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Nordkreis Schwebende Zeit zwischen den Jahren
Landkreis Nordkreis Schwebende Zeit zwischen den Jahren
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20:00 30.12.2019
Ein Uhrentechniker kontrolliert die Mechanik der Zeiger der Kirchturmuhr der Dresdener Lukaskirche. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild
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Kirchhain

Auch wenn wir wissen, dass wir unweigerlich verflochten sind in das Verfließen von Zeit und uns deshalb auch die Vergänglichkeit in jeder Erinnerung an das Gewesene und im Blick auf das Kommende oft schmerzhaft bewusst wird – dass die Zeit einmal stille stehen möge, oder zumindest, dass sie langsamer als sonst verfließen möge, dass wir herausgenommen sein mögen aus dem unbarmherzigen Ticken der Alltagsuhr, die uns den Takt vorgibt, die uns die Aufgaben portioniert und die tägliche Zielerreichung am Ende des Tages unbarmherzig bilanziert, das suchen wir gerade in diesen Tagen, die man im Volksmund „Zwischen den Jahren“ nennt.

Der Mensch auf der Leiter hat einige Anstrengungen unternommen, um dies zu verwirklichen. Und es scheint auch nicht ganz ungefährlich zu sein, was er dort oben treibt. Den Arm ausgestreckt nach dem großen Zeiger, der ohne Unterlass weiterlaufen will.

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Dass er die Zeit wirklich anhalten kann, ist zu bezweifeln, aber vielleicht geht die Uhr ja ein wenig langsamer, wenn er die Zeit richtig zu fassen bekommt, – oder wenn er erfasst wird von dem, was wir Ewigkeit nennen. Das Verfließen der Zeit ist auch mehr als 1.600 Jahre nach Augustin noch immer ein ungelöstes Rätsel, an dem sich sowohl die Physik als auch die Philosophie die Zähne ausbeißen.

Auch wenn wir sie objektiv nicht aufhalten oder verlangsamen können, es sei denn wir würden mit Lichtgeschwindigkeit durch den Äther sausen, was uns Zeitgenossen wohl in diesem Leben verwehrt sein wird, erleben wir sie durchaus ganz unterschiedlich.

Die Zeit verrinnt und plötzlich ist man Opa

In jungen Jahren haben wir alle Zeit der Welt, und je älter wir werden, desto schneller scheint sich der Zeiger zu drehen, ein Jahr jagt das andere, wo sind die Jahre geblieben, plötzlich sind die eigenen Kinder erwachsen, und ein Kind redet dich mit einem Wort an, an das du dich erst noch gewöhnen musst: Opa!

Im Auf und Ab der Jahreszeiten und dem täglichen Hinterherjagen von Terminen ist die Zeit „Zwischen den Jahren“ für viele von uns eine Zeit der Entschleunigung. Die letzten Weihnachtsgeschenke sind ausgepackt, der Höhepunkt des Festes ist überschritten, die Mühen der Vorbereitung vergessen. Die Berufstätigen feiern ihren Resturlaub ab, die Schülerinnen und Schüler und ebenso ihre Lehrerinnen und Lehrer spüren Erleichterung.

So manches geschieht in dieser Zeit, das im hektischen Alltag vorher auf der Strecke blieb, Besuche machen, die Urlaubsplanung fürs kommende Jahr besprechen, mal wieder entspannt die eigene Lieblingsmusik hören oder das Spiel spielen, das schon so lange unausgepackt im Schrank liegt.

Die Tage „dazwischen“ haben eine besondere Atmosphäre, sie sind Erholung vom alltäglichen Hamsterrad und sie sind Tage, in denen etwas zum Abschluss gebracht werden kann und etwas Neues beginnen kann. Und damit meine ich nicht nur das äußerliche Datum des Jahreswechsels, das rein rechnerisch die Zäsur zwischen zwei Jahren anzeigt, sondern vor allem die persönliche Rückschau auf das was war, das Innehalten und der Blick auf das was kommen mag in nächster Zeit, das „Sortieren“ der eigenen Gedanken und manchmal auch des eigenen Lebens. In den Silvestergottesdiensten ist diese besondere Atmosphäre zu spüren.

Früher durfte die Wäsche nicht aufgehängt werden

Die schwebende Zeit „Zwischen den Jahren“ ist keine offizielle Kalenderzeit, sie taucht in unseren Kalendern gar nicht auf, aber sie hat als eine herausgehobene Zeit eine sehr lange Geschichte und ist auch von alten Mythen und Geschichten geprägt.

Heute zählen wir in unserer Region meist die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr als die Zeit zwischen den Jahren, aber auch die Tage von Weihnachten bis zum 6. Januar, dem Epiphaniastag, gelten als „Zwischenzeit“. Auf einen germanischen Ursprung geht die Hervorhebung der 12 Rauhnächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar zurück.

Im vorchristlichen Aberglauben fährt in diesen Nächten das wilde Heer von Odin durch die Lüfte und reißt in einer wilden Jagd diejenigen mit sich, die ihm begegnen. Die Gesetze der Natur treten außer Kraft und die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten verschwimmt. In dieser gefährlichen Zeit durfte sich kein Rad drehen und die Wäsche durfte nicht gewaschen und aufgehängt werden.

Letzteres ist mir als Erinnerung an alte Überlieferungen aus meiner Kindheit vertraut, ohne dass damals noch der Grund dieser Regel genannt werden konnte: „Das macht man zwischen den Jahren nicht!“ Ob schlichter Aberglaube oder sinnvolle Tradition, das Verbot erreichte sein Ziel: Die Festtagsruhe blieb noch ein paar Tage gewahrt.

Im Christentum kennt man die Rauhnächte nicht als furchteinflößende Zeit sondern als die eigentliche Weihnachtszeit zwischen dem 25. Dezember und dem Epiphaniastag am 6. Januar. In unserer Region hat sich an vielen Orten, oft in guter ökumenischer Verbundenheit, am Epiphaniastag oder in dessen zeitlicher Nähe die Aussendung der Sternsinger als Brauch etabliert, in dessen Verlauf der alte Segen C+M+B (Christus Mansionem Benedicat = Christus segne dieses Haus) für das neue Jahr über jede Tür geschrieben wird.

Durch Weihnachten wird Zeit zur erfüllten Zeit

Die Zeit zwischen den Jahren als die eigentliche Weihnachtszeit frei von Glühweinständen und Weihnachtstrubel ist auch im Christentum die Zeit, in der die Grenzen verwischen. Wir feiern die Begegnung von Gott und Welt, das Ewige leuchtet auf im Zeitlichen. Dabei ist Ewigkeit etwas völlig anderes als die Zeit, Ewigkeit ist nicht die Zeit, die einfach nur immer weiter und weiter ins Unendliche geht. Und dennoch kann man von der Ewigkeit nicht ganz ohne Bezug auf die Zeit reden. Irgendetwas hat die Ewigkeit doch mit der Zeit zu tun.

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“, sagt der Prediger Salomo im Alten Testament, „doch hat er dem Menschen auch die Ewigkeit ins Herz gelegt, nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende“. Ja, wir Menschen wissen etwas von der Ewigkeit, wir sehnen uns auch danach: Jenseits aller ausgefüllten, betriebsamen und hektischen Zeit muss es noch etwas anderes geben.

Die Ewigkeit tut etwas mit unserer erlebten Zeit: An Weihnachten leuchtet die Ewigkeit in unsere Zeit hinein – und damit verändert sich unsere Zeit. Denn nun ist die Zeit erfüllte Zeit, erfüllt durch die Gegenwart Gottes mitten in unserer Welt. Wann ist unsere Zeit erfüllt, woran erkennen wir erfüllte Zeit im Unterschied zur ausgefüllten Zeit?

Was immer wir uns ganz persönlich als Erfüllung unseres Lebens vorstellen, es ist auf jeden Fall das, was unserem zeitlich begrenzten Leben unbedingten Sinn gibt und allein geben kann angesichts aller Vergänglichkeit. Wenn wir diesem Sinn unseres Lebens in der eigentlichen Weihnachtszeit zwischen den Jahren mehr als sonst auf die Spur kommen, dann haben wir etwas von der Ewigkeit Gottes gespürt.     

von Hermann Köhler

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