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Nordkreis Eine Familienfeier läuft aus dem Ruder
Landkreis Nordkreis Eine Familienfeier läuft aus dem Ruder
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17:46 28.03.2022
Noch herrscht einigermaßen Frieden auf der Bühne: Pierre (André Mettken, von links), Vincent (Benjamin Schmidt) und Claude plaudern bei einem Aperitif. Im Hintergrund steht Elisabeth (Dr. Ute Uffelmann-Marquart).
Noch herrscht einigermaßen Frieden auf der Bühne: Pierre (André Mettken, von links), Vincent (Benjamin Schmidt) und Claude plaudern bei einem Aperitif. Im Hintergrund steht Elisabeth (Dr. Ute Uffelmann-Marquart). Quelle: Uwe Badouin
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Wetter

„Wir sind wieder da“, begrüßt Barbara Kahle, die Vorsitzende des Theatervereins Wetter, am Freitagabend (25. März) das Premierenpublikum in der gut besuchten Stadthalle von Wetter. „Wir knüpfen da an, wo wir vor zwei Jahren ausgebremst wurden. Das Stück ist dasselbe, die Schauspieler sind dieselben – mit einem Unterschied: alle sind geimpft, geboostert und getestet.“

Nach einer zweijährigen Corona-bedingten Pause meldet sich der Theaterverein Wetter mit „Der Vorname“ zurück. Und wie. Immer wieder gab es am Freitagabend Szenenapplaus für das geschlossen auf hohem Niveau agierende Ensemble. Am Ende gab es vom Premierenpublikum sogar Standing Ovations. Letzteres ist in Theatern keinesfalls die Regel. Und es ist umso erstaunlicher, weil unmittelbar vor der Premiere die Erzählerin (Beate Wagner) krankheitsbedingt ausgefallen ist und Souffleurin Paula Vogel für sie einspringen musste. Die Erzählerin hat gerade zu Beginn eine wichtige Rolle. Sie stimmt das Publikum ironisch kommentierend auf das ein, was bald über die Zuschauerinnen und Zuschauer hereinbricht.

Ein entspanntes Abendessen mit Freunden und Familie nämlich, mit einem guten Aperitif und einem guten Wein, ein paar Späßen und netten Gesprächen. Was gibt es Schöneres. In der französischen Erfolgs-Komödie „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière steht ein solches Essen bevor. Doch bei diesem Essen wäre man nicht gerne als Gast dabei – man schaut es sich lieber auf der Bühne an, denn es läuft gewaltig aus dem Ruder.

Das Stück spielt in Pariser Intellektuellenkreisen

Der Literaturprofessor Pierre (André Mettken) und seine Frau Elisabeth, eine Lehrerin (Dr. Ute Uffelmann-Marquart), haben Freunde eingeladen: Den Musiker Claude (Rüdiger Clasani), ein ganz alter Freund Elisabeths, Elisabeths großspurigen Bruder Vincent (Benjamin Schmidt), der als Makler reich geworden ist, und dessen schwangere Lebensgefährtin Anna (Cathrin Fischbach). Knapp zwei Stunden später stehen Beziehungen auf der Kippe oder liegen in Trümmern.

Regisseur Jürgen Helmut Keuchel hat mit seinem Amateurensemble eine temporeiche Gesellschaftskomödie auf die Bühne gebracht, die der Theaterverein schon vor zwei Jahren aufführungsreif hatte, als der Corona-Lockdown alle Pläne zunichte machte. Nun also auf ein Neues. Man merkt der Inszenierung an, dass hier mit den extrem textsicheren und spielfreudigen Akteuren sehr genau am richtigen Tempo gearbeitet wurde. Angesiedelt ist das Stück in einem Wohn-Ess-Zimmer mit Sessel, Sofa, Esstisch und einer Regalwand.

Schon zu Beginn wird klar, dass der Haussegen in der Familie des Professor ein wenig schief hängt. So richtig turbulent wird es aber, als Vincent auftaucht. Für den ist ein nettes Abendessen langweilig, also beschließt der Provokateur: Die kleine Party mische ich auf. Gleich nach der Vorspeise kündigt er mal eben so an: Seinen Sohn werde er Adolphe nennen, nach einer angeblich bekannten literarischen Figur. Und schon fliegen auf der Bühne die Fetzen man könne seinen Sohn nicht nach einem Massenmörder nennen, sagt der Professor.

Die Debatte wird immer hitziger, überschattet das Abendessen und ebbt auch nicht ab, als Vincents Lebensgefährtin Anna verspätet zum Essen erscheint. Im Gegenteil: Jetzt kommen lange aufgestaute, unausgesprochene Wahrheiten auf den Tisch, die besser unausgesprochen geblieben wären. Den Zuschauerinnen und Zuschauern macht dies einen Heidenspaß.

Termine

Weitere Vorstellungen sind am 1. und 2. April um 20 Uhr sowie am 3. April um 18 Uhr

Von Uwe Badouin