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Nordkreis Klimaschutz auf Kosten des Naturschutzes?
Landkreis Nordkreis Klimaschutz auf Kosten des Naturschutzes?
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16:57 06.09.2020
Dieser Baum hat laut BI Niederasphe zuletzt immer ein Horst eines Milan-Paares getragen. Rot markiert sind die Stellen, an denen herumgesägt wurde, um einen Horstbau zu erschweren. Quelle: Peter Schmack
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Niederasphe

Seit dem 25. August kann man dienstags und mittwochs jeweils zwischen 9 und 12 Uhr sowie zwischen 15 und 18 Uhr in den Betriebsräumen der Firma Krug Energie in Wollmar für zunächst einmal vier Wochen die fertiggestellten Gutachten zu den Themen Schall, Schatten, Brandschutz und Löschwasserkonzept einsehen. Maximal vier Personen für je eineinhalb Stunden. Fragen dürfen notiert werden.

Die BI Niederasphe nimmt dies zur Kenntnis, kann darin aber keine großartige Transparenz ablesen, wenn man eine strikte Zeitvorgabe für umfangreiche Darstellungen erhält und sich praktisch nichts dazu aufschreiben darf.

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„Der absolute Knaller ist“, so schreibt es die BI auf ihrer Homepage schon im sarkastischen Tonfall, „dass das wohl umfangreichste und vermutlich angreifbarste Gutachten gar nicht erst zur Einsicht verfügbar ist – das avifaunistische Gutachten (Naturgutachten über Tiere, Pflanzen) wird in der Liste der einsehbaren Gutachten nicht genannt.“

„Jeder, der hier mit offenen Augen durch die Landschaft geht, kann schon einige Tiere sehen, die geschützt sind“, sagt Rene Specht. Eine Gruppe der BI hat sich seit einiger Zeit sehr intensiv mit dem Naturleben im Gebiet des geplanten Windparks auseinandergesetzt. Bereits im März versorgte Heike Schmack das Regierungspräsidium Gießen mit aktuellen Informationen und Erkenntnissen zur Flora und Fauna. Jetzt Mitte August konnte sie diese Erkenntnisse um zahlreiche weitere ergänzen und legte sie ebenfalls dem RP Gießen vor.

Wie sieht’s mit den Grenzwerten aus?

Derweil teilt Lisa Fritsche, Sprecherin der UKA GmbH & Co. KG Meißen mit: „Die Prüfung der unabhängigen Gutachten durch das Regierungspräsidium hat ergeben, dass ein Betrieb der Windenergieanlagen im Einklang mit Natur und Mensch zu erwarten ist.“

Weiter führt sie aus: „Der Fokus der Prüfung lag dabei auf der Einhaltung der Grenzwerte hinsichtlich der Faktoren Infraschall, Lichtreflexion, Schlagschatten und Schallemissionen sowie auf dem Schutz von Tieren, Pflanzen und der biologischen Vielfalt. Es besteht also keine Verpflichtung zu einer Umweltverträglichkeitsprüfung. Entsprechend verbleibt die Prüfung möglicher Auswirkungen des Vorhabens auf diverse Schutzgüter bei den zuständigen Behörden im sogenannten vereinfachten Verfahren.“

Ein harter Schlag für die Mitglieder der BI. Nach allem, was sie zusammengetragen haben, sind sie mehr als neugierig, was das nicht zur Einsicht stehende Gutachten wohl über die Tierwelt im betreffenden Gebiet beinhaltet.

BI sorgt sich um Fledermäuse

Das RP Gießen ist jedenfalls zu der Überzeugung gelangt, dass die Flächen- und Bodeninanspruchnahme beziehungsweise Eingriffe auf ein Minimum begrenzt werden, so dass keine schädlichen Auswirkungen zu erwarten sind. Die im Umfeld vorkommenden gesetzlich geschützten Gebiete Natura 2000-Gebiete, Landschaftsschutzgebiete, geschützte Biotope, Wasserschutzgebiete und Überschwemmungsgebiete werden laut RP nicht beeinträchtigt. Somit bestehe also keine Verpflichtung zur Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung.

Die BI kann das nicht nachvollziehen. Sie sagt in einem Schreiben an das RP: „Bedingt durch die vielen Blühflächen, Hecken, Obstbäume und Totholzgebiete ist die Artenvielfalt in der Windvorrangfläche 3103 enorm.“ Die BI teilt auch mit, dass verschiedene Fledermaus-Arten das Gebiet als Jagdhabitat, Fortpflanzungs- und Ruhestätte nutzen. Unter den von ihnen gelisteten Arten befindet sich auch die Mopsfledermaus, die schon manche Projekte zum Erliegen brachte.

Nistkästen verschwinden

Specht ist fassungslos: „In der Zeitung lesen wir einen Bericht, wie sich Menschen und Behördenvertreter über ein Braunkehlchenpaar bei Nesselbrunn freuen. Wir haben hier fünf Paare gezählt und es wird nichts gesagt, nichts unternommen.“ Die Arbeitsgruppe, die das Naturleben ins Auge gefasst hat, hat noch mehr festgestellt. „Wir können nur beobachten, aber nichts über Täter oder Motiv sagen“, so Specht. Doch habe man seit etwa einem Jahr zur Kenntnis nehmen müssen, dass in der Gemarkung Niederasphe immer wieder Nistkästen abhanden kommen.

Dann ein besonderes Vorkommnis: Am Beginn der Brutsaison wurden in diesem Jahr aus einem Baum, der bekannt für Milan-Horste ist, offenbar gezielt in der Krone Äste herausgeschnitten, so dass ein Horstbau erschwert wurde. Der Baum ist so hoch, dass er mit einer einfachen Leiter nicht zu erklimmen ist.

Hier muss ein professioneller Baumkletterer am Werk gewesen sein, sagt die BI. Der oder die Unbekannte sei sehr geschickt vorgegangen und habe die tragenden Äste nur so weit abgeschnitten wie es nötig war, damit sie einen Horst nicht mehr halten können. Das hätte eigentlich niemand gemerkt, wenn nicht die Naturschutzgruppe der BI im Winter die Greifvogelhorste in der Gemarkung verzeichnet hätte.

Auch Windkraftfreunde in der BI

Eine Anzeige führte bisher zu nichts. Fakt ist nur, der Baum ist für den Horstbau ziemlich unbrauchbar gemacht worden. Als der Milan in einem Nachbarbaum anfing zu bauen, wurde er offensichtlich durch menschliche Störungen vergrämt. Die Gruppe fragt sich, wer plötzlich etwas gegen den geschützten Greifvogel haben könnte?

Basierend auf ihre Erkenntnisse von Flora und Fauna im betreffenden Gebiet, hat die BI beim RP den Antrag gestellt, das Gebiet als Naturschutzgebiet auszuweisen.Unter den Aktiven in der BI sind übrigens auch Menschen, die sagen, dass sie für die Energiewende sind, selbstverständlich auch für Windkraft.

Doch sie können nicht verstehen, warum für Windkraft schützenswerte Natur zerstört werden muss. Das könne doch nicht der Preis sein. Die BI sieht sich weiterhin auf sich alleine gestellt, zieht ihre Legitimation aus der hohen Anzahl an Mitgliedern. Die politischen Kräfte in Münchhausen haben sich indessen nicht umentschieden, sie stützen das Windenergie-Vorhaben.

Von Götz Schaub