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Nordkreis Ehestreit endet mit Pistolenschuss
Landkreis Nordkreis Ehestreit endet mit Pistolenschuss
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00:18 28.04.2019
Vor dem Marburger Landgericht steht ein 47-jähriger Mann steht wegen versuchten Totschlags und Freiheitsberaubung unter Anklage. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Es schien wie eine überstürzte Hochzeit. Im Februar 2018 begann der 47-jährige Angeklagte eine Beziehung mit einer sieben Jahre jüngeren Frau.

Drei Monate später gaben sie sich das Ja-Wort, seit November ist das einstige Ehepaar geschieden. Genauso schnell, wie das Paar die Heirat durchzog, erwuchsen die Probleme, die am 9. Juni zu einen folgenschweren Streit führten, der mit einem Pistolenschuss endete.

Am 10. Juni verhaftete die Polizei den Beklagten in Caldern auf offener Straße, der mit einem Messer in der Hand und zwei weiteren in seinen Taschen, auf die Beamten losging und sie aufforderte, endlich das Feuer zu eröffnen. Nach vergeblichen Aufforderungen der Polizisten, die Stichwaffe fallen zu lassen, feuerten sie einen Warnschuss ab. Kurz darauf schoss ein Beamter dem 47-Jährigen ins Bein und beendete somit das Drama.

Angeklagter gibt Drogenmissbrauch zu

Der Schuss war aber nicht ­Gegenstand der Hauptverhandlung, sondern der Streit, der zum Polizeieinsatz führte. Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Timo Ide, legte dem Beschuldigten versuchten Totschlag sowie Freiheitsberaubung zur Last. Der Angeklagte, der kurz nach seiner Festnahme in die Justizvollzugsanstalt Gießen überführt worden war, bestritt alle Anklagepunkte und berichtete über eine Beziehung, die von Drogenkonsum, Suizidversuchen, Verlustängsten und psychischen Krankheiten überschattet war. Wobei er sich zwar als die Stimme der Vernunft darstellte, aber auch Drogenmissbrauch einräumte.

An den beiden Tattagen habe er unter dem Einfluss von Alkohol und Amphetaminen gestanden. „Ich wollte mich einfach fallenlassen. Wieder ein gutes Gefühl haben. Den ganzen Stress vergessen“, stammelte der bullige Mann. Möglicherweise waren Erektionsprobleme des 47-Jährigen der Auslöser für die Eskalation an diesem Tag.

„Er war sauer auf sich selbst“

Am Nachmittag des 9. Juni versuchte das Ehepaar, Geschlechtsverkehr zu machen. Der gelang aber nicht. „Er wurde dann immer aggressiv, war eigentlich sauer auf sich selbst und dachte, dass ich deshalb die Beziehung beende. Aber er hat es dann an mir ausgelassen“, erklärte die 40-jährige Frührentnerin dem Schwurgericht unter Vorsitz von Dr. Frank Oehm.

Laut Anklageschrift soll der Beschuldigte, vertreten durch Verteidiger Sascha Marks, aus Wut über seine Erektionsprobleme den Wohnungsschlüssel der Frau an sich genommen haben. „Du wirst diese Wohnung nicht lebend verlassen“, sollen seine Worte gewesen sein.

Darüber hinaus soll er Handy­ und Haustelefon zerstört haben, um die 40-Jährige von der Außenwelt abzuschneiden. „Ich musste im Schlafzimmer bleiben und durfte es nicht verlassen“, sagte die 40-Jährige. Erst am späten Abend habe sie den Wohnungsschlüssel an sich bringen und zusammen mit Freunden, die das Ehepaar besuchten, aus der Wohnung fliehen können.

„Er hat mich 
häufig eingesperrt“

Der 9. Juni war aber angeblich nur die Spitze des Eisberges. „Er hat mich häufig in der Wohnung eingesperrt, mich geschlagen und beleidigt“, sagte die Frau, die in ihrem Leben drei Suizidversuche unternommen hat, an Depressionen leidet und deswegen zeitweise in stationärer Behandlung war. Sie gab an, am Tattag zusammen mit ihrem Ex-Mann bereits seit Mittag Alkohol konsumiert zu haben. Ein Zustand, in dem die Eifersucht, die sich die einstigen Eheleute jeweils nachsagten, besonders zum Vorschein kam.

„Ich habe ihr gesagt, dass ich sie verlassen und ausziehen werde. Daraufhin hat sie versucht, sich mit Tabletten umzubringen. Das habe ich verhindert“, sagte der Beschuldigte. Die 40-Jährige stellte diese Darstellung in Abrede. Am 9. Juni habe es keinen Suizidversuch gegeben. Den habe sie eine Woche vorher unternommen. Und der sei tatsächlich durch den 47-Jährigen verhindert worden.

Auch der Beschuldigte verschwand am Abend des 9. Juni aus der Wohnung seiner damaligen Ehefrau, die am Tag darauf zurückkehrte. Knapp 24 Stunden später kehrte er zum Haus zurück und traf dort auf die 40-Jährige. „Ich bin ins Treppenhaus geflüchtet und habe bei den Nachbarn geklingelt, aber er kam mir hinterher“, berichtete sie. Er habe sie mit beiden Händen am Hals gepackt und zugedrückt.

Frau versteckte 
sich beim Vermieter

„Er hat mehrmals kurz abgelassen und dann wieder zugedrückt. Ich habe keine Luft mehr bekommen, hatte Todesangst“, führte sie weiter aus. Drei Tage dauerte ihr Aufenthalt im Universitätsklinikum Marburg. Neben Schürfwunden wurden Zungenbeinverletzungen festgestellt. Der Beschuldigte habe nur aufgehört, weil plötzlich einer der Nachbarn in den Flur trat. Der 47-Jährige wollte sich an diese Situation überhaupt nicht erinnern können.

„Ich habe mich dann losgerissen und bin wieder die Treppen heruntergelaufen. Dabei hat er mich geschubst“. Einen Sturz auf der Treppe habe sie gerade noch verhindern können. „Ich habe mich versteckt und wurde dann vom Vermieter in dessen Wohnung gelassen. Was dann auf der Straße passierte, habe ich nur teilweise gesehen und gehört“, berichtete die 40-Jährige.

Der Beschuldigte habe auf der Straße immer wieder nach ihr geschrien. Er hatte sich aus der Wohnung, deren Tür er eingeschlagen hatte, mehrere Steakmesser geholt. „Ich wollte mich selbst umbringen“, sagte er. Aus diesem Grund habe er auch vor der Polizei keinen Halt gemacht.

von Benjamin Kaiser