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Nordkreis Hilfe für Freunde von Freunden
Landkreis Nordkreis Hilfe für Freunde von Freunden
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10:00 11.03.2022
Eine Mauermalerei in Koscierzyna zeigt die Partnergemeinden an. Nun erhält sie eine ganz neue Bedeutung: Partner halten sich die Treue, Partner stehen zusammen und Partner helfen sich über alle Grenzen hinweg.
Eine Mauermalerei in Koscierzyna zeigt die Partnergemeinden an. Nun erhält sie eine ganz neue Bedeutung: Partner halten sich die Treue, Partner stehen zusammen und Partner helfen sich über alle Grenzen hinweg. Quelle: Foto: Aga Sauerwald
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Cölbe

„In der Vergangenheit wurde ich immer mal wieder gefragt, wozu diese Partnerschaften eigentlich seien, außer miteinander zu feiern?“, sagt Aga Sauerwald, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Cölbe-Koscierzyna.

Ja, wozu sind sie da? „Sie sind dazu da, um Kontakte zu knüpfen, Barrieren abzubauen, Freundschaften zu schließen. Und sich in der Not beizustehen, statt voneinander zu entfernen“, antwortet sie.

Durch  Angriffskrieg zweifach betroffen

Und jetzt ist so eine Zeit, sich in der Not beizustehen. Dabei geht es nicht darum, dass Cölbe oder Koscierzyna selbst in Not sind, es geht um Freunde von Freunden. Und auch da hilft man gerne. Koscierzyna ist durch den Angriffskrieg Putins zweifach betroffen. Zum einen kommen Flüchtlinge aus dem Nachbarland, darunter 260 Waisenkinder, vom Säugling bis zu 16-jährigen Teenagern. Und dann ist da Pryluky im Nordosten der Ukraine. Pryluky ist eine Partnerstadt von Koscierzyna und als solche hat sie ihre polnischen Freunde sehr darum gebeten, ihr mit Nahrung behilflich zu sein. Pryluky wurde bereits von russischen Truppen eingenommen, Verkehrswege und Brücken sind beschädigt, aber es wird auch weiter gekämpft, berichtete bereits Cölbes Bürgermeister Dr. Jens Ried während der Sondersitzung des Cölber Parlaments. Er hatte die Informationen zuvor von Aga Sauerwald erhalten.

„Das kann und will man sich nicht vorstellen, was da in Pryluky passiert“, sagt sie. „Hier geht es um schnelle Hilfe, ausschließlich um Essen, Konserven und Babynahrung für die eingeschlossene Zivilbevölkerung. Sauerwald ruhte nicht, bis sie einen Kontakt gefunden hatte, der die Hilfe von Polen aus organisiert. Seither steht sie mit Slawomir Szkobel, dem Hauptamtsleiter der Stadt Koscierzyna, in Kontakt. „Wir kamen überein, dass er sich um die Organisation und Logistik kümmert und ich um den Inhalt.“ Inhalt heißt Lebensmittel, am besten eben in Dosen beziehungsweise Gläschen. Diese sollen nicht hier in Deutschland besorgt werden, sondern in Koscierzyna, allerdings mit finanzieller Unterstützung von hier. Gestern ist schließlich ein Transporter mit fünf Tonnen Lebensmitteln Richtung Ukraine losgefahren. Es wurde ausgemacht, dass von Pryluky aus Fahrzeuge starten, die die Lebensmittel auf halber Strecke, also in der Ukraine in Empfang nehmen. So muss jede Seite nur 600 Kilometer fahren, was aber auch schon gefährlich genug ist.

 Und dann sind da also noch die Waisenkinder. Wenn Aga Sauerwald von ihnen erzählt, kann sie kaum die Emotionen zurückhalten. „Da haben sich Dramen abgespielt, die Kinder waren sehr lange unterwegs und hatten praktisch nichts dabei, noch nicht einmal ein Kuscheltier. Begleitet wurden sie von gerade mal zwölf Erwachsenen.“ Sie wurden dann im Landkreis Koscierzyna aufgeteilt. In die Gemeinde Koscierzyna kamen 140 und nach Stara Kiszewa kamen 120. Stara Kiszewa ist die Partnergemeinde der Gemeinde Lahntal, wo die Cölberin Aga Sauerwald zufällig in der Gemeindeverwaltung arbeitet. Für sie ist somit alles eine Aufgabe zu helfen. Die Polen haben sich nach ihren Schilderungen sehr um die Kinder bemüht. Sie kamen jeweils in Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche unter, die an Seen gelegen sind. Für jedes Kind wurde neue Bettwäsche in zweifacher Ausfertigung besorgt, es stehen Kleidung und Hygieneartikel zur Verfügung. Sauerwald weist aber darauf hin, dass sich um diese Kinder wohl langfristig gekümmert werden müsse.

24-stündige Betreuung Tag für Tag

Dabei handelt es sich um eine 24-stündige Betreuung Tag für Tag. „Ich sammle jetzt Geld, um auch dort zu helfen“, sagt Sauerwald. 5 000 Euro sind bereits über den Partnerschaftsverein gesetzt. In beiden Fällen, also Hilfe für die Waisenkinder wie auch Hilfe für Menschen in Pryluky, möchte sie nur Geld sammeln, weil Ausrüstung und Material in Polen besorgt werden können, wenn Geld da ist. Bürgermeister Ried hatte bereits angekündigt, dass die Gemeinde Cölbe an der Seite des Partnerschaftsvereins steht und ebenfalls Koscierzyna und Pryluky über das polnische Rote Kreuz, das die Fahrten in die Ukraine hinein unternimmt, unterstützen wird.

Ried sagte am Montag: „Es besteht Einigkeit zwischen allen Beteiligten, mit denen ich bisher sprechen konnte, dass wir keine Sachspende sammeln werden, sondern um Geldspenden entweder an den Cölber Arbeitskreis Flüchtlinge oder den Partnerschaftsverein bitten werden, da die Hilfe so schneller und flexibler ist. Wir arbeiten ausschließlich mit bekannten Personen und Institutionen vor Ort zusammen, sodass jeder Euro sicher ankommt und gezielt eingesetzt werden kann.“

Der Aufruf, Geld zu spenden, ist unter anderem auf der Homepage der Gemeinde Cölbe zu finden.

Das Spendenkonto bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf des Partnerschaftsvereins Cölbe-Koscierzyna lautet IBAN: DE 06 5335 0000 0037 00 14 81 Stichwort: Ukraine

Von Götz Schaub