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Nordkreis Gedenkstein erinnert an die Zeit der Mühlen
Landkreis Nordkreis Gedenkstein erinnert an die Zeit der Mühlen
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15:58 27.08.2020
Calderns Ortsvorsteher Hans Jung (links) enthüllt im Beisein des Bildhauers Joachim Gembatzki aus Oberrosphe das Mühlenwappen.
Calderns Ortsvorsteher Hans Jung (links) enthüllt im Beisein des Bildhauers Joachim Gembatzki aus Oberrosphe das Mühlenwappen. Quelle: Privat
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Caldern

Mitte des Monats wurde in der Klostermühle in Caldern das in Sandstein gehauene Mühlenwappen als Gedenkstein aufgestellt. Der Betrachter soll hiermit auf die kulturhistorische Bedeutung des Mühlenhandwerks hingewiesen werden. Mühlen sind die ältesten Kraftmaschinen der Zivilisation.

Die Geschichte der Mühlen beginnt mit dem Anbau von Getreide. Die Notwendigkeit der Zerkleinerung der Getreidekörner wurde anfangs mittels zweier Reibsteine erfüllt. Später zerkleinerten zwei Steine, die durch Menschen oder Tiere angetrieben wurden, das Getreide.

Erste Mahlmühlen durch Wasserkraftantrieb sind aus dem 3. Jahrhundert vor Christus aus Asien belegt. Anfänglich waren in den historischen Mühlen fast ausschließlich Wasserräder im Einsatz. Später kamen dann noch durch Wind betriebene Mühlen hinzu, die noch heute in großer Zahl besonders in Holland und im norddeutschen Flachland zu finden sind, jedoch heute fast ausschließlich als Kulturdenkmale dienen.

Mit der Dampfmaschine kam das Aus für viele Mühlen

Mit der Erfindung der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors und des Elektromotors im 19. Jahrhundert begann der Niedergang der Wind- und Wassermühlen. Vollautomatisierte Großmühlen mit einer vielfach größeren Kapazität wurden zur übermächtigen Konkurrenz. Damit begann die erste Phase des Mühlensterbens in Deutschland.

Bis 1855 waren in Deutschland noch 54 000 Mühlen, hauptsächlich Wassermühlen in Betrieb. Bis zum Jahre 1907 sank die Zahl der Kleinmühlen, in der Regel die Windmühlen, auf 44 000. Die Zahl der Industriemühlen hatte sich dagegen verdreifacht. Diese Tendenz verstärkte sich noch in den folgenden Jahren. In der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg war der Zugriff auf das Getreide am Weltmarkt für die Großmühlen zusammengebrochen und die übriggebliebenen Kleinmühlen, die Getreide aus dem direkten Umland kaufen konnten, gelangten für kurze Zeit wieder zur Bedeutung. Nachdem sich die Mühlenwirtschaft normalisiert hatte, wuchsen die Großmühlen kontinuierlich. Dadurch verringerte sich bis 1939 die Zahl der kleineren Mühlen auf 18 000.

Im Zweiten Weltkrieg herrschte wieder Mehlknappheit: Getreide aus Übersee wurde nicht geliefert und viele Mühlen waren zerstört. In den 1950er-Jahren wurde die Macht der Großmühlen immer größer. Die Mehlpreise fielen und die Produktion von kleinen Mengen wurde so unwirtschaftlich, dass viele Betriebe Konkurs anmelden oder ihre Betriebe schließen mussten.

Damit begann das zweite große Mühlensterben. 1957 wurde das Mühlenstilllegungsgesetz verabschiedet. Jeder Mühle, die ihren Mahlbetrieb einstellte, wurde 9000 D-Mark für jede Tonne/Mahlerzeugnis gezahlt. Der Müller jedoch musste sich verpflichten, seine Mühle für die nächsten 30 Jahre stillzulegen. Das war natürlich das Aus für fast alle teilnehmenden Mühlen. Mühlen, die 30 Jahre nicht gemahlen hatten, wurden nie mehr reaktiviert.

Von 1500 auf 28 Mühlen in weniger als 50 Jahren

In Hessen gab es im Jahr 1951 noch 1 504 Mühlen mit 250 Tonnen/Jahr Mahlerzeugnis. 15 Jahre später waren es nur noch 827 Mühlen und 1995 existierten davon nur noch 28. Erfasst sind hier nur die meldepflichtigen Mühlen, das heißt, Mühlen mit weniger als 1 000 Tonnen im Jahr Mahlerzeugnis sind von der Meldefrist befreit.

2018/19 gab es in Hessen nur noch 12 meldepflichtige Mühlen. Die letzten heute verbliebenen Mühlen sind Vermahlungsbetriebe mit regionaler Bedeutung oder dienen der Erzeugung von Ökostrom durch Wasserkraft oder werden als museale Schauanlagen genutzt.

Die Klostermühle in Caldern konnte ihre Existenz nur dadurch retten, dass im Jahre 1923 zusätzlich zur Mühle noch eine Bäckerei gegründet wurde. In den Jahren des Krieges und in den Hungerjahren danach mahlte die Klostermühle Tag und Nacht und versorgte die Menschen, die sogar aus dem Siegerland kamen, mit Brot.

Heute kann die Mühle selbst bei eigener Vermahlung mit den Preisen der Industriemühlen nicht mithalten. Im Großraum Marburg haben nur zwei Mühlen überlebt, welche die heimischen Bäckereien mit Mehl versorgen. Dies ist zum einen die Mühle von Horst Hallenberger in Oberasphe und die Mühle Nispel, betrieben vom Müllermeister Wolfgang Hof aus Sinkershausen.

Der an der Klostermühle in Caldern aufgestellte Gedenkstein soll auf die Bedeutung der Mühle für den heutigen Betrieb hinweisen. Ohne die Mühle gäbe es keine Mühlen-Bäckerei Pfeiffer in Caldern.

Der Gedenkstein, angefertigt in der Werkstatt des Bildhauers Joachim Gembatzki aus Oberrosphe und enthüllt von Calderns Ortsvorsteher Hans Jung, zeigt alle notwendigen Dinge, die ein Müller für seine Arbeit unbedingt braucht: Die beiden in ein Zahnrad greifenden Löwen symbolisieren die beiden großen Kräfte Wind und Wasser. Der gespreizte Zirkel macht deutlich, dass im Müllerhandwerk ein großes technisches Wissen für einwandfreie abgestimmte Funktion der sich bewegenden Teile wie Räder, Lager, Wellen oder Mahlsteine erforderlich ist. Die seitliche Ähre zeigt bildlich das zu verarbeitende Getreide.

Der alte Müllergruß  „Glück zu“ gilt bis heute

Der alte Müllergruß „Glück zu“ bedeutet folgendes: Bei der Arbeit des Müllers war ständig auch Glück notwendig, denn Brände, Missernten, Unwetter oder Havarien waren immer mit Verdienstausfall verbunden oder konnten sogar existenzvernichtend sein. Sogar der Wind und immer genügend Wasser waren nicht selbstverständlich. Auch heute noch grüßen sich Müller untereinander mit diesem Gruß.

Eine besondere Ehre bei der Einweihung des Gedenksteins war, dass auch sechs Mühlenbesitzer teilnahmen. Dies waren Müllermeister Horst Hallenberger aus Oberasphe, Müllermeister Wolfgang Hof von der Mühle Nispel in Sinkershausen, Wilhelm Lotz von der Elisabethmühle in Marburg, Herbert Weber von der Aumühle in Niederwetter, Achim Wickel von der Mühle Wommelsorf/ Eder und Markus Schautes von der Klostermühle Caldern.

Von Bernd Schautes