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Nordkreis Kirchengemeinde setzt den Rotstift an
Landkreis Nordkreis Kirchengemeinde setzt den Rotstift an
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14:00 29.12.2021
Das offizielle Testat zum Gemeinwohlbericht überreichte Bischöfin Beate Hofmann in der Marburger Unikirche an die Mitglieder der Lenkungsgruppe der Kirchengemeinde Rosphetal-Mellnau: Sven Jerschow (links), Gerlinde Lamberty und Harald Volke. Es fehlen Gabriele Dammshäuser und Pfarrerin Wilma Ruppert-Golin.
Das offizielle Testat zum Gemeinwohlbericht überreichte Bischöfin Beate Hofmann in der Marburger Unikirche an die Mitglieder der Lenkungsgruppe der Kirchengemeinde Rosphetal-Mellnau: Sven Jerschow (links), Gerlinde Lamberty und Harald Volke. Es fehlen Gabriele Dammshäuser und Pfarrerin Wilma Ruppert-Golin. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Unterrosphe

Nach welchen Werten, wie ethisch und ökologisch arbeitet meine Organisation eigentlich? Das ist eine Kernfrage der Gemeinwohlökonomie, der sich auch die Kirchengemeinde Rosphetal-Mellnau gestellt und ihr eigenes Wirtschaften und Handeln hinterfragt hat.

Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) bezeichnet ein Wirtschaftsmodell, das nicht auf den reinen Profit ausgerichtet ist, sondern, wie der Name schon sagt, auf das Gemeinwohl. Die wachsende, gemeinnützige Bewegung begreift den Menschen und die Umwelt als oberstes Prinzip des zukunftsorientierten Wirtschaftens. Gemessen wird das GWÖ-Potential – von Unternehmen, Kommunen, Einrichtungen oder Vereinen – via Punktesystem über die Gemeinwohlbilanz.

Deren Konzept umfasst vier Werte: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Auf diese Kernpunkte wird die Organisation geprüft – je höher der Einsatz für das Gemeinwohl, desto mehr Punkte gibt es. Am Ende steht die Bilanz, die das eigene Verbesserungspotential aufzeigt.

Einer solchen Prüfung hat sich die Kirchengemeinde Rosphetal-Mellnau gestellt – als erste Gemeinde der Landeskirche überhaupt. Sie wurde in 2019 bereits als ökofaire Gemeinde ausgezeichnet und geht nun noch einen großen Schritt weiter. Pfarrerin Wilma Ruppert-Golin, Sven Jerschow, Gabriele Dammshäuser, Harald Volke und Gerlinde Lamberty vom Kirchenvorstand bildeten die Lenkungsgruppe, arbeiten seit vielen Monaten an dem Gemeinwohl-Projekt, bei dem Phase eins nun abgeschlossen wurde. Die Gemeinde hat sich dazu auf Herz und Nieren durchleuchtet und ihre Bücher offengelegt: angefangen beim Papierverbrauch in der Verwaltung und dem eigenen ökologischen Fußabdruck, über die Wahl der Lebensmittel für Veranstaltungen, bis zu einem bewussten Umgang mit den Mitmenschen. Nun liegt das Zertifikat vor.

Neue Ziele für die Zukunft

Von maximal 1 000 möglichen Gemeinwohl-Punkten erreicht die Kirchengemeinde 421 Punkte. Besonders gut schneidet sie unter anderem beim Mitentscheidungsrecht von Mitarbeitern, bei Produkttransparenz oder im Bereich Menschenwürde ab. Es sind zahlreiche Details, die in der Bilanz aufgelistet sind, vom Altarschmuck, der in der Gemeinde nicht vom Blumen-Discounter kommen darf, bis zum ökologischen Ausgleich, den der Heizöl-Lieferant durchführt. Luft nach oben gibt es aber, etwa bei sozialen und fairen Zulieferketten von Lieferanten – vom Handwerker bis zum Stromversorger – oder der Ausgestaltung von Arbeitsverträgen. Das Ergebnis sei „erst der Beginn, es ist wie ein roter Faden, wie wir uns verbessern und weiterentwickeln können“, sagt GWÖ-Beraterin Gerlinde Lamberty.

Welche Konsequenzen zieht die Kirche nun aus dieser ersten Phase? Die hat sich für die Umsetzung der GWÖ selber kurz- und langfristige Ziele gesetzt, will gemeinsam mit allen Partnern nachhaltiger werden: In den nächsten ein bis zwei Jahren soll unter anderem die Kommunikation mit allen Beteiligten intensiviert werden, es werden verbindliche Einkaufsrichtlinien festgelegt und eine Lieferantenbefragung durchgeführt.

Langfristig soll zudem eine Zukunftswerkstatt für die anstehende Neuverpachtung der landwirtschaftlichen Flächen der Kirche (in 2024) aufgebaut werden. Außerdem werden Zulieferketten kontinuierlich hinsichtlich Umwelt, Produktion und Nachhaltigkeit überprüft, generell stehe das Thema Wertschöpfungskette stärker im Fokus und soll mit der gesamten Gemeinde kommuniziert werden.

Die GWÖ-Bilanz ist für die Kirchengemeinde dazu der Grundstein, auf dem weiter aufgebaut werden soll. Zugleich ein Aushängeschild, ein Zeichen, dass für Kirchen ein nachhaltiges Wirtschaften möglich ist und sich die GWÖ-Kernpunkte mit den christlichen Werten in vielerlei Hinsicht decken, berichtet Lamberty.

Bischöfin honoriert Projekt

Nun komme es in den nächsten Schritten auf die Offenheit der Gemeinde, von Kirchenvorstand und Pfarrerin und das Engagement der Lenkungsgruppe an, „das ist für die Weiterführung des Projekts sehr wichtig“.

Viel Lob erhielten die Köpfe des Projekts auch von der Landeskirche: Bischöfin Beate Hofmann überreichte im November das Testat zur Anerkennung des Gemeinwohlprojekts und lobt diese „Pionierarbeit“ als konsequenten Schritt. „So eine Bilanz – die ja nur eine Zwischenstation sein soll – verändert die gegenseitige Wahrnehmung aller Beteiligten in Richtung ‚Verantwortung für die Schöpfung‘ weit über exemplarische und vereinzelte Aktionen hinaus“, lobt die Bischöfin.

Sie sei sich sicher, dass der Schritt der Kirchengemeinde Strahlkraft entwickeln wird: „Viele in diesem Projekt angeregte Prozesse, Fragestellungen und Lösungsideen werden auch für unseren landeskirchlichen Reformprozess von Bedeutung sein und aufmerksam wahrgenommen werden.“

Der komplette Gemeinwohlbericht steht online unter www.rosphetal-mellnau.de

Von Ina Tannert