehn Tage am Stück wach
Landkreis Nordkreis Ich war zehn Tage am Stück wach
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10:58 27.06.2020
Melanie S. war 17 Jahre lang abhängig von Crystal Meth. Nun beginnt sie auf Hof Fleckenbühl ein neues Leben. Quelle: Nadine Weigel
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Schönstadt

17 Jahre lang hat Melanie S. Crystal Meth konsumiert. Seit acht Monaten lebt sie jetzt clean auf Hof Fleckenbühl in Schönstadt. 48 Kilogramm hat sie gewogen, als sie sich im Oktober 2019 auf die Holzbank in der Aufnahme setzte.

Vier Wochen vorher hatte sie sich von Gera aus auf den Weg nach Hessen gemacht – zu Fuß. Als ihre Crystal-Reserve aufgebraucht war, begann der kalte Entzug. Irgendwo in der Mitte von Deutschland. Erinnerungen daran hat sie nicht mehr viele, auch nicht an das Leben davor. Die Droge hat für viele Lücken gesorgt.

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Mit 17 hat sie angefangen zu konsumieren. Innerhalb kürzester Zeit brauchte sie das Zeug jeden Tag. „Mein Freund war Dealer. Wir hatten immer was zu Hause“, erzählt die heute 36-Jährige. Einmal ausprobiert, wollte sie immer wieder dieses Gefühl der Sorglosigkeit, der Freiheit.

„Eine Bahn, eine Nacht“, sagt sie. Eine Nacht voller Glückshormone, eine Nacht ohne Vergangenheit. „Und wenn es einem schlecht geht, dann nimmt man noch mehr. Ich war mal zehn Tage am Stück wach.“ Eigentlich ein Todesurteil. Melanie S. hat überlebt.

„Mein soziales Leben war weg“

Sie war neben der Spur, spricht von Panikattacken, vom Einigeln, vom ständigen Rauchen. „Ich hatte ganz gelbe Finger, und auch meine Haut hatte einen gelben Schimmer.“ Sie berichtet von Hautausschlägen, von ausgefallenen Zähnen, von Gewalt durch ihren Ex-Partner.

„Mein soziales Leben war weg.“ Die Schule hat sie abgebrochen, eine Lehre gar nicht erst begonnen. Ein paar Jahre konnte sie in einem Callcenter arbeiten, das ging aber aufgrund des Konsums irgendwann nicht mehr. Das Einzige, was sie am Leben hielt, waren ihre beiden Kinder.

Für die hat sie auch den Entzug gemacht. „Irgendwann hat mein Körper gesagt: Melli! Schluss jetzt! Für mich und für meine Jungs.“ Sie spricht mit ihrem Partner, will, dass er mit auf Hof Fleckenbühl kommt.

„Ich wurde gleich in den Arm genommen“

Ein Jahr gibt sie ihm Bedenkzeit. Ein Jahr, in dem ihr Entschluss immer stärker wird, endlich von der zerstörerischen Droge wegzukommen. Bevor sie sich auf den Weg macht, liegt sie stundenlang mit ihren Kindern auf der Couch und kuschelt mit ihnen, erklärt den Jungs, was sie vorhat. Sie geben ihr Mut.

Völlig entkräftet wird sie im Oktober in Schönstadt aufgenommen. „Ich wurde gleich in den Arm genommen. ,Bleib hier‘, haben sie gesagt. Da habe ich gespürt: Hier bist du richtig.“

Der Traum von einem normalen Leben

Acht Monate ist das jetzt her. Der Entzug war hart. Aber sie hat es geschafft. Zumindest körperlich. Melanie S. isst und trinkt wieder normal, hat zugenommen und ist gerne in der Gemeinschaft. Sie freut sich auf ihre neuen Zähne, will ihren Schulabschluss nachholen und sie will ihre Kinder zu sich holen. Es ist alles geklärt, durch die Pandemie musste der Umzug etwas verschoben werden.

Die 36-Jährige träumt von einem normalen Leben – Familie, Haus, Job. Sie ist auf einem guten Weg, aber sie weiß: „Wenn ich jetzt schon gehe, bin ich morgen sofort wieder drauf.“

Von Katja Peters

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