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Nordkreis „Ich habe mich vom ersten Moment an wohlgefühlt“
Landkreis Nordkreis „Ich habe mich vom ersten Moment an wohlgefühlt“
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14:58 22.11.2020
Der Schriftsteller Marcus Braun sitzt mit seinem Laptop am Schreibtisch im Otto-Ubbelohde-Haus in Goßfelden. Quelle: Foto: Uwe Badouin
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Goßfelden

Den Späti (24-Stunden-Markt) gegenüber seiner Wohnung gegen Alpakas auf der Weide, den Pizzalieferanten im Gründerzeithaus im Herzen Berlins gegen den jüngst entdeckten Bio-Metzger „mit frischem Wildfleisch“, wie Braun betont. Und die Drogenhändler am Kottbusser Damm um die Ecke, dem laut Braun derzeit „wohl schlimmsten Platz in Berlin“, und die Touristenmassen im Zentrum gegen eine Kuhherde, die friedlich vor dem Otto-Ubbelohde-Haus grast.

Seit dem 15. September lebt Marcus Braun in dem idyllisch an der Lahn gelegenen Wohn- und Atelierhaus des Malers und Grafikers Ubbelohde. Er ist der dritte Autorenstipendiat des Vereins „Zwei Raben: Literatur in Oberhessen“ und der Otto-Ubbelohde-Stiftung nach Marion Poschmann und Christoph Peters (die OP berichtete). Der Großstadtmensch in der hessischen Provinz – kann das gut gehen? Und wie. „Ich habe mich vom ersten Moment an wohlgefühlt in dem Haus“, sagt Braun bestimmt. Er ist ja auch kein Großstadtkind. Aufgewachsen ist er umgeben von Weinbergen in dem Dörfchen Bullay, von Touristikmanagern als „Tor zur Mittelmosel“ angepriesen. Der Vater hat in einer Weinfirma gearbeitet, der Opa war Schmied und Nebenerwerbswinzer. Und auch Marcus Braun hat als Jugendlicher in den Weinbergen und den Kellereien seines Heimatortes gearbeitet und als junger Mensch zumindest zeitweise damit geliebäugelt, selbst Wein zu machen.

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„Berlin ist extrem voller geworden“

Doch über die Kleinstadt Wittlich und die Universität in Mainz ging es für ihn – wie für viele Kunstschaffende – Mitte der 1990er Jahre nach Berlin, weit weg von den Moselweinbergen. In letzter Zeit habe sich Berlin stark verändert, meint Braun. Nicht unbedingt zum Besseren. „Berlin ist extrem voller geworden – durch Zuzug und Touristen.“ Die Lebensqualität habe sich verändert. „Ich frage mich, ob ich es so wahrnehme, weil ich älter geworden bin, oder ob doch etwas dran ist?“ Nach 25 Jahren Berlin „könnte ich mal wieder weg“, sagt er. Aufs Land. Zum Perspektivenwechsel Großstadt–Land trägt auch seine familiäre Situation bei. Braun ist verheiratet und hat eine dreijährige Tochter. Kreuzberg sei nicht unbedingt das Richtige für ein kleines Kind, meint er. Eine Region mit Fluss könnte er sich vorstellen – Rhein-Main oder Mosel. Die Lahn sei auch sehr schön, sagt er. Kaum war er im September da, hat er schon in der Lahn gebadet. War es kalt? „Schon“, sagt er schmunzelnd. „Sie hatte zum Schwimmen aber zu wenig Wasser.“

Noch knapp einen Monat ist er in Goßfelden, in einer schönen Wohnung im Obergeschoss des Ubbelohde-Hauses. Aus den Fenstern heraus blickt er auf Wiesen, Bäume und die Lahn. „Eine super Atmosphäre“ attestiert er dem Haus, der Landschaft, die er mit dem Fahrrad erkundet. Und er kommt zum Arbeiten. Aktuell schreibt der frischgekürte Wolfgang-Koeppen-Preisträger an einem neuen biografischen Roman – „er wird fiktional unter Ausschlachtung meiner eigenen Biografie“, sagt Marcus Braun im Gespräch mit der OP. Fünf von der Kritik vielfach gelobte Romane hat er bislang veröffentlich – „Delhi“ (1999), „Nadiana“ (2000), „Hochzeitsvorbereitungen“ (2003), „Armor“ (2007) und „Der letzte Buddha“ (2017). Es ist kein Großstadtroman darunter – sie alle spielen entweder in der Provinz oder in weiter Ferne.

„Die Zweifel beiseiteschieben“

Zehn Jahre lagen zwischen „Armor“ und „Der letzte Buddha“ – eine lange Zeit. Er sei ein eher exzessiver Schreiber, arbeite leider nicht stetig mit festen Zeitplänen, sagt Braun. Und auch die von vielen Schriftstellern gefürchteten Schreibblockaden kennt er gut. Man müsse „etwas Größenwahn aufbringen, Zweifel beiseiteschieben“, um ein neues Werk zu schaffen. Etwas, was nicht immer gelingt.

In Goßfelden aber schreibe er viel – viel mehr als sonst. Und er malt wieder. Neben Gorillas habe er sich seit langer Zeit wieder an Landschaften gewagt. In seinem Arbeitszimmer stehen drei Lahnlandschaften in Öl auf Leinwand. Ein Stück weit wurde er von Ubbelohde inspiriert – dessen Landschaftsmalerei schätzt er sehr. Was hat er noch vor in Goßfelden? „Ich will meinen Roman weiterentwickeln, noch etwas malen und mich textlich mit Ubbelohde auseinandersetzen“, sagt er. Und was macht er im Corona-Lockdown in seiner Freizeit? „Arbeit ist für mich Freizeit, seit ich Vater bin.“

Von Uwe Badouin