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Nordkreis Anhänger zieht Traktor von der Straße
Landkreis Nordkreis Anhänger zieht Traktor von der Straße
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19:13 11.08.2020
Die angehängte Kuhtränke zog den Traktor von der steilen und abschüssigen Straße auf den noch aus Erde bestehenden Hang. Vor einer Bergung muss das gesamte Wasser aus dem Anhänger abgelassen werden. Foto: Nadine Weigel
Die angehängte Kuhtränke zog den Traktor von der steilen und abschüssigen Straße auf den noch aus Erde bestehenden Hang. Vor einer Bergung muss das gesamte Wasser aus dem Anhänger abgelassen werden. Quelle: Nadine Weigel
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Amönau

Für den Amönauer Landwirt Harald Fett war es nur eine Frage der Zeit, bis auf der Zufahrt zur neuen Brücke, die den Radweg zwischen Amönau und Wetter über die neue Bundesstraße 252 leitet, etwas passiert. „So etwas zu planen und dann auch noch zu bauen ist nicht nachvollziehbar. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir einen hervorragenden Radweg haben, der ohne Steigungen auskommt.“ Dieser Radweg wird jetzt von der neuen B 252 zerschnitten, so dass eben eine Brücke gebaut wurde. Diese kaum 100 Meter vom alten Radweg entfernte Brücke hat allerdings eine ziemlich steile Zufahrt wie auch Abfahrt. Zwölf Prozent sind es. Zwölf Prozent, die Landwirte wie Radfahrer ratlos und nun auch zunehmend wütend machen.

Gestern Vormittag passiert dort ein erster Unfall. Ein angehender Landwirt wollte mit seinem Traktor aus Richtung Amönau kommend eine Kuhtränke auf ein Feld fahren. Er nahm ordentlich Anlauf, um die Kurve nach oben zu meistern, doch wurde er immer langsamer, schaffte es nicht bis auf die Brücke. Als der junge Mann zurückrollte, betätigte er die Bremse, doch das Eigengewicht der vollen Kuhtränke zog auf der abschüssigen Fahrbahn den Traktor seitlich nach unten. Anhänger wie auch Traktor verloren den Kontakt zur Fahrbahn und bohrten sich ineinander verkeilt in das Erdreich. Dieser Umstand sorgte wohl dafür, dass der Traktor nicht umfiel beziehungsweise sich nicht überschlug. Der junge Mann kam unverletzt mit einem Schrecken davon.

„Das hätte ganz anders ausgehen können“

„Da müssen wir nicht drum herumreden, das hätte ganz anders ausgehen können“, sagt Harald Fett. Den Unfall darauf zu reduzieren, dass der junge Mann noch nicht die ganz große Erfahrung im Umgang mit einem Traktor besitzt, lässt Fett nicht gelten. Und er bekommt sofort Bestätigung eines anderen Landwirts. „Mir ist das auch passiert, dass ich im ersten Anlauf mit meinem Mähdrescher nicht richtig hochkam, nur von der anderen Seite kommend“, berichtet Eckhard Bieker. „Zwölf Prozent Steigung, das ist nicht ohne“, fügt er an.

Harald Fett regt an, dass die Planer noch einmal in sich gehen und den „alten Radweg“ durch den Bau einer Unterführung wieder in Betrieb nehmen. „Das können die doch in 14 Tagen bauen. Und die Brücke wäre dann auch nicht die erste, die nur so da steht in Deutschland“, meint Fett. Das Anliegen ist ihm sehr ernst. Er hat Angst, dass diese steilen Zufahrten Unfälle begünstigen. Das sehen auch zahlreiche Radfahrer so.

Starke Steigung schafft ein Radler nicht mehr

Ältere Personen klagen darüber, dass sie diesen Anstieg gar nicht schaffen können und die „Abfahrten“ alles andere als entspannend sind. Der 86-jährige Gerhard Wiegand nutzt ein Fahrrad mit drei Rädern. Er sagt, dass er sehr genau aufpassen muss, dass alle drei Räder Bodenhaftung haben. Die Fahrbahn weise zu allen Seiten Gefälle auf. Die starke Steigung schafft er kräftemäßig nicht mehr. Für ihn ist die Brücke ein echtes Hindernis, kein verbindendes Glied. Waltraud Schmack sieht das ähnlich. Sie kann es als durchaus gute Radfahrerin nicht verantworten, dieses Teilstück mit ihren beiden kleinen Enkeln zu befahren. „Das Risiko ist einfach zu hoch, nicht mehr rechtzeitig eingreifen zu können.“

Gertrud Müller, ebenfalls eine versierte Radfahrerin, möchte die Steigung mit den Neigungen nicht mehr fahren, wenn sie hinten noch ein Kind mit sich führt. Generell ist sie der Meinung, dass Kinder, die Gefahren noch nicht so gut einschätzen können beziehungsweise ihr Fahrrad noch nicht so gut beherrschen, auf diesem Radweg definitiv nicht alleine unterwegs sein sollten.

Kreislandwirt Harald Staubitz erinnert daran, dass er bei einer Info-Rundfahrt vor zwei Jahren die Zusicherung erhalten habe, dass die Felder für die Landwirte problemlos zu erreichen sein werden. Da wurde aber nichts von so einer Brücke mit solchen steilen Auffahrten gesagt.

Unterführung wird wohl nicht kommen

Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf, sieht ebenfalls eine Notwendigkeit, dass an dieser Stelle noch einmal baulich eingegriffen wird. Sie kann sich nicht vorstellen, dass, wie von Fett gewünscht, eine Unterführung am alten Radweg gebaut wird. Doch müsse es ihrer Meinung nach doch möglich sein, die Steigungen sanfter verlaufen zu lassen, dass sie nicht mehr als Hindernisse und Gefahrenquellen wahrgenommen werden müssen. Fett sagt, dass er von Beginn an für eine Überführung am Standort des alten Radweges geworben habe. Das sei nicht möglich gewesen, offensichtlich wegen der Durchtrennung der Frischluftzufuhr. Dann habe er die Unterführung vorgeschlagen, die auch abgelehnt wurde. Das könne unmöglich teurer sein als die Brücke, meint er. Und die sei am Hang doch viel dominanter als eine Überführung im Tal. Und selbst Spaziergänger werden gefordert. Die junge Mutter Lena Hoffmann schiebt derzeit einen Kinderwagen vor sich her. „Hochzus ist es ein Kraftakt. Wenn ich runter gehe, habe ich echt Angst, dass mir der Wagen aus den Händen gleitet.“

Und ja, es gibt tatsächlich Fahrradfahrer, die nicht nur bergauf schieben müssen, sondern auch welche, die aus Sicherheitsgründen bergab lieber schieben als fahren. „Das ist echt ein Zustand, der nicht hätte sein müssen“, ärgert sich Landwirt Eckhard Bieker.

von Götz Schaub

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