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Nordkreis Rittergut in Amönau erhält Facelifting
Landkreis Nordkreis Rittergut in Amönau erhält Facelifting
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10:56 25.01.2020
Thomas Ziwes-Strack steht auf dem alten Rittergut. Foto: Ina Tannert
Thomas Ziwes-Strack ist ebenso wie seine Ehefrau Iva Strack stolzer Besitzer des alten Rittergutes in Amönau. Dem historischen Schmuckstück will das Paar neuen Glanz verleihen. Quelle: Ina Tannert
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Amönau

„Verwohnt“ trifft den derzeitigen Zustand des repräsentativen Herrenhauses nicht einmal annähernd. Jahrzehntelang wurde kaum bis gar nichts gemacht am alten Gemäuer, das Haus steht seit gut zwölf Jahren leer und verfällt zusehends. Durch das undichte Dach ist Wasser ins Innere gelangt, Fachwerk, Gefache und Mauerwerk sind angegriffen. Den Verfall wollen die neuen Eigentümer Iva Strack und Thomas Ziwes-Strack aufhalten.

Das Paar aus Köln hat das Herrenhaus nach langen Verhandlungen vor zweieinhalb Jahren gekauft. Schon beim ersten Besuch mit der kleinen Tochter haben sie sich schlichtweg in das Junkerngut verliebt. „Beim ersten Blick war ich noch total geschockt“, erinnert sich der Hausherr lachend. Doch der zweite gab dann doch den Ausschlag, „es wurde unser Lebenstraum – wir mussten einfach hierher“, erzählt der 38-Jährige begeistert. Ehefrau Iva Strack ist auch noch gebürtige Marburgerin, der Bezug zur Region ist da und die kleine Familie möchte irgendwann fest von Köln ins Marburger Land ziehen.

Es soll ein neues Heim mit besonderem Charme werden, „ein Rückzugsort, um auszuspannen“, schwärmt der Unternehmer, der schon das Ergebnis der Sanierung vor Augen hat, die seit Oktober läuft. Er hat sich intensiv mit der Geschichte des Hauses, aber auch mit dessen Zustand befasst. Der war nicht der beste, doch mittlerweile erleben das Schieferdach und die einst bröckelige Fassade eine Renaissance, als Nächstes steht die Erneuerung der 152 historischen Fenster an.

Anfänge reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück

Und trotz aller Mängel, die eindrucksvolle Erhabenheit und idyllische Lage des einstigen Ritterguts auf dem Hügel, umflossen von Asphe, Treisbach und dem Mühlenkanal, sind nicht zu übersehen. Auch der bekannte Rapunzelturm daneben – durchaus mit „Instagrammable“-Potenzial – ist ein echter Hingucker. Dem ganzen Gut wohnt der Hauch der Geschichte inne, das spürt der Betrachter schon von außen, erst recht bei einem Rundgang durch das gewaltige Innere.

Und dort wartet noch mehr Renovierungsarbeit auf allen vier Etagen, wo sich Schutt, Staub und Überreste aus Jahrhunderten angesammelt haben, „ein Fass ohne Boden“, bilanziert Ziwes-Strack, der noch die siebenmonatige Entrümpelung vor Augen hat. Und das auf gut 600 Quadratmetern in 52 Zimmern, von denen fast jedes in einer anderen Bauart und Form nahezu einzigartig ist. Also Platz ohne Ende für die kleine Familie, „wenn man sich hier gegenseitig ruft, hört man sich gar nicht“, witzelt der Vater.

Doch viele Räume sind sehr klein, so weit möglich möchte er daher einige Zimmer zusammenlegen. Solange es der Denkmalschutz zulässt, denn der ist in dem Einzelkulturdenkmal ebenso allgegenwärtig wie momentan noch der Staub. Kein Wunder bei einem historischen Bau, dessen Anfänge fast 600 Jahre zurückliegen. 

Eine Inspiration für Otto Ubbelohde

Den südlichen, steinernen Teil des Herrenhauses über zwei Geschosse samt Gewölbekeller errichteten die Herren von Hohenfels bereits im ausgehenden 15. Jahrhundert. Etwa um 1800 wurde der mittelalterliche Kernbau um einen repräsentativen Anbau aus Fachwerk ergänzt. In seinem Inneren befinden sich zahlreiche Elemente aus der klassizistischen Erbauungszeit, zum Beispiel ein zweiläufiges hölzernes Treppenhaus, ein alter Kachelofen, historische Türen, Dielen und zahlreiche Zwillingsfenster. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte die verarmte Adelsfamilie die Bauten nicht länger instand halten.

Der Rapunzelturm wurde lange zuvor, 1616, auf der steinernen Umfassungsmauer als Gartenhäuschen erbaut. Das kleine Gebäude inspirierte schon Maler Otto Ubbelohde Anfang des 20. Jahrhunderts zu seinen Illustrationen von Grimms Märchen: Der Amönauer Turm diente als Vorlage für das Märchen von Rapunzel mit dem langen Haar. Das sogenannte Lusthäuschen ist dabei noch am besten erhalten geblieben.

Anderes fiel dem Zahn der Zeit zum Opfer oder ging verloren. Im Gegensatz zu so mancher Geschichte rund um das Haus: Eine alte Legende erwähnt einen geheimen, unterirdischen Gang vom Haus bis zum nahen Waldstück. Gibt es den wirklich? „Wer weiß, aber wir haben den Gang noch nicht gefunden“, erzählt der Hausherr lachend. Dafür hat das Paar beim Entrümpeln schon ganz andere Entdeckungen im Inneren gemacht, von historischen Möbeln bis hin zu Tausenden Büchern und Bildern, die vorherige Bewohner zurückgelassen haben. Besonders für Iva Strack, die sich sehr für Geschichte interessiert, ein kleines Abenteuer: „Es ist wie eine Reise durch die Geschichte, mit jedem Teil puzzeln wir uns ein Stück mehr zurecht.“

Rittergut wird nicht kommerziell genutzt

Und wie soll das Haus nach der ganzen Arbeit einmal aussehen? Im Vordergrund steht für die Familie die private Nutzung, „wir haben das Haus nicht gekauft, um es kommerziell zu nutzen“, sagt Ziwes-Strack. Dennoch hat die Familie mehr Platz, als sie braucht, etwa 150 Quadratmeter der Wohnfläche sollen daher in Büroflächen umgewandelt und eventuell vermietet werden.

Das Paar betreibt selber eine Marketing- und Eventagentur, diese soll aber vorerst in Köln bleiben. Ebenso wenig soll im Haus eine Event-Location entstehen, entsprechende Gerüchte hatten schon vor zwei Jahren die Runde gemacht.
Verstecken wollen sich die neuen „Gutsherren“ jedoch nicht vor der Öffentlichkeit oder den Nachbarn, im Gegenteil. Sie wohnen noch gar nicht da, aber seien schon jetzt im Ort „unglaublich toll und sehr freundlich“ aufgenommen worden: „Wir wurden mit offenen Armen empfangen, es gibt ein großes Interesse aus dem Ort, was uns sehr freut“, berichtet Ziwes-Strack.

Das wundert Ulrich Althaus, Leiter des Ortskuratoriums Marburg der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, nicht: Denn das schmucke alte Rittergut sei wichtiges Wahrzeichen von Amönau und liege den Menschen am Herzen. Den langsamen Verfall haben viele Bewohner sicher nicht gerne erlebt. Der Eigentümerwechsel und die voranschreitende Sanierung seien „für den Ort ein absoluter Gewinn“, lobt Althaus.

von Ina Tannert

Förderung

Die Sanierung des denkmalgeschützten Anwesens verschlingt eine ordentliche Summe, wird dabei auch von verschiedenen Seiten gefördert, um den historischen Bau weitestgehend originalgetreu erhalten zu können. Durch ein Sonderprogramm des Bundes flossen schon 400.000 Euro in das Sanierungsprojekt, das Land Hessen steuerte 100.000 Euro bei. Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) beteiligte sich zuletzt mit einer Förderung von 50.000 Euro: Die Mittel sollen für die Erneuerung der Dachdeckung sowie der Fassadenverschieferung und die Fassadenentwässerung genutzt werden, erklärt Ortskurator Ulrich Althaus von der DSD, der den Förderbescheid überreichte.