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Nordkreis Land Hessen sichert Finanzierung
Landkreis Nordkreis Land Hessen sichert Finanzierung
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12:37 10.09.2019
Ronald Meyer, Vorstandsvorsitzender von Fleckenbühl, beim 35. Geburtstag der Suchthilfe-Einrichtung. Dr. Thomas Schäfer informierte, dass die Finanzierung sicher sei. Quelle: Katja Peters
Cölbe

„Erinnern Sie sich noch daran, was Sie vor 35 Jahren gemacht haben“, eröffnete Fleckenbühls Vorstandsvorsitzender Ronald Meyer die Feierlichkeiten zum 35. Geburtstag von Hof Fleckenbühl. Er wäre damals ein junger Mann gewesen – abhängig, ist dann später auf dem Hof gelandet und durch die Selbsthilfe clean geworden.

Seit anderthalb Jahren steckt der Hof „ein wenig in Schwierigkeiten“, wie er sagt. So lange ist die Finanzierung schon in der Schwebe, das Land Hessen ist erst einmal eingesprungen. „Wenn es nicht bald eine Lösung gibt, dann geraten wir in große Schwierigkeiten“, prophezeite Ronald Meyer, der „so langsam nervös wird“. Denn es gibt für den Hof, der sich um Suchtkranke kümmert, keine „gesetzeskonforme Analogie“. „Aber es muss eine politische Lösung her“, betonte er in seiner Rede. „Wir haben nur überlebt, weil wir politische Unterstützung gehabt haben. Und die gab es nur, weil unsere Hilfe notwendig ist.“ 

Problem ist die Einmaligkeit

Das sah der hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer auch so. „Aber genau diese Einmaligkeit ist auch das Problem. Das Problem heißt Abgrenzung.“ Und in einem Nebensatz sagte er dann: „Wir wollen den Erhalt auch in den kommenden Jahren sicherstellen.“

Notwendig sei dafür aber eine Veränderung des Bundesgesetzes. Und da das bekanntlich länger dauert, versicherte er auch, „dass wir versuchen werden, die Finanzierung dauerhaft hinzukriegen, damit wir hier auch den 40. Geburtstag feiern können.“

Landrätin Kirsten Fründt erinnerte sich, dass sie vor 35 Jahren ein Jahr vor dem Abitur war. Auch sie betonte, dass der Kreistag nach Bekanntwerden der finanziellen Schieflage ein ganz klares Statement abgegeben habe, den „wichtigen Partner, nicht nur im sozialen Bereich, zu unterstützen.“ Sie lobte die Nachhaltigkeit, mit der der Hof neue Maßstäbe setze. „Ihr geht schon den Weg, den wir mit unserem Eigenbetrieb gehen wollen.“ So wolle der Landkreis auch bei neuen Schritten ein verlässlicher Partner sein.

Ronald Meyer fiel buchstäblich „ein Stein vom Herzen“, als er von der finanziellen Unterstützung erfuhr. „Das ist großartig! Und 2021 eine zeitliche Distanz, wo man was hinbekommen kann.“

Berührende Geschichte einer Fleckenbühlerin

Dass der Hof Fleckenbühl mit seiner Suchthilfe etwas hinbekommt, bekamen die Besucher anschließend zu hören. Bewohnerin Marita Blang erzählte ihre Geschichte. „Vor 35 Jahren war ich 14 Jahre alt und schon voll süchtig“, begann die 49-Jährige. Während die Gäste vorher noch über die freudige Nachricht von Thomas Schäfer diskutierten, war es auf einmal mucksmäuschenstill.

Die gebürtige Frankfurterin Marita Blang berichtete ganz offen von ihrer Heroin- und Tablettensucht, die sie mehrfach ins Gefängnis brachte, schließlich sogar in den Maßregelvollzug, weil sich keine Institution mehr verantwortlich fühlte.

Sie erzählte, wie sie durch eine Therapie clean wurde, einen Partner fand, mit dem sie und ihr Sohn glücklich waren. Sie machte eine Ausbildung, führte ein ganz normales Leben. Aber nach Jahren fand sie eine halbe Tablette, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte. Sie war sofort wieder drauf, fuhr nach Frankfurt, um sich noch mehr Stoff zu besorgen, zu viel Stoff. Sie nahm eine Überdosis, brach zusammen. Ein Nachbar rief den Notarzt. „Ich wurde mehrfach wiederbelebt“, berichtete sie, „kämpfte zwei Tage um mein Leben.“

"Ohne Fleckenbühl wäre ich tot"

Eine Kollegin und Freundin brachte sie nach Fleckenbühl. Das ist jetzt sechs Jahre her. Marita Blang kämpfte viele Monate mit dem Jugendamt darum, dass ihr Sohn zu ihr zurück durfte. Im vergangen Jahr heiratete sie in der Hofscheune einen Bewohner und lebt jetzt mit ihrer kleinen Familie zusammen auf dem Hof. „Ohne Fleckenbühl würde ich nicht mehr hier stehen. Ich wäre tot“, sagte sie mit stockender Stimme.

Für Thomas Schäfer eine von vielen Geschichten, die beweist, „dass es unverantwortlich ist, Hof Fleckenbühl eingehen zu lassen.“

von Katja Peters