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Nordkreis Suchthilfe brechen Einnahmen weg
Landkreis Nordkreis Suchthilfe brechen Einnahmen weg
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19:58 03.04.2020
Hof Fleckenbühl in Cölbe-Schönstadt. Quelle: Thorsten Richter
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Schönstadt

Veranstaltungen, Märkte, Umzüge, Catering, Bio-Produkte oder Hofcafé – Existenzgrundlagen von Hof Fleckenbühl sind wegen der Corona-Pandemie auf Null heruntergefahren. Für die Suchthilfe-Einrichtung entwickeln sich die derzeitigen Einschränkungen im Alltag zu einer wachsenden Krise - „für uns Fleckenbühler hat das schon jetzt einschneidende finanzielle Konsequenzen", teilt Vereinsvorsitzender Ronald Meyer mit.

Einnahmen brechen weg, bei der Finanzierung der Einrichtung werde es eng: „Wir müssen nicht in wenigen Monaten schließen, aber es wird dünner, wir müssen an die letzten Reserven“, berichtet Johannes Heckmann, Sprecher der Fleckenbühler. Zwar geht die Feld- und Hofarbeit weiter, aber viele Betriebszweige sind dicht: Das Hofcafé ist für den Restaurantbetrieb geschlossen, verkauft nur noch die landwirtschaftlichen Produkte, Käse und Brot. Das Catering wurde eingestellt – unter anderem versorgte Fleckenbühl Kindergärten in der Umgebung mit 400 Kita-Essen. Das „letzte Standbein“ sei im Moment noch der Umzugsservice: Umzüge dürfen angesichts des Kontaktverbots nicht mehr von privaten Helfern, sondern nur noch von Umzugsprofis durchgeführt werden.

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„Wie lange wir noch Umzüge anbieten können, wissen wir nicht. Die Zukunft ist auch hier sehr ungewiss“, sagt Meyer. Es herrsche weitestgehend Stillstand, nur eben nicht bei den laufenden Kosten. Die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf Hof Fleckenbühl in Schönstadt nimmt suchtkranke Menschen auf und unterstützt sie dabei, dauerhaft ein drogenfreies Leben zu führen. Die Hofarbeit gehört mit dazu, in den Betrieben haben die Bewohner die Chance sich zu qualifizieren, eine Ausbildung zu machen, finden Arbeit und Therapie zugleich. Ein großer Bestandteil des Einkommens, mit dem sich die Einrichtung finanziert, wird in den Zweckbetrieben erwirtschaftet.

„Die Existenz unserer Gemeinschaft und damit jedes einzelnen Bewohners steht auf dem Spiel“, betont Meyer. An den drei Standorten der Fleckenbühler leben aktuell 170 Erwachsene, zwölf Jugendliche und zehn Kinder. Für viele suchtkranke Menschen sei die therapeutische Gemeinschaft „lebensnotwendig".

Was der Hof den Bewohnern bedeutet, kann man nur erahnen. „Fleckenbühl hat mir das Leben gerettet“, sagt Marita Blang zum Beispiel. Die heute 49-Jährige war bereits mit 14 Jahren schwer drogensüchtig. Nachdem sie fast an einer Überdosis gestorben war, kam sie nach Fleckenbühl – und hat seitdem ihr Leben im Griff. Zusammen mit ihrem Mann und Sohn lebt sie auf dem Hof und arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit. „Für uns wäre es eine Katastrophe, wenn wir nicht mehr hier leben könnten“, betont Marita Blang.

Die zusätzlichen Einbußen durch die Covid-19-Pandemie machen dem Betrieb zu schaffen, der nicht zum ersten Mal mit klammen Kassen kämpft: Die wirtschaftliche Situation des Vereins, der auf öffentliche Gelder und Spenden angewiesen ist, geriet in den letzten Jahren bereits in finanzielle Schieflage, nachdem öffentliche Gelder wegfielen, zudem die Spendenbereitschaft gesunken war (die OP berichtete). Durch eine Finanzspritze des Landes konnte es weitergehen: Ende letzten Jahres sagten Finanz- und das Sozialministerium in Wiesbaden zu, die Weiterführung des Projekts bis Ende 2021 mit einer Übergangsfinanzierung zu sichern. Schon im Jahr zuvor war das Land finanziell eingesprungen.

Zwischen den Stühlen: Keine klassische Suchthilfe

Das dauerhafte Problem: Das viel gelobte alternative Selbsthilfe-Projekt fällt durch so einige Raster, verlor nach einer gerichtlichen Entscheidung öffentliche Gelder. Das Kreisjobcenter stellte die Zahlung von Arbeitslosengeld der Bewohner ein und auch der Landeswohlfahrtsverband fördert die Einrichtung nicht, weil im Fleckenbühl-Konzept keine Fachleute, etwa Therapeuten oder Ärzte, involviert sind. „Aus deren Perspektive sind wir keine richtige professionelle Suchthilfe-Einrichtung, weil wir diese Kriterien nicht erfüllen – dabei beruht unser Konzept auf der Selbsthilfe und wir haben seit 35 Jahren Erfolg, außerdem ist das für den Staat günstiger“, zählt Heckmann auf.

Der Vorstand sieht nun auch die Kernaufgabe der Gemeinschaft bedroht: Seit 35 Jahren wird jeder Suchtkranke jederzeit auf dem Hof aufgenommen, so das Kredo. "Es würde mir das Herz brechen, wenn unser Angebot durch diese Krise in Frage gestellt würde", sagt Meyer.

Daher ruft der Verein zur „Corona-Nothilfe“ auf und bittet Förderer um Spenden. Weitere Informationen zur Spendenaktion sind unter www.die-fleckenbühler.de zu finden.

Von Ina Tannert und Nadine Weigel

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