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Nordkreis Für Lukas Haupt erfüllt sich ein Lebenstraum
Landkreis Nordkreis Für Lukas Haupt erfüllt sich ein Lebenstraum
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18:00 10.05.2022
Lukas Haupt bedient im Café Salamanca in Cölbe die Gäste Ottilie Plociennik und Hilka Kronstedt.
Lukas Haupt bedient im Café Salamanca in Cölbe die Gäste Ottilie Plociennik und Hilka Kronstedt. Quelle: Thorsten Richter
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Cölbe

Nein, Schlagerstar Helene Fischer hat das Leben von Lukas David Haupt nicht verändert. Ein spezieller Song von ihr ist allerdings seit geraumer Zeit ein fast täglicher Begleiter des 22-Jährigen. „Das Lied gibt mir viel Kraft. Ich höre es unwahrscheinlich gern und oft“, sagt Haupt, der seit Februar im inklusiven Cölber Café Salamanca als Vollzeit-Servicekraft angestellt ist. Die Helene-Fischer-Single „Volle Kraft voraus“ handelt von Veränderungen, von Umbrüchen im Leben und von der Befreiung, die jede Veränderung mit sich bringt.

Und genau davon hat Haupt alles durchlebt. Der Marburger hat eine Lese- und Schreibschwäche, gehört zu der Gruppe der Menschen mit Behinderung. „Hierzulande sprach man ja lange Zeit von den Behinderten oder gar von Schwerbeschädigten. Immer häufiger wird aber inzwischen ein anderes Wort für Menschen mit Behinderung gebraucht: Handicap oder gehandicapt. Letztlich ist aber entscheidend, was eine Person sehen will: das Handicap eines Menschen oder die Stärken eines Menschen“, sagt Haupt und entscheidet sich selbst für die Stärken. Und von seinen eigenen hat er letztlich profitiert. Dazu zählen Durchsetzungsvermögen und Willensstärke.

Lukas David Haupt hat Willensstärke

Lucas David Haupt hat lange Zeit in einer Werkstatt der Lebenshilfe Marburg gearbeitet. Hauptsächlich im Elektrobereich. „Das war mir auf Dauer immer langweiliger geworden. Ich wollte unbedingt etwas anderes machen.“ Gesagt, getan: Als seine Mutter in der OP eine Stellenanzeige des Cafés Salamanca entdeckte, entschloss er sich, mit ihr zumindest mal zum Essen dorthin zu fahren – freilich nicht ohne Hintergedanken. „Es war schon immer einer meiner Lebensträume, in der Gastronomie zu arbeiten“, sagt Haupt. Also nahm er im Salamanca nicht nur ein Essen zu sich, sondern auch Kontakt mit Bediensteten des Cafés auf. „Das hat von Anfang an gepasst“, erinnert sich Paco Leuschner, Bereichsleiter für die Themen Arbeit und Beschäftigung innerhalb des St. Elisabeth-Vereins, über den das inklusive Café in Cölbe mit ins Leben gerufen wurde. Haupt erhielt ein Praktikum und nach etwa acht Wochen eine Festanstellung als Vollzeit-Servicekraft.

„Ich arbeite gern mit Menschen im Team zusammen. Es macht mir großen Spaß, Menschen zu bedienen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, mit Stammkunden einen Smalltalk abzuhalten. Kurzum: Ich liebe meine Arbeit.“

Ihm zur Seite steht Anna-Katharina Miodek, seine Bezugsbetreuerin und ständige Ansprechpartnerin: „Unser vorrangiges Ziel ist es, Lukas und auch die anderen Beschäftigten mit einer Beeinträchtigung so selbstständig und selbstbestimmt wie möglich arbeiten zu lassen. Lukas ist ernsthaft bei der Sache, will immer dazulernen, bringt sich mit vielen Ideen ein und lernt inzwischen auch Praktikanten und neue Mitarbeiter an.“

Allerdings hat er doch sicherlich auch Schwächen, oder? „Ich brauche mitunter etwas mehr Geduld“, räumt er ein. Und die wird auch nötig sein. Schließlich hat er mit der Anstellung als Servicekraft in der Gastronomie erst einen seiner Lebensträume erfüllt. Es gibt da noch einen zweiten: „Irgendwann will ich eine eigene Gaststätte aufmachen“, sagt Lukas David Haupt. Möglich oder gar nicht so unwahrscheinlich, dass ihm dabei abermals der Helene-Fischer-Song „Volle Kraft voraus“ helfen wird.

Hintergrund

Das Café Salamanca ist ein inklusives Café und Bistro. Es wurde im September 2021 eröffnet. Es bietet gleichzeitig 25 Menschen mit und ohne Behinderung verschiedene barrierefreie Möglichkeiten der Arbeit und Beschäftigung. Im Café finden zwischen 60 und 100 Gäste Platz. Hinzu kommt im Außenbereich eine Terrasse mit 30 Sitzplätzen. Das Café kooperiert mit inklusiven, regionalen und sozialen Projekten, Landwirten und Kaffeeröstereien.

Es schafft nach eigenen Angaben neue Wege ins Arbeits- und Beschäftigungsleben für Menschen mit und ohne Behinderung. Es wird dort das Bewusstsein gestärkt, dass jeder Mensch Qualitäten und Talente hat. Ein an der Person orientierter individueller Zugang wird im Sinne der Inklusion im Salamanca durch barrierefreies Arbeiten, flexible Arbeitszeiten, beschreibendes Arbeiten über Symbole und Bilder, Beschreibungen in leichter Sprache, Arbeiten auf Augenhöhe mit allen Mitarbeitenden in einer wertschätzenden Atmosphäre und eine angemessene Vergütung erreicht.

Von Michael E. Schmidt

06.05.2022