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Nordkreis Gesundheit geht vor Vermittlung
Landkreis Nordkreis Gesundheit geht vor Vermittlung
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17:57 10.07.2020
Otto Richter (Jobcenter Waldeck-Frankenberg, vorne von links), Hans-Gerhard Gatzweiler (Jobcenter Schwalm-Eder) sowie der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow sowie Andreas Schnücker (Jobcenter Schwalm-Eder, hinten, von links), Dr. Pia Hoppe (Kreisjobcenter Marburg-Biedenkopf), Karl-Heinz Wilke (Jobcenter Waldeck-Frankenberg), Andrea Martin (Leiterin KJC Marburg-Biedenkopf) stellen das gemeinsame Projekt vor. Quelle: Andreas Schmidt
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Cölbe

Für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow (CDU) ist es nicht weniger als „ein Paradigmenwechsel in der Arbeitsmarktpolitik“. Denn beim Modellprojekt „Auszeit für die Gesundheit“ steht für die Teilnehmenden des Kreisjobcenters (KJC) nun nicht mehr die Vermittlung in den Job im Vordergrund – sondern zunächst der Blick auf die Gesundheit.

Und das für bis zu sechs Monate, denn so lange ist das Projekt jeweils angelegt – über einen Zeitraum von fünf Jahren. „Es ist die tägliche Erfahrung im Fallmanagement des Kreisjobcenters, dass das Problem beim Einstieg in den Arbeitsmarkt keines ist, das mit Qualifizierung zu tun hat oder sich mit Maßnahmen lösen ließe“, sagt Zachow.

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Vielmehr hätten viele Kunden des KJC gesundheitliche Probleme – da greife der „klassische Handwerkskoffer der Arbeitsmarktförderung“ nicht. „Wenn jemand im wahrsten Wortsinne den Kopf nicht frei hat, weil ihn ein gesundheitliches Problem bedrückt oder ihn ein gesundheitliches Risiko einschränkt, dann gelingt auch Teilhabe am Arbeitsmarkt nicht“, so der Dezernent.

„Wir schauen auf den Menschen“

An dieser Stelle setze das Programm „Auszeit für die Gesundheit“ an: Für die Kunden des KJC gelte „Gesundheit first“, so Zachow, „wir gehen mit einer ganzheitlichen Sichtweise an die Menschen und an den Arbeitsmarkt heran.“ Das sei etwas, das alle drei Jobcenter der am Projekt beteiligten Landkreise – neben Marburg-Biedenkopf noch Schwalm-Eder und Waldeck-Frankenberg – verbinde.

„Wir schauen nicht auf den statistischen Fall, sondern auf den Menschen, der dahinter steht.“ Diesen wolle man in Arbeit bringen, „um ihm die Chance zur Teilhabe am Arbeitsmarkt und somit auch zur gesellschaftlichen Teilhabe zu bieten“. Dass man in der Folge auch Kosten einspare, das sei „ein positiver Nebeneffekt“.

Das Kooperationsprojekt richtet sich in erster Linie an Menschen über 40 Jahre mit dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen, die sich freiwillig zur Teilnahme entscheiden. Zwang bringe nichts, weiß Andrea Martin, Leiterin des KJC.

Zentrum für den Kreis liegt in Cölbe

Ziel ist es, die Teilnehmenden während des Projekts bei der Verbesserung ihrer Gesundheit zu unterstützen und so auch ihre Arbeitsfähigkeit zu verbessern oder zu erhalten. Hierfür wurden eigens Zentren eingerichtet und Teams mit verschiedenen Spezialisten zusammengestellt. Für den heimischen Kreis wurde das Zentrum für Gesundheit, Prävention und Teilhabe in Cölbe eingerichtet.

Man habe sich auch bewusst dazu entschieden, das Projekt in dem Gebäude in Cölbe gegenüber des „Sonnenforums“ anzusiedeln, „damit es nicht als Amt oder Arbeitsagentur wahrgenommen wird“, so Zachow.

m Zentrum helfen Gesundheitslotsen des KJC den freiwillig Teilnehmenden dabei, ihre Gesundheit in den Blick zu nehmen. Sie geben den Anstoß zu Diagnosen, begleiten bei Bedarf zu Ärzten, vermitteln weitere Hilfsangebote und entwickeln mit den Teilnehmenden individuelle Gesundheitspläne.

Individuell, persönlich und langfristig

Das habe es ansatzweise zwar auch schon in anderen Projekten gegeben. „Aber dort durfte die Gesundheit nie der wesentliche Punkt eines Projekts sein“, erläutert Andrea Martin. Vielmehr sei es gesetzlich verboten gewesen, einen „Gesundheitsanteil“ von 20 Prozent an der Gesamtzeit der jeweiligen Projekte zu überschreiten.

Neben den Lotsen gehören auch eine Psychologin des Universitätsklinikums Marburg-Biedenkopf und ein Rehabilitations-Berater der Agentur für Arbeit zum Team. Außerdem steht die Reha-Beratung des KJC zur Verfügung. Gemeinsam begleiten sie die Teilnehmenden individuell, persönlich und langfristig auf ihrem Weg zur Verbesserung ihrer Gesundheit. Anschließend wird auch die berufliche Teilhabe wieder in den Fokus genommen und im besten Fall gelingt ein Neustart in das Arbeitsleben.

„Möglich, auch andere Wege zu beschreiten“

„Viele unserer Kunden haben gesundheitliche Probleme und sind deshalb auf dem Arbeitsmarkt nicht voll wettbewerbsfähig. Doch sie werden als Arbeitskraft gebraucht und wollen wieder am Arbeitsmarkt teilnehmen, hier gibt uns das Programm Rehapro die Chance, neue Wege auszuprobieren sowie eine gesundheitliche Stabilisierung und Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen“, sagt Hans-Gerhard Gatzweiler, Geschäftsführer des Jobcenter Schwalm-Eder.

Auch für seinen Kollegen aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg, Otto Richter, spielt die Zusammenarbeit eine wichtige Rolle. Darüber hinaus freut er sich über die neuen Möglichkeiten im Rahmen des Projekts: „Während die bisherigen Schwerpunkte vor allem auf eine Qualifikation ausgerichtet waren, ist es uns jetzt möglich, auch andere Wege zu beschreiten“, so Richter.

Marian Zachow ist sicher, „dass diese ganzheitliche Sicht für die Arbeitsmarktpolitik der kommenden 10, 20 Jahre ganz entscheidend sein wird: Erst mal die Hindernisse und Hürden aus dem Weg räumen – dabei ist ein zentrales Thema die Gesundheit.“

Von Andreas Schmidt

Projekt „Auszeit für die Gesundheit“

Entstanden ist das von den drei Kreisen entwickelte Angebot im Rahmen des Bundesprogramms „Innovative Wege zur Teilhabe am Arbeitsleben – Rehapro“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Es richtet sich vor allem an Menschen über 40 Jahre mit dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen, die sich freiwillig zur Teilnahme entscheiden.

Im Einzelfall ist aber auch eine Teilnahme von jüngeren Kundinnen und Kunden des KJC möglich. Kosten entstehen ihnen keine. Fahrtkosten werden vom KJC übernommen. Weitere Informationen, etwa zu den Abläufen und Inhalten der „Auszeit für die Gesundheit“, erhalten Interessierte per E-Mail an HoppeP@marburg-biedenkopf.de oder unter der Telefonnummer 06421/405-7207.