Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Nordkreis Der schwere Weg zum Bio-Hof
Landkreis Nordkreis Der schwere Weg zum Bio-Hof
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 25.10.2020
Annika Neebe mit dem jüngsten Neuzugang auf dem Hof ihrer Eltern. Um den Betrieb zu retten und bei der Umstellung auf Bio zu unterstützen, hat sie eine Fundraising-Kampagne gestartet. Quelle: Ina Tannert
Anzeige
Unterrosphe

Landwirtschaftliche Familienbetriebe auf dem Land sterben aus, kleine Höfe verschwinden, stattdessen steigt die Massenproduktion, statt nach Qualität wird nach Größe subventioniert.

Es ist ein Wirtschaftskreislauf, der für immer mehr Bauern das Aus bedeutet, aus dem der Einzelne kaum herauskommen kann, es ist ein System, das Familie Neebe aus Unterrosphe anprangert.

Anzeige

Die Rechnung sei einfach, die Konsequenz umso schwerer: EU-Subventionen für Landwirte orientieren sich an Masse, Größe, Tierzahl, die Folge sind immer größere Betriebe, „staatlich geförderte Massentierhaltung“, Überproduktion – etwa an Milch –, wodurch die Bauern letztlich ihre eigenen Preise drücken.

So entstünden Niedrigpreise, die auch der Handel fordert, kritisiert die Bauernfamilie. Daran ändere auch die neue Agrarreform wenig. Die Neebes spüren diesen Kreislauf seit Jahren am eigenen Leib und haben die Nase voll vom Preiskampf, vom Druck, der auf den Bauern lastet, und von einer Agrarpolitik, die diese in eben jenes Korsett presst, sagen sie.

Ihre letzte Hoffnung

Ein weiterer durch die Pandemie entstandener Preissturz, die nach drei Dürrejahren weiterhin miese Futterernte, der Wegfall der Marburger Molkerei – das setzt dem noch die Krone auf. Die Familie will ausbrechen. Jetzt oder nie, andernfalls stirbt der Hof, der seit sechs Generationen von Neebes betrieben wird, dabei noch viel älter ist, erzählt die Familie. Sie halten 70 Milchkühe und weitere 70 Tiere aus der Nachzucht, der Hof lebt von der Milcherzeugung.

Ihre letzte Hoffnung: Die Umstellung auf Bio-Betrieb. Bislang arbeitet der Hof streng genommen konventionell. Das ist ein weit gefasster Begriff – denn schon jetzt verzichte er auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf seinen Feldern, auf denen er das Futter für die Rinder anbaut, sagt Eckhard Neebe.

Die Kühe werden nicht bis zum äußersten auf Milchleistung getrimmt, können zudem jederzeit nach draußen, ganzjährig: Der große Stall am Ortsrand sei durchgehend offen, 15 Hektar Weide steht den Tieren direkt daneben zur Verfügung, weit mehr als selbst die strengste Bio-Richtlinie pro Tier an Weidegang verlangen würde. „Unsere Kühe haben die freie Wahl und sie sind uns wichtig.“ Doch all das werde vom System nicht honoriert, es spielt keine Rolle, die Milch von Neebes Kühen muss trotzdem als Produkt konventioneller Haltung deklariert werden.

16 Cent mehr pro Liter Bio-Milch

Das reiche bei einem Milchpreis von 30 Cent einfach nicht mehr, die Eltern, Anja und Eckhard Neebe, und Sohn Michel, der den Hof mal übernehmen soll, wollen künftig auf Bio-Preise setzen – 16 Cent mehr. Vor allem gehe es ihnen aber um den Umweltschutz. „Wir wollen aktiv etwas für den Klimaschutz beisteuern“, betont Anja Neebe. Alleine um der Zukunft ihrer drei Enkel willen.

Die Familie will dabei keine Konflikte zwischen konventionell und Bio schüren, niemandem etwas vorschreiben. Für sie persönlich ist die Umstellung eine Herzenssache, für das Klima, für das Wohl ihrer Tiere und den Hof als Ganzes. Um den zu erhalten sind sie gerne bereit, die Auflagen ihres Wunsch-Labels Bioland zu erfüllen. Zum Teil arbeiten sie bereits danach, „wir haben fast alle Voraussetzungen“, sagt der Landwirt. Selbst eine Molkerei für Bio-Milch hat er gefunden, die den Betrieb aufnehmen würde.

Dennoch dauert die Umstellung zwei Jahre, das ist die reguläre Voraussetzung, um das Bio-Label zu bekommen. So lange müssen sie durchhalten, dafür fehle aber das Geld, „bei den Milchpreisen kann man keine Rücklagen bilden“, erzählt die Familie. Sie rechnet vor: 200.000 Euro bräuchten sie, um es bis zur Umstellung zu schaffen. Dann erst gibt es auch Mittel aus dem Landesförderprogramm HALM für die Umstellung. Bis dahin muss Saatgut und Futter für zwei Jahre finanziert werden, ebenso müsse ein Hackstriegel her, um die Äcker Pestizid-frei von Unkraut zu befreien, sagt der Landwirt.

Spendenaufruf stößt auf geteilte Meinungen

Kurzerhand und im Alleingang hat sich Tochter Annika Neebe ein Herz gefasst und eine Fundraising-Kampagne über die Plattform „GoFundMe“ gestartet. Das Ziel: Das nötige Geld zur Überbrückung durch Spenden zusammenzubekommen, zugleich auf die Problematik der Agrarsubventionen hinweisen. Die 25-Jährige ruft darin außerdem zu mehr Klimaschutz auf, kämpft für ein anderes Konsum-Bewusstsein. „Ökologische Landwirtschaft ist meiner Meinung nach der einzige Weg, um die biologische Vielfalt zu bewahren und um mit Mensch, Tier sowie Natur respektvoll umzugehen“, erklärt die junge Frau.

Die Aktion der Tochter hat selbst ihre Eltern überrascht, die aber voll hinter ihr stehen. Das geht auch anderen so, die Bio-Umstellung erhielt Zuspruch, „viele haben sich sogar bedankt und finden das toll“, freut sich Anja Neebe.

Aber nicht alle Landwirte seien dafür, sagt die Familie, die auch von Anfeindungen und Ärger über die Kampagne berichtet, Lästereien hinter ihrem Rücken. Das wurde ihnen über Dritte zugetragen, „die Leute wollen, dass wir den Aufruf löschen, sie finden das peinlich“, erzählt Annika Neebe. Das werde sie aber nicht, sie bleibe dabei, wolle nach neuen Wegen suchen, um auf das Gesamtproblem eines Wirtschaftskreislaufs aufmerksam zu machen, die den Bauern letztlich mehr schade als nutze: „Man muss mit der Zeit gehen, der Landwirtschaft geht es nicht gut und es muss sich etwas ändern.“

Weitere Informationen zur Kampagne unter www.gofundme.com/f/rettet-unseren-hof-umstellung-auf-biobauernhof

Von Ina Tannert