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Nordkreis Verblasste Erinnerungen kehren zurück
Landkreis Nordkreis Verblasste Erinnerungen kehren zurück
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12:00 14.07.2021
In fröhlicher Runde fand das Gedächtnistraining bei der Altenhilfe Wetter an der bunt geschmückten „Hochzeitstafel“ statt.
In fröhlicher Runde fand das Gedächtnistraining bei der Altenhilfe Wetter an der bunt geschmückten „Hochzeitstafel“ statt. Quelle: Ina Tannert
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Wetter

Der Hochzeitsmarsch schallt durch die Gänge des Seniorenheims, eine festlich gedeckte Tafel steht bereit, übersät mit kleinen roten Herzchen. Bunte Blumengestecke und Rosenblüten sind um das Festtags-Geschirr drapiert, feine Kristallgläser werden gefüllt, eigentlich fehlt nur noch die Hochzeitstorte. Das Stammbuch liegt neben dem Brautstrauß parat, ein Ehering liegt in einem Bett aus Samt. Fast erwartet man, dass Braut und Bräutigam gleich an der Tafel Platz nehmen.

Doch die „Braut“ steht auf dem Tisch – oder vielmehr eine Schneiderpuppe im strahlend weißen Hochzeitskleid, gut sichtbar für alle. Mehrere Seniorinnen und Senioren nehmen am Tisch Platz. Eine Heirat im Pflegeheim? Nein, dennoch ist die Hochzeit das tragende Thema an diesem Nachmittag im Haus der Altenhilfe St. Elisabeth in Wetter. Gerade findet das Gedächtnistraining für die Bewohner der Hausgemeinschaften statt und das heute zu einem besonders festlichen Thema. Alle am Tisch haben schon einmal vor langer Zeit geheiratet und erinnern sich noch an diesen besonderen Tag in ihrem Leben. Vom ersten Tanz bis zur Kleiderordnung.

Die war früher doch um einiges strenger als heutzutage, die Braut in der Regel im weißen Kleid – so wie jenes auf dem Tisch – der Bräutigam trug klassisch schwarz, eine Ansteckblume, vielleicht noch einen Zylinder. „Den hatte ich auch, habe ihn aber nicht getragen“, verrät Karl-Heinz „Kalli“ Müller lachend. Sein Sitznachbar hat allerdings in grün geheiratet, er war schließlich Jäger, „ich habe die Uniform getragen, meine Frau ein weißes Kleid“, erzählt der Senior.

Er war übrigens ganze drei Jahre verlobt, damals wurde auch noch richtig um die Braut gefreit – bis zum Ja-Wort in der Kirche verstrich viel Zeit und so einige Liebesbriefe mussten geschrieben werden, verrät er.

Seit über 70 Jahren ein Paar

Das einzige Ehepaar am Tisch ist seit mehr als 70 Jahren verheiratet, konnte im letzten Jahr bereits Gnadenhochzeit feiern. „Wir waren immer zusammen und immer zufrieden“, kann die Braut von damals heute glücklich berichten. Wie ihr Kleid genau aussah, das weiß sie zwar nicht mehr genau, „ich glaube es war nichts Besonderes“, erzählt sie schmunzelnd.

Dafür erinnert sie sich noch genau an die Autofahrt mit ihrem Ehemann durch die Marburger Oberstadt nach der Trauung in der Pfarrkirche: Da wurde Musik gespielt, die Gäste standen am Straßenrand, am Hochzeitswagen fest gebundene Blechdosen schepperten lautstark über das Pflaster der Altstadt, während das Brautpaar winkend vorbeifuhr, „es gab wunderbare Musik, das war eine richtig schöne Fahrt“, schwärmt die Seniorin. Dieses Bild lässt auch bei anderen in der Runde Erinnerungen wach werden, spontan entspannt sich am Tisch ein Gespräch, wie es vor Jahrzehnten eigentlich in der Oberstadt aussah, wo man damals so seiner Wege ging.

Gemeinsam schwelgen die Bewohner in alten Zeiten, berichten über ihr Leben, die Hochzeitsfeiern, die Söhne und Töchter. Von denen bekamen auch einige das Brautkleid der Mutter zur eigenen Hochzeit überreicht, „man muss die Tradition ja bewahren“.

Mit den neu entfachten Erinnerungen kommen auch Gefühle auf, hier und da fließen auch mal Tränen in der Runde. „Natürlich kommen da auch Emotionen hoch, ihr dürft aber nicht traurig sein“, muntert Angela Schubert vom sozialen Dienst die Bewohner auf. Die Betreuerin leitet gemeinsam mit Ergotherapeutin Petra Asami das Gedächtnistraining, das regelmäßig so wie andere Angebote und Gruppenaktivitäten auf jeder Etage in der Einrichtung angeboten wird.

Für das Hochzeitsthema hat sie im Vorfeld zahlreiche Utensilien besorgt, vom Brautstrauß bis zum Zylinder. Auch das Hochzeitskleid ist echt und wurde bereits vor dem Traualtar getragen, stammt aus den 50er-Jahren.

Es wurde ihr ebenso wie andere Stücke nach einem Aufruf in den sozialen Netzwerken von den Besitzern überlassen, die das besondere Thema unterstützen wollten. Gemeinsam mit den Bewohnern wurden dann noch große rote Herzen und andere Dekoration gebastelt und die Festtafel geschmückt.

Hilfen bei Gedächtnislücken

Die Utensilien sind dabei nicht nur themengerechter Schmuck, sondern dienen ebenso wie der gemeinsame Austausch in der Gruppe als Stützen für die Erinnerung, als Mittel gegen den geistigen Abbau. Viele Bewohner sind an Demenz erkrankt, das Training hilft dabei, das Gedächtnis wieder in Schwung zu bringen, „viele Erinnerungen, die verschüttet waren, kommen so wieder“, erklärt Asami.

Davon könnten die Bewohner zehren, sich bewusst machen, dass sie noch da sind, „sie merken, dass sie doch nicht alles vergessen haben, doch nicht so dement sind“. Zugleich werden Assoziationen geweckt, was viele Teilnehmer beruhigt, ihnen hilft, mit ihrer Situation besser zurechtzukommen.

Bei der gemeinsamen Reise in die Vergangenheit helfen neben persönlichen Geschichten und Anekdoten auch Gedichte, bekannte Sprichworte oder Lieder, „es ist unglaublich, was ein Lied alles auslösen kann“, sagt Schubert. Und das wird in der lockeren Gruppe gemeinsam bei einem Glas Pfirsichbowle auch gleich zelebriert.

Zu Akkordeon-Klängen singen alle gemeinsam „Das Lieben bringt groß Freud“. Das alte Volkslied kennen viele noch und singen begeistert mit. Und nur die wenigsten brauchen dazu ein Gesangbuch, auch wenn vieles aus ihrer Vergangenheit in Vergessenheit geraten ist – den Text über die Liebe und die Ehe haben sie noch im Kopf.

Von Ina Tannert