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Nordkreis Insulin-Versorgung wird zum Glücksspiel
Landkreis Nordkreis Insulin-Versorgung wird zum Glücksspiel
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15:51 11.02.2020
Der achtjährige Altin umrahmt von seiner Mutter, seinem Vater und seinem älteren Bruder ist vor zwei Jahren an Diabetes erkrankt. Im Kosovo hat die Familie Schwierigkeiten, immer an das nötige Insulin heranzukommen. Quelle: privat
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Lahntal

Im Alter von sechs Jahren erkrankt Altin in Kosovo­ an Typ-1-Diabetes. Insulin ist mal verfügbar und mal nicht. Anfangs besorgt Altins Vater im nahen Ausland Insulin auf dem Schwarzmarkt. Dann verliert er seinen Arbeitsplatz als Elektroinstallateur. Die Versorgung mit Insulin wird dadurch noch schwieriger.

Die Familie beschließt, nach Deutschland zu gehen, um dem Jungen eine gesunde Zukunft zu ermöglichen. Nach einem 6-monatigen Aufenthalt in Schweden lebt die Familie ab Ende November 2018 zehn Monate in der hessischen Erstaufnahme in Gießen (HEAE), ein Gelände, umzäunt und mit Stacheldraht bewehrt.

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Lucia Weiß ist Diabetesberaterin in der Kinderklinik der Uniklinik in Gießen. Sie betreut ­Altin und lernt dabei die Familie besser kennen. Sie erzählt die Geschichte der Familie:­ ­Altins zwölfjähriger Bruder darf nach sechs Monaten erstmals den Unterricht, der in der HEAE in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch stattfindet, verlassen und eine Schule in Gießen besuchen. Er schreibt nach zwei Wochen Schulbesuch bereits beste Noten in Deutsch. Für ­Altin ist es nicht möglich, eine Schule in Gießen zu besuchen.

Fußballspieler aus Leidenschaft

Ende September 2019, nach zehn Monaten Aufenthalt in der HEAE, darf die Familie in ­eine Wohnung in Lahntal umziehen. Endlich kann die Mutter wieder selbst kochen. Die Duldung wird jeweils für vier Wochen verlängert, was der Familie unendlich viel Stress und ­dadurch sogar gesundheitliche Probleme bereitet. Die Familie hat noch immer keinen Aufenthaltsstatus.

Nach mehr als zehn Monaten Aufenthalt in Deutschland darf Altin nach den Herbstferien 2019 erstmals die Grundschule in Wetter besuchen. Er freut sich riesig darauf, denn er will wie alle Kinder die Möglichkeit haben, zu lernen. Der örtliche Fußballverein hat ihn schon ins Training aufgenommen, bevor er in die Schule durfte. Altin versäumt kein Training, da Fußballspielen seine Leidenschaft ist. Überhaupt spielt er erstmals in einer Mannschaft.

Der Vater besucht mit Erfolg einen Deutsch-Kurs in Marburg, am 10. Dezember schreibt er seinen Abschlusstest. Die Mutter hat die Aussicht, ab Januar 2020 einen Deutsch-Kurs zu besuchen, da beide Kinder in der Schule gut integriert sind.

Klageverfahren ist noch nicht abgeschlossen

Da kommt nach fünf Wochen Schulbesuch der Kinder und ­etwas mehr als einem Jahr Aufenthalt in Deutschland das jähe Ende in der Nacht: Am 11. Dezember um 3 Uhr in der Früh holen Polizisten die Familie aus den Betten und schieben sie über den Flughafen Frankfurt/Main in den Kosovo ab.

Das Klageverfahren war schon weit vorangeschritten: Kein Asyl, und die Klage gegen diesen ­Bescheid war auch schon abgewiesen. So blieben nur noch ­Abänderungsanträge. Vier Stück stellte der Gießener Anwalt der Familie.

Der letzte Änderungsantrag war noch nicht vom Gericht entschieden worden, als es zur nächtlichen Abschiebung kam. Und die kam auch noch zu einer Zeit, in der die Familie über eine freiwillige Rückführung sprechen wollte“, sagt Ardiana Gojashi, Dolmetscherin und Freundin der Familie. Ziel sei es gewesen, sich aus der Heimat um einen Arbeitsvertrag in Deutschland zu kümmern, um dann legal einzureisen und in Deutschland bleiben zu können. Jetzt stehe das Problem der Abschiebung im Raum, die eine 30-monatige Wiedereinreisesperre beinhaltet, aber mindestens mal den Ausgleich der Kosten.

Hintergrund

Kosovo, Albanien, Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina sind für Deutschland alles Länder, die zu sicheren Herkunftsstaaten zählen. So haben Menschen aus diesen Staaten, die in Deutschland Asyl suchen, so gut wie keine Chance, dieses gewährt zu bekommen. Hingegen kommen dennoch viele Menschen aus diesen Staaten nach Deutschland, und zwar als Gastarbeiter. Die so genannte Westbalkanregelung besagt: Wer ein konkretes Jobangebot in Deutschland nachweisen kann, darf einreisen, um hier zu arbeiten und auch selbstfinanziert zu leben. Die Regelung gilt noch bis Ende des Jahres. Viele Arbeitgeber, insbesondere­ in der Bau-Branche hoffen auf eine Verlängerung, um so leichter fehlende Arbeitskräfte zu finden.

Der Gießener Anwalt der Familie setzt noch darauf, dass das Klageverfahren wieder aufgenommen wird: „Wenn von uns nichts mehr kommt, lässt das Gericht den Fall liegen. Doch wir arbeiten daran, zu beweisen, dass die Versorgung mit Insulin im Kosovo eben nicht gewährleistet ist.“ Dazu schreibt die Familie ein Protokoll, wie sie an das Insulin herankommt. Sie sammelt dabei vor Ort Belege von Krankenhäusern und Apotheken, dass sie das Insulin nicht verlässlich vorhalten. Es gibt auch einen kosovarischen TV-Beitrag, der sich genau mit dieser Thematik beschäftigt. 

Lucia Weiss argumentiert von der humanitären Seite. Der Vater hatte bereits einen Arbeitsvertrag, durfte aber nicht arbeiten. „Als Elektroinstallateur hat er bestimmt gute Möglichkeiten, in Deutschland Fuß zu fassen. Die Familie wollte sich selbst versorgen“, so Weiss.

Wenn ein Kind mit Typ-1-Diabetes kein Insulin zur Verfügung hat, führt das zu einer akut lebensbedrohlichen Ketoazidose. Und wenn eine Familie aufgrund eines Insulinengpasses womöglich anfängt, weniger Insulin zu spritzen als das Kind für eine gute Blutzuckereinstellung benötigt, führt das zu chronisch erhöhten Blutzuckerwerten und infolgedessen zu Organschädigung und Folgeerkrankungen, die zu einer reduzierten Lebenserwartung führen. Lucia Weiss fragt: „Wer kann das vor seinem Gewissen rechtfertigen?“

Lucia Weiss will Spenden sammeln

Für deutsche Behörden ist entscheidend, dass es allen anderen Kindern mit Typ-1-Diabetes in Kosovo nicht besser geht als Altin, meint sie. Dabei müsste­ es darum gehen, ihm ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Und ja, tatsächlich haben alle Kinder mit Typ-1-Diabetes ein humanitäres Recht darauf, stets mit der passenden Menge Insulin versorgt zu sein. Die UN-Kinderrechtskonvention beinhaltet das Recht auf Zugang zu medizinischer Versorgung. Deutschland hat die UN-Kinderrechtskonvention 2010 ratifiziert.

Der Kontakt zur Familie ist nicht abgebrochen. Sie hat Insulin aus Deutschland mitnehmen können. Es reicht bis Anfang März. Die Mutter der Familie schreibt: „Uns geht es soweit ok, Altin ist auf dem gleichen Gesundheitszustand wie gehabt, wir haben hier Probleme wegen Insulin. Ich mache mir Gedanken, wo ich Insulin her bekomme, wenn dieses ­Insulin verbraucht ist.“ Lucia Weiss sagt: „Wir haben überlegt, dass wir Spenden sammeln, damit die Familie sich in Kosovo oder Serbien irgendwo Insulin besorgen kann.“

Wer Lucia Weiss unterstützen will, kann sich bei ihr ­unter Telefon 0 64 21/ 48 48 70 melden.

Typ-1-Diabetes

Die Erkrankung bricht vornehmlich im Kindes-, Jugend- oder jungen Erwachsenenalter aus. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Was läuft dabei falsch? Die ­insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse werden vom eigenen Immunsystem zerstört. Da Insulin dazu da ist, die Konzentration des Zuckers im Blut zu regulieren, steigen unweigerlich die Blutzuckerwerte an. Noch vor 100 Jahren führte die Erkrankung zum Tod. 1922 wurde das erste Kind erfolgreich mit Insulin behandelt.

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