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Nordkreis Die „Sucht“ nach dem perfekten Schlag
Landkreis Nordkreis Die „Sucht“ nach dem perfekten Schlag
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10:57 05.12.2020
Volltreffer: OP-Redakteurin Ina Tannert verfolgt ihren Ball in der Luft. Foto: Thorsten Richter
Volltreffer: OP-Redakteurin Ina Tannert verfolgt ihren Ball in der Luft. Quelle: Thorsten Richter
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Cölbe

Arme gerade, Augen auf den Ball, Eisen hoch, lockerer Schwung und dann nur noch treffen. Es könnte so einfach sein. Daneben. Verdammt! Völlig ungerührt und unberührt liegt er da, der Golfball. Diese kleine, runde Nemesis.

Die allererste Golfstunde ist für den Laien durchaus ein Kampf. Vielmehr ein Krampf. Übrigens auch noch zwei Tage später, wenn sich Muskeln protestierend zu Wort melden, die man bislang nicht kannte. Dabei sieht das bei den Profis so einfach aus, locker, mit lässigem Hüftschwung.

Von wegen. Der blutige Anfänger kommt ganz schön ins Schwitzen. Das mag auch an dem überraschend warmen Herbsttag Ende Oktober liegen, an dem es die Sonne nochmal so richtig gut meint, den Platz des Oberhessischen Golfclubs Marburg in strahlendes Licht taucht.

Und dort fliegen das ganze Jahr über Golfbälle zwischen sanften Hügeln und sattem Grün, wo auf stolzen 65 Hektar Golfer alleine oder im Duo gerade ihre Runden drehen. Zwischen April und November werden in der Regel Turniere ausgetragen, in Pandemie-Zeiten deutlich weniger.

Trainer geht nach 33 Jahren

Heute wird aber „nur“ geübt. Also wieder von vorne. Ausgangsposition. Beine auf Schulterbreite, leichte Beugung. Und den Ball ansprechen. Wie bitte? „Hallo, Ball“. Trainer und Golf-Experte Trevor Rigby lächelt gequält. Aber im Ernst: Die professionelle Ansprache des Balls bedeutet in der Golfer-Szene, den Schläger im richtigen Winkel vor dem Ball anzusetzen, Maß zu nehmen.

Der Experte macht es mit lässigem Schwung vor, legt einen neuen Ball auf den „Tee“, der kleine Stift, von dem aus der Ball abgeschlagen werden kann. Schneller Schwung und schon fliegt der Ball im perfekten Bogen davon. Ein guter „Drive“, so heißt der erste Schlag vom „Tee“ aus in der Golfsprache. Zumindest wenn er auf kürzere Distanz auf einem Par 4- oder Par 5-Loch abgeschlagen wird. Das „Par“ bezeichnet die Anzahl an Schlägen, die man für ein Loch brauchen dürfte.

Rigby ist einer von zwei Trainern des Clubs und er gibt gerade eine seiner allerletzten Golfstunden auf dem Platz in Cölbe. Nach 33 Jahren verlässt der gebürtige Brite den heimischen Kreis und geht zurück in seine Heimat Manchester. Er ist Berufsgolfer, ein sogenannter „Pro“, ein „Professional“, und spielt Golf, seitdem er laufen kann. „Ich habe mit drei oder vier Jahren angefangen“, erzählt er lachend. Bis heute ist der Sport seine Leidenschaft: „Golf ist alles, es ist Ruhe, Konzentration, Disziplin – man kämpft gegen sich selbst“, schwärmt der 55-Jährige.

Ohne Prüfung darf keiner auf den Platz

Er ging aber nicht, ohne mir zuvor nochmal die Grundlagen beizubringen. Und dabei geht es viel um die Haltung. „Gerade halten!“, sagt der Trainer bestimmt und klopft mit seinem Schläger gegen meinen, mal wieder eingeknickten, Arm. Wieder vergessen, es ist eben ein ungewohnter Stand und doch ausschlaggebend. Handstellung korrigieren, Schwung, Hüftdrehung und Treffer. Der Ball fliegt schnurgerade von dannen. „Sehr gut, ein Naturtalent – ich kann das einfach“, lobt Trainer Rigby gleich sich selbst mit.

Zumindest klappt es soweit auf der Drivingrange, dem Übungsbereich. Doch bis zur Platzreife und dem Aufstieg zum Meisterschaftsplatz dauert es noch. Denn ohne die dafür nötige Prüfung darf der Amateur nicht auf den eigentlichen Golfplatz, muss den Sport und die Grundsätze kennen. Etwa die traditionelle Etikette. Zu diesem Kodex unter Golfern gehört es unter anderem, höflich zu warten, wenn ein Golfer gerade abschlägt. Dann wird es still rundherum, dann stoppen auch die Golfcarts, mit denen die Besucher über den Platz düsen. Es geht um Höflichkeit, aber auch Sicherheit. So ein Golfball kann schließlich zum Geschoss werden.

1.100 Euro Jahresbeitrag

Der Marburger Golfclub besteht bereits seit 1973, damals umfasste der Platz nur sechs Löcher, heute sind es 18. Zwischen sanften Hügeln, See und Baumreihen tummeln sich täglich die Golfer, mittlerweile rund 750 Mitglieder sind im Club vereint, die meisten aus dem Landkreis. Und die seien bunt zusammengewürfelt, vom Kind bis zum Greis, vom Handwerker bis zum Professor, erzählt Clubpräsident Michael Schwarz. „Man denkt immer, Golf ist ein elitärer Sport, das ist er aber nicht, wir sind breit gemischt.“

Die Mitgliedschaft muss man sich dennoch erstmal leisten können, der Jahresbeitrag für eine Vollmitgliedschaft umfasst knapp 1.100 Euro, hinzu kommen noch eine Eintrittsgebühr und Umlagen, die man bis zu 13 Jahre strecken kann, für Ehepartner oder Kinder und Studierende gibt es Ermäßigungen. Für den Beitrag werde auch einiges geboten, etwa der gepflegte Platz, für den der Club mehrere Green-Keeper und einen Fuhrpark an Maschinen vorhält. Schließlich geht es auf dem gestutzten Grün um Millimeter.

„Nicht die Kraft, sondern die Technik zählt“

Und um Können, Golfen will gelernt sein: „Technisch ist es der anspruchsvollste Sport, den es gibt, es ist ein Kopfsport“, sagt Schwarz. Und der halte fit, der älteste Golfer im Club ist 90 Jahre alt – und kommt noch immer jeden Morgen, um seine 18 Löcher zu spielen. Das kann durchaus mehrere Stunden dauern, nebst einem ausgedehnten Spaziergang über das große Gelände. Und das ist riesig, gerade in Corona-Zeiten von Vorteil, mehr Abstand bei einem Sport ist kaum möglich.

Was ist das Geheimnis beim Golf? Schon einmal nicht Muskelschmalz. „Nicht die Kraft, sondern die Technik zählt – der leichte Schwung aus der Hüfte, das ist alles“, rät Platzwart Jörg Bauscher. Leichter gesagt als getan. Und doch wird man von der Herausforderung ziemlich schnell gepackt, braucht aber viel Geduld. „Man gewinnt nur mit Demut, wer beim Spiel nicht demütig ist, der scheitert“, ergänzt Schwarz.

Das gilt auch im Turnier, der Wettkampf-Gedanke spielt eine große Rolle. Selbst Anfänger können gegen Profis antreten, für gleiche Voraussetzungen sorgt das sogenannte Handicap, mit dem der Amateur gleichziehen kann, je nach Können der Spielpartner muss der Erfahrenere mehr Schläge für dieselbe Punktzahl aufbringen, „man hat so immer eine Chance zu gewinnen, spielt eigentlich nicht gegen andere, sondern gegen sein eigenes Handicap“. Und auch deshalb mache dieser Sport „ein bisschen süchtig nach guten Schlägen“, verrät Bauscher lachend.

Weitere Informationen unter www.golf-club-marburg.de

Seniorenclubmeisterschaften 2020 im Oberhessischen Golfclub

Am 15. und 16. August wurden die Seniorenclubmeisterschaften (Altersklasse AK 50) der Damen und Herren des Oberhessischen Golfclubs (OHGC) ausgetragen. Da diese Altersklasse den größten Mitgliederanteil im Club darstellt, war dort eine besonders hohe Teilnehmerzahl zu verzeichnen. 40 Golfer starteten unter strengster Einhaltung der Corona-Regeln in den Wettkampf.

Am ersten Tag konnte sich bei den Damen (Brutto), Margarete Steiner mit 89 Schlägen vor Heidi Nowotny (94) und Bianka Pitton (95) noch behaupten. Am 2. Turniertag holte jedoch Heidi Nowotny den 5-Schläge-Rückstand auf, Erst nach einem Stechen auf den Bahnen 8 und 9 setzte sie sich durch. Auf den weiteren Plätzen folgten Margarete Steiner und Bianka Pitton.

In den Nettowertungen siegten Margarete Steiner (Netto A) und Beate Engelhardt (Netto B). Bei den Herren ging es ähnlich spannend zu. Vier Spieler teilten sich nach dem ersten Spieltag mit je 86 Schlägen brutto noch den 2. Platz. Mario Lemmer, der mit 6 Schlägen Rückstand in den letzten Turniertag gestartet war, sicherte sich mit einer hervorragenden Runde noch mit 13 Schlägen Vorsprung die verdiente Clubmeisterschaft vor Lothar Schneider (89 Schläge).

In den Nettowertungen gewannen: Mikel Block (Netto A), Thomas März (Netto B) und Micha Kiefer (Netto C)

Von Ina Tannert