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Nordkreis "Wer braucht Insekten mehr als wir?"
Landkreis Nordkreis "Wer braucht Insekten mehr als wir?"
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08:00 25.11.2019
Sind von der aktuellen Politik der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner enttäuscht: Christian Damm (von links), Daniel Metz, Dirk Wieber, Ray Wieber, Lukas Metz, Karin Lölkes, Karl-Heinz Weber, Frank Staubitz und Gerhard Wieber. Quelle: Götz Schaub
Rüdigheim

Das was die Politik jetzt von den Landwirten im Land verlangt, ist einfach zu viel. Auf jeden Fall zu viel für kleine Familienbetriebe, mit denen doch so gerne geworben wird, wenn es darum geht mit der landwirtschaftlichen Ursprünglichkeit Deutschlands zu werben. Und da stehen konventionell arbeitende Landwirte Seite an Seite mit Bio-Landwirten.

Spätestens seit der Demo in Bonn am 22. Oktober weiß die „große Politik“, dass es den Landwirten in ganz Deutschland verdammt ernst ist, weil sie ganz konkret das wirtschaftliche Arbeiten auf ihren Höfen in Gefahr sehen. Das „Aktionsprogramm Insektenschutz“ treffe willkürlich einen einzigen Berufsstand und das mit einer Härte, die eine uninformierte Öffentlichkeit leicht glauben lasse, dass die Bauern mehr oder weniger die Hauptschuldigen des ausgemachten Insektensterbens sind.

Das macht Kreislandwirt Frank Staubitz sehr wütend. Er und Karin Lölkes, die Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf, kommen praktisch täglich mit Berufskollegen zusammen, die es nicht fassen können, wie sie wider besseren Wissens von den beiden Bundesministerinnen Julia Klöckner (Landwirtschaft) und Svenja Schulze (Umwelt) zu den Buhmännern und -frauen der Nation gemacht werden.

„Wer braucht denn die Insekten mehr als wir?“, fragt Dirk Wieber, Landwirt aus Rüdigheim. Er sieht sich unter Generalverdacht gestellt. „Ich habe nie Zeug von Monsanto gekauft. Und nachdem Bayer Monsanto übernommen hat, kauf ich dort auch nichts mehr, außer das Entwurmungsmittel für die Katze“, macht er deutlich. Als ob Landwirte aus Jux und Dollerei Insektizide verspritzen würden. Alles koste Geld, alles unterliegt einer klaren Planung. Verschiedene Feldfrüchte müssen entsprechend behandelt werden, will man auch eine Ernte erzielen.

Furcht: Verbraucher verlieren heimische Produkte

Christian Damm aus Rauschenberg wird nicht müde aufzuzeigen, dass Landwirte großes Engagement an den Tag legen, Insekten Lebensraum mit großem Nahrungsangebot anzubieten. Staubitz sagt: „Die Leute sehen einen Traktor mit einem Gestänge hinten dran, aus dem etwas herausgespritzt wird und assoziieren das immer gleich mit Gift gegen Insekten. Dass es sich oft auch nur um Nährstoffe handelt, wird nicht gesehen.“

Deshalb ist es den Landwirten auch sehr wichtig, ihre Mitbürger aufzuklären, was sie so auf die Felder ausbringen, und warum es ihnen jetzt so ein Anliegen ist, das Agrarpaket in der derzeit vorliegenden Form zu verhindern. Denn wenn erst einmal die Familienbetriebe aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben haben, bleiben nur noch die Großbetriebe, die eben aufgrund ihrer Größe mehr Möglichkeiten haben und dann den heimischen Markt diktieren, führt Karin Lölkes an.

Mahnfeuer im Landkreis

Im Landkreis wird die Sternfahrt und Kundgebung in Berlin am Dienstag, 26. November, mit öffentlichen Mahnfeuern flankiert. Die zentrale Veranstaltung findet in Erksdorf oberhalb des Sportplatzes statt und beginnt um 18 Uhr. Der Weg dorthin ist ausgeschildert. Für Essen und Trinken wird zudem gesorgt sein. Der Erlös wird an die örtlichen Vereine gespendet.

Weitere Mahnfeuer:
Hachborn: „Schäfer Jochens Hof“, Hachborner Straße 10, 18 Uhr. Für Essen und Trinken ist gesorgt. Der Erlös wird gespendet.
Elnhausen: Richtung Dilschhausen Ortsausgang links im Feld (Osterfeuerplatz). Start um 19 Uhr. Auch hier ist für das leibliche Wohl gesorgt. Die Einnahmen gehen an das Kinderzentrum Elnhausen.

Die drohende Konsequenz: Es gibt keine familiären Direkterzeuger vor Ort mehr, von denen man wusste, wie sie produzieren. Lukas und Daniel Metz aus Schweinsberg setzen auf Bio, aber auch da kommt es zu hausgemachten Schwierigkeiten.

„Die Preise für Bio-Getreide sind schon unten. Wenn die Landesregierung jetzt eine Vorgabe macht, dass der Anteil an Bio-Getreide auf 30 Prozent steigen soll, fällt der Preis ins Bodenlose, die Kosten für die Produktion bleiben aber gleich“, sagt Lukas Metz. Man müsse doch den Markt beobachten und nicht einfach was beschließen.

So sieht das Staubitz auch: „In Umfragen sagen 80 Prozent der Verbraucher, dass sie Bio kaufen würden, tatsächlich machen das aber nur zehn Prozent.“ Dirk Wieber würde auch gerne einer Bio-Molkerei zuliefern, doch findet er keine, weil die nicht über den tatsächlichen Absatz produzieren wollen. 

Fahrt nach Berlin

Bundesweit organisieren sich Landwirte, weil sie von der derzeitigen Umwelt- und Landwirtschaftspolitik, die Wirtschaftskraft und den sozialen Frieden im ländlichen Raum in Deutschland gefährdet sehen. Nach den Demonstrationen am 22. Oktober in Bonn plant die Bewegung nun für Dienstag, den 26. November, eine weitere Kundgebung mit Sternfahrt nach Berlin.

Auch aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf wollen Landwirte zur Kundgebung in die Hauptstadt fahren, zwei sogar mit dem Traktor. Für andere wird ein Bus gemietet. Wer sich der Busfahrt anschließen möchte, meldet sich bitte so schnell wie möglich telefonisch beim Geschäftszimmer des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf unter Telefon 0 64 21 / 94 48 0.

Karl-Heinz Weber aus Amöneburg sagt, dass er 15 Prozent Bearbeitungsfläche verliert. Einen Teil, den er gepachtet hatte, werde als Ausgleichfläche für erfolgte Bauarbeiten genommen, bei anderen gepachteten Flächen verliere er Anbaufläche durch die neuen Bewirtschaftungsvorgaben. Wenn er nun nicht mehr wie bisher düngen und spritzen könne, zahle er zwar weiter die Pacht, erziele aber keine Erträge mehr.

Dirk Wieber sieht sich in der Zwickmühle. Er hat einen Sohn, Ray, der sich für die Landwirtschaft interessiert, er würde gerne investieren, doch woher soll er jetzt noch eine Planungssicherheit nehmen, fragt er und fügt an: Die Politik lässt sich ständig was neues einfallen und wir haben darauf zu reagieren.“

50 Traktoren aus Hessen fahren nach Berlin

Am Dienstag, 26. November, ist eine Demonstration in Berlin geplant. Rund 50 hessische Landwirte darunter zwei aus diesem Landkreis fahren mit dem Trekker dort hin. Andere fahren mit einem Bus, der über den Kreisbauernverband organisiert wird. Wer noch dabei sein will, soll sich dort melden, so Karin Lölkes. 

Die Landwirte, die nicht nach Berlin fahren, organisieren Mahnfeuer am Abend des 26. Novembers. Das zentrale Mahnfeuer, zu dem alle Mitbürger eingeladen sind, findet in Erksdorf statt. Die Landwirte erwarten auch eine faire Diskussion in der Öffentlichkeit, dass alle potentiellen „Insektenkiller benannt werden, um mal die Relationen darzulegen.

Dazu gehöre auch der Fakt, dass in Deutschland rund 79 Hektar Fläche am Tag verbaut werden. Die Landwirtschaft im Landkreis habe in den vergangenen 40 Jahren 12.000 Hektar verloren, sagt Staubitz. Und jetzt wo weniger Fläche zur Verfügung stehe, sollen sie mit Hauptverursacher des Insektenstrebens sein, das könne wohl kaum sein, so Staubitz.

„Wir wollen mit der Bevölkerung in einen Austausch kommen– wir brauchen die und die brauchen uns“, sagt Landwirt Niklas Schäfer, der das Mahnfeuer in Hachborn organisiert. Die Landwirte suchen weitere Unterstützer für ihr Anliegen, Rückhalt in der Bevölkerung, denn der sei durch Generationenwechsel oder Zuzug neuer Bewohner mittlerweile gesunken, der Bezug zur Landwirtschaft gehe verloren.

von Götz Schaub