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Nordkreis Das Aus für den letzten Dorf-Baumarkt
Landkreis Nordkreis Das Aus für den letzten Dorf-Baumarkt
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18:00 09.12.2021
Ingrid Ruppersberg im Gartenfachmarkt, das Geschäft schließt nach mehr als 100 Jahren.
Ingrid Ruppersberg im Gartenfachmarkt, das Geschäft schließt nach mehr als 100 Jahren. Quelle: Tannert
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Cölbe

Vom Landhandel zum Gartenfachmarkt, von der ersten zur dritten Generation, ein Familienunternehmen geprägt vom Einfallsreichtum durchsetzungsfähiger Frauen. Mehr als 110 Jahre währt die Firmengeschichte des Kornhauses Ruppersberg in Cölbe. Nun zieht Ingrid Ruppersberg die Reißleine, das Geschäft schließt zum Jahresende.

Die Handelsfachwirtin betreibt das Unternehmen heute fast völlig alleine, nun mit 60 Jahren sei das Limit erreicht, „es ist eine Knochenarbeit und es wird immer schwerer, Waren zu organisieren oder flexibles Personal zu finden“, erklärt sie. Mutter Elfriede Ruppersberg, über Jahrzehnte die Seniorchefin, bedauert das Ende des Familiengeschäfts, kann die Entscheidung ihrer Tochter aber gut verstehen. „Es wird einfach zu viel und die Zeiten haben sich geändert – wir waren so eine Firma für die Zeit des Aufbruchs“, sagt sie.

Start war 1909 als klassischer Landhandelsbetrieb

Die 94-Jährige kennt die harte Arbeit, die das Geschäft immer mit sich brachte. Das hielt die Kauffrau und Bilanzbuchhalterin nie davon ab, sich seit 1961 voll und ganz der dem Unternehmen zu widmen, von dem sie auch im hohen Rentenalter nicht loskam: Noch mit 90 Jahren saß die rüstige Dame an der Kasse im Büro, wo sie jahrzehntelang alle Fäden in der Hand hielt. Sie sagt bis heute: „Die Arbeit war immer auch mein Hobby.“

Das von ihrem Schwiegervater Burghard Ruppersberg gegründete Geschäft startete 1909 als klassischer Landhandelsbetrieb mit Futter- und Düngemittel in Schönstadt, im Jahr 1918 kam der Umzug nach Cölbe. Dort installierte die Familie 1955 die erste Getreidetrocknungsanlage im damaligen Kreis Marburg, auch die erste in Hessen, sagt Elfriede Ruppersberg mit Stolz. Das war „etwas Besonderes, die lief Tag und Nacht“.

Das Angebot wurde immer weiter ausgebaut – neben Futter und Getreidehandel, den es heute nicht mehr gibt, kamen Brennstoffe, dann Heizöl hinzu und 1979 folgte der Gartenfachmarkt. Im Jahr 1987 stieg Tochter Ingrid ins Familiengeschäft ein. Hürden gab es mehr als genug, seit 1993 ist das Unternehmen nach dem Tod des Vaters Herbert Ruppersberg rein in Frauenhand, „seitdem haben wir beiden Frauen das zusammen gemacht, darauf sind wir auch sehr stolz“, erzählt die Mutter. Tag und Nacht versorgten sie die vorbeikommenden Lkw, wogen die Ladung, bestellten Ware und bedienten die Kunden. Das Mutter-Tochter-Gespann musste sich in der Männer-dominierten Handelswelt erst durchsetzen. Das kennt Elfriede Ruppersberg seit den 1960er Jahren, „als Frau musste man in so einem Beruf jeden Tag kämpfen“.

Ohne Mann gehe das doch nicht – so lautete die Devise der männlichen Kollegen, die ihr das von oben herab auch gerne ins Gesicht sagten, erinnert sich die Seniorin und lacht laut. „Denen haben wir es gezeigt.“ Gerade den Stammkunden sind beide sehr dankbar für die lange Treue, „sie haben immer zu uns gestanden“, loben Mutter und Tochter.

Das Problem: Lücken in den Lieferketten

Doch nicht jeder konnte sich mit der Unternehmensstruktur anfreunden, das auf zwei Straßenseiten geteilte Unternehmen, das mit nur einem weiteren Mitarbeitern auskommen muss, sei heute einfach zu viel. „Aus Frust höre ich eigentlich nicht auf, aber es geht einfach nicht mehr“, sagt Ingrid Ruppersberg.

Der sprichwörtlichen Tropfen, den das Fass zum Überlaufen brachte, kam mit der Pandemie und den damit einhergehenden Lücken in den Lieferketten und anhaltenden Engpässen. Seit Jahren wächst zudem die Konkurrenz von Onlinehandel und großen Baumarkt-Ketten, gegen die ein kleiner Fachmarkt nicht mehr ankomme, „wir sind ja praktisch der letzte Dorf-Baumarkt“. Vor allem aber das ganze Hin und Her zwischen Büro, Lager und Laden will sie sich nicht mehr aufbürden.

Einen Nachfolger gibt es nicht, einen gesucht habe sie auch nicht, „hier muss rund um die Uhr gearbeitet werden, das macht doch keiner mehr“. Sie verkauft und schließt das Geschäft zum 1. Januar. Bis dahin läuft der Räumungsverkauf und sie hoffe, dass mit zum ersten Mal geleerten Lagern auch zum ersten Mal etwas Ruhe in ihr Leben einzieht.

Von Ina Tannert