Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Nordkreis Kinder zünden Kanzelpult an
Landkreis Nordkreis Kinder zünden Kanzelpult an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:38 24.06.2022
Vandalismus in der Kirche in Caldern am vergangenen Donnerstag. Pfarrer Ralf Ruckert steht am Tag danach auf der Kanzel mit der verbrannten Bibel.
Vandalismus in der Kirche in Caldern am vergangenen Donnerstag. Pfarrer Ralf Ruckert steht am Tag danach auf der Kanzel mit der verbrannten Bibel. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Caldern

„Das ist kein Spaß, daran ist absolut nichts lustig.“ Pfarrer Ralf Ruckert aus Sterzhausen, der auch für Caldern zuständig ist, ist eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch, doch hier kann er nur staunen, wie viel Respektlosigkeit einem christlichen Gotteshaus entgegengebracht wurde.

Schon am vergangenen Sonnabend versuchten zwei augenscheinlich Minderjährige in der Nikolaikirche mittels Desinfektionsmittel als Brandbeschleuniger ein größeres Feuer bei den bereitgestellten Teelichthaltern zu entfachen. Ein größerer Schaden blieb dabei aus. Am Donnerstag betraten erneut zwei Minderjährige die für jedermann offenstehende „Radkirche“.

Hier geht's zur Bildergalerie 

Nach den Spuren in der Kirche zu urteilen, nahmen die Täter alles, was einen Brand begünstigen könnte, in die Hände und begannen an verschiedenen Stellen erneut zu zündeln. Dabei entstand ein wesentlicher Schaden. Insbesondere das Kanzelpult und die Polsterung der Kanzelbrüstung wurden arg in Mitleidenschaft gezogen. Zudem verbrannte eine Bibel. Das Feuer auf der Kanzel sorgte für eine enorme Rauchentwicklung, was die Täter wohl dazu bewegt hat, das Gebäude zu verlassen. Andere, möglicherweise leichter entzündliche Gegenstände blieben unberührt. Nach den Spuren ist davon auszugehen, dass die beiden Täter versucht haben, über spezielle Konstruktionen brennbare Gegenstände in der Kirche miteinander zu verbinden. Der entstandene Schaden wird mindestens mehrere Tausend Euro betragen. Nach einem ersten Fall von Vandalismus in der Kirche vor drei Jahren (siehe Infokasten) wurde an der Kirche eine Überwachungskamera installiert. Entsprechend sind die Täter beim Betreten der Kirche gefilmt worden.

Hier geht's zum Video

Als der Rauch in der Kirche bemerkt wurde, wurde noch nicht unmittelbar die Feuerwehr gerufen, weil kein offenes Feuer zu erkennen gewesen war. Erst als die Polizei vor Ort war, rief diese die Feuerwehr. Die Wehren aus Sterzhausen und Caldern suchten die Kirche mit einer Wärmebildkamera nach möglichen Glutnestern ab und sorgten für eine ordentliche Belüftung des Gebäudes. Nichtsdestoweniger hat auch der Rauch ein paar Spuren hinterlassen. Pfarrer Ruckert hofft sehr, dass die Orgel keinen Schaden genommen hat. „Dann reden wir bei der Schadensumme von anderen Höhen“, sagte er. Silke Felgenhauer ist seit 24 Jahren Küsterin. Sie ist noch ganz geschockt: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Sie sei aber froh, dass andere Gegenstände von ideellem Wert verschont blieben.

Im Kirchenraum wurde nichts umgestoßen, zerkratzt oder beschmiert, wie es bei vielen anderen Vandalismus-Taten der Fall ist. Hier ging es offenbar nur darum, irgendwie ein Feuer in gang zu bringen. Die Täter wurden von der Überwachungskamera erfasst, von daher sind die Zeiten, wann sie in der Kirche waren, bekannt. An dem Samstag betraten sie die für alle Menschen „offene Kirche“ zwischen 19.40 und 20.05 Uhr. Am Donnerstag erfasste sie die Kamera zwischen 17.20 und 19.25 Uhr. Es ist zu vermuten, dass es sich um dieselben Täter handelt.

Vandalismus-Fall im Jahr 2019

Die über die Grenzen der Region hinaus bekannte Nikolaikirche ist nicht zum ersten Mal von einem Vandalismus-Fall betroffen. Vor drei Jahren, am 31. Mai 2019, hatten Randalierer Chaos in der Kirche gestiftet, dabei wurde Inventar zerstört, eine Bibel und ein Gesangbuch angezündet. Die Täter brachen auch einen Schrank sowie eine Truhe auf und beschädigten drei große Altarkerzen. Zudem hinterließen sie im Inneren der Kirche nahe des Eingangs und auf einer Parkbank vor dem Gebäude Kothaufen. Gestohlen wurde nichts, es entstand ein Sachschaden von mehreren Hundert Euro. Der Schock im Kirchenvorstand über die besonders pietätlose Tat saß tief, die Sorge um das rund 800 Jahre alte, denkmalgeschützte Bauwerk war groß. In Konsequenz ob dieser Erfahrung wurde in der Kirche eine Kamera installiert. Diese dient vor allem der Abschreckung und filmt nur den Eingangsbereich, damit sich Gläubige bei der Andacht ungestört fühlen können. 

Pfarrer sucht und findet mutmaßliche Täter

Die Angst, dass die Täter es nach diesen Taten vielleicht am Wochenende es auch woanders probieren könnten, ließ Silke Felgenhauer und Pfarrer Ruckert keine Ruhe, Am Freitag gelang es ihm zusammen mit der Kirchenältesten Anne-Rose Fußmann, die mutmaßlichen Täter in einem anderen Ortsteil zu finden. Die Polizei wurde hinzugerufen, die Personalien aufgenommen. Die Polizei wird nun entsprechend weiter ermitteln. Für die mutmaßlichen Täter erfolgte am Freitag auch eine Gefährderansprache. Eine solche Ansprache ist dafür da, dass nach eindringlicher Darstellung der Folgen keine weiteren Taten dieser Art zu erwarten sind.

Die Nikolaikirche ist derzeit geschlossen. Die Versicherung muss noch den Schaden aufnehmen, zudem riecht es noch stark nach Rauch. Der Gottesdienst am Sonntag ab 9.45 Uhr findet statt – je nach Wetterlage im Freien oder im ehemaligen Pfarrhaus.

Von Götz Schaub

24.06.2022
24.06.2022
22.06.2022