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Nordkreis Gemeinde-Gesundheitszentrum vor dem Aus
Landkreis Nordkreis Gemeinde-Gesundheitszentrum vor dem Aus
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20:58 18.10.2021
Das alte BTF-Werk in Cölbe wird derzeit komplett saniert.
Das alte BTF-Werk in Cölbe wird derzeit komplett saniert. Quelle: Ina Tannert
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Cölbe

Im früheren BTF-Werk im Cölber Industriegebiet hat sich einiges getan, es läuft eine umfangreiche Sanierung der alten Räume, Hallen und Büros, neue Firmen sind eingezogen, weitere sollen folgen. Darunter auch Ärzte samt Dienstleister aus dem Gesundheitsbereich, durch die ein Gesundheitszentrum entstehen sollte, das die Gemeinde in Eigenregie betreiben wollte. Den Weg dorthin hatte im März zumindest die Gemeindevertretung in damaliger Besetzung geebnet und sich für die Aufnahme von Vertragsverhandlungen zwischen der Kommune und der Eigentümerfamilie ausgesprochen. Dieser Plan ist nun praktisch gestorben.

Der damalige Beschlussvorschlag des Bürgermeisters wurde bei 16 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen angenommen und sah vor, dass die Gemeinde ein medizinisches Versorgungszentrum im Cölber Industriegebiet, am Standort „Am Bornrain 4“, mit aufbaut und in kommunaler Trägerschaft betreibt. Die Flächen werden also von den Eigentümern angemietet und weitervermietet, um langfristig Einfluss darauf zu haben, welche Ärzte sich dort künftig ansiedeln, um die medizinische Versorgung auf Jahre hin zu sichern.

Der neuen Koalition aus SPD und Grünen ist der Plan jedoch zu riskant. Während der letzten Sitzung der Gemeindevertretung legten die Fraktionen einen gemeinsamen Antrag vor, in dem sie fordern, den März-Beschluss ersatzlos aufzuheben.

Denn: Grundsätzlich werde die Planung für ein Gesundheitszentrum begrüßt, nur dass die Kommune als Vermieter auftritt, das wollen beide Fraktionen nicht mehr. Es sei nicht Aufgabe einer Gemeinde „das Risiko der Vermietung zu tragen“. Gerade da es aktuell „eine gute Versorgung mit Ärzten und Therapeuten“ vor Ort gebe. Auch vor dem Hintergrund des aktuellen Haushalts sehe man „sehr hohe Risiken“, betonte Laura Göllner-Völker (SPD) zum Antrag.

Die Aufhebung eines Beschlusses ist sehr untypisch im Cölber Parlament, die Forderung sorgte dann auch für Überraschung und Ärger bei der Opposition. Aus den Reihen von CDU und Bürgerliste wurde Kritik an dem Antrag laut, es sei „beschämend“, dass ein mit großer Mehrheit beschlossenes Vorhaben wieder zurückgenommen werden solle, betonte unter anderem Doris Woldag (Bürgerliste). Zudem könnte sich die Gemeinde durch entsprechende Passagen in den Verträgen durchaus absichern, das eigene Risiko somit senken.

Mega-Umbauphase bald abgeschlossen

Unabhängig von den Ambitionen der Gemeinde, wird die Liegenschaft, wo früher der Elektrogroßhandel ansässig war, seit einigen Monaten großflächig umstrukturiert. Über den aktuellen Stand berichtete Planer Hubert Enders von der Cölber Nolta GmbH und Mitarbeiter der Eigentümerfamilie Bonn und Tatje.

Die Flächen wurden an die Bedarfe der neuen Mieter angepasst, nach denen das Unternehmen erst gar nicht suchen musste, die kamen schon wegen der guten Lage von alleine, betonte Enders. Ein Teil der Großhalle wurde unter anderem in Büros umgewandelt, ein Unternehmen für Raumtrocknung sowie eine Druckerei sind bereits eingezogen. Ein weiterer Bereich ist als Archiv an das Land verpachtet, auch der ZMA hat vor Ort noch Verwaltungsräume. Die neue Kinderarztpraxis läuft bereits, eine Praxis für Internisten und Hausärzte werde folgen.

Derzeit wird zudem die neue Apotheke gebaut, eine Cafeteria und weitere Büros sind in Planung. Ein separater Anbau im nordwestlichen Bereich ist an eine Spedition für Pharmaprodukte vermietet. Entstehen solle aber keine große Logistikhalle, vielmehr sei eine vielfältige Nutzung des Gebäudes durch verschiedene Mieter angedacht. Zudem mit wenig Lkw-Verkehr, einer ökologischen Energieversorgung und möglichst vielen Arbeitsplätzen. Das seien die Vorgaben der Eigentümerfamilie, die nicht zurück zu dem früheren Schwerlastverkehr wolle, sondern eine nachhaltige Nutzung anstrebe, erklärte der Planer.

Die Fassade werde noch energetisch saniert, auf dem Dach liefern Photovoltaik-Anlagen Strom. Die versorgen unter anderem mehrere öffentlich zugängliche Elektro-Ladepunkte für E-Autos und E-Bikes auf dem Außengelände, wo 150 Parkplätze entstanden sind. Alle Büros werden über die Wärmepumpe beheizt, der Energiebedarf über den Solarstrom und eine eigene Trafo-Station gespeist. Ab 2022 sollen rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeit in dem umgestalteten Gebäude aufnehmen. Das werden am Ende etwa zehn Unternehmen, Praxen und Dienststellen füllen.

Es sei ein Riesenprojekt, das weiter gut vorankomme und wodurch etwas ganz Neues entstehe: Nicht nur ein Ort zum Arbeiten oder um schnell zum Arzt zu gehen, sondern eher „ein neuer Treffpunkt unterm Bornrain“, fasste Enders zusammen. Die letzten Bauarbeiten sollen Ende 2022 abgeschlossen sein. Die Präsentation der aktuellen Umbauphase erhielt viel Zuspruch und sorgte durchaus für Überraschung im Parlament. Die Koalition entschied schließlich, den Antrag zwar aufrecht zu erhalten, aber vorerst zurück an die Ausschüsse zu überweisen. Man wolle „deutlich machen, dass wir diese Entwicklung unterstützen“, erklärte Joachim Lebke (SPD). Der Antrag wurde bei 14 Ja-Stimmen, zwei Gegenstimmen und bei acht Enthaltungen zurück an die Ausschüsse verwiesen.

Keine Beteiligung der Gemeinde

Es sei sichtbar geworden, dass sich das Gebäude bereits entwickelt – und das „ohne Zutun der Gemeinde“, betonte Bürgermeister Dr. Jens Ried. Das werde auch so weiter gehen, unabhängig davon, wie das Parlament am Ende entscheiden werde.

Eine Beteiligung der Gemeinde in dem bisher geplanten Umfang dürfte allerdings alleine aus zeitlichen Gründen nun vor dem Aus stehen. Denn die Ärzte wollen ab Januar praktizieren „wir können nicht mehr warten, wir müssen mit dem Gebäude fertig werden, die Ärzte wollen ja einziehen“, bestätigt Enders auf Nachfrage.

Das sei verständlich, sagt auch Ried, der dennoch bedauert, dass die Gemeinde damit keine Steuerungsmöglichkeit beim künftigen medizinischen Angebot mehr habe, das sei das eigentliche Ziel des Vorhabens gewesen. Er betont aber: „Die grundlegende medizinische Versorgung vor Ort ist dadurch nicht gefährdet.“ Eine Zusammenarbeit zwischen Rathaus und Eigentümern werde es weiter geben, „wir werden die Tür zur Gemeinde nicht zuschlagen“, so auch Enders.

Von Ina Tannert

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