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Nordkreis Kinderschutz: "Es gibt noch große Baustellen"
Landkreis Nordkreis Kinderschutz: "Es gibt noch große Baustellen"
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14:13 02.12.2019
Dr. Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München (rechts) sprach auf der Fachveranstaltung zum Thema „Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder – Stand und Perspektiven“ in Marburg. Quelle: Nadja Schwarzwäller
Marburg

Gelingt es unserer Gesellschaft, sexuelle Gewalt gegen Kinder zurückzudrängen? Wie kommt es überhaupt zu dieser Gewalt? Wie sehen die Wirkungsbefunde von Ansätzen zur Prävention aus? Und wie steht es um die Versorgung von Opfern?

Dr. Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München gab in seinem Vortrag am Donnerstag, 28. November, im Marburger Kreishaus einen Überblick über den Stand und die Perspektiven der Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder.

Es ist ein Thema, das in der Kreisverwaltung auf verschiedenen Ebenen präsent sei – ein Thema, das leider immer noch große Relevanz habe, erklärte Landrätin Kirsten Fründt in ihrem Grußwort zur Eröffnung der Fachveranstaltung.

Die Statistik offenbare, dass 30 Prozent aller Mädchen und fünf Prozent aller Jungen sexualisierte Gewalt mit direktem Körperkontakt erleben – „eine Zahl, die sprachlos macht“, so Fründt. Umso wichtiger sei das Thema Prävention in diesem Bereich.

Jugendämter sehen eine Zunahme der Gefährdung

Dr. Heinz Kindler legte zunächst dar, dass in der Generation der Erwachsenen die Zahl derer, die als Kind sexuelle Gewalt erlebt haben, zurückgehe. Ob sich das bei den Kindern und Jugendlichen fortsetze, wisse man allerdings nicht genau.

Dort gebe es aktuell mehr entdeckte Fälle – die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet einen Anstieg von 6,7 Prozent im Vergleich der Jahre 2017 und 2018, die Gefährdungseinschätzung der Jugendämter sieht im selben Zeitraum eine Zunahme der Gefährdung durch sexuellen Missbrauch um 20 Prozent.

Auch wenn diese Zahlen darauf zurückgehen könnten, dass die Dunkelziffer schrumpfe und nicht dass mehr sexuelle Gewalt ausgeübt wird, könne man keinesfalls zufrieden sein, sagt Kindler.

Im Bereich der Gefährdung von besonders „vulnerablen“, also verletzlichen Gruppen wie Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen, mit geistigen Beeinträchtigungen oder im Strafvollzug gebe es beispielsweise kaum Untersuchungen.

"Lückenhaft, aber ermutigend"

„Große Baustellen gibt es im Bereich von Strafverfolgung und Opferhilfe“, so Dr. Heinz Kindler. Nur eine Minderheit von Kindern, die sexuelle Gewalt erlebt haben, bekommt laut Kindler eine qualitative Versorgung, selbst wenn die Kinder klinisch auffällig werden.

Besonders bedrückend für den Experten: Fast die Hälfte derer, die sich jemandem anvertrauten, glauben, dass dies keine Konsequenzen für den Täter hatte. „Lückenhaft, aber ermutigend“ seien Wirkungsbefunde hinsichtlich der Präventionsarbeit, die zeigen, dass Kinder und Jugendliche sich jemandem in der Schule anvertrauen, wenn das Kollegium entsprechend geschult sei.

Sogenannte „Bystander“, also andere, die „dabeistehen“, wenn sexuelle Gewalt passiert – und insbesondere bei Jugendlichen passiert diese häufiger in Anwesenheit Gleichaltriger – greifen eher ein, wenn sexuelle Gewalt bereits präventiv thematisiert wurde.

Wo genau man ansetzen kann bei der Prävention, ob es verlässliche Methoden gibt, herauszufinden, ob sexueller Missbrauch stattgefunden hat – diese und andere Fragen diskutierten die knapp 40 Gäste im Anschluss. Zum Abschluss bekamen die dann noch das Präventionstheater „Mein Körper gehört mir“ zu sehen.

von Nadja Schwarzwäller