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Nordkreis Es wird eng auf den Straßen
Landkreis Nordkreis Es wird eng auf den Straßen
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15:56 21.07.2020
Ein Traktor auf der Landstraße zwischen Schröck und Bauerbach - in den nächsten Wochen wird der Ernteverkehr weiter steigen. Quelle: Thorsten Richter
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Auf den Äckern im Landkreis wachsen und gedeihen derzeit die Feldfrüchte, Weizen, Raps, Gerste, die Zeit der Ernte hat bereits begonnen oder fängt demnächst an.

Schon jetzt sind täglich Mähdrescher und schwer beladene Schlepper-Gespanne unterwegs. Und hinter den dicken Brummern samt Anhängern bilden sich auf öffentlichen Straßen gerne Staus, wenn sich landwirtschaftlicher, Rad- und Autoverkehr dieselben Wege teilen müssen.

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Dass es zur Erntezeit eng werden kann, das weiß auch der Kreisbauernverband und der bittet alle Verkehrsteilnehmer um Rücksicht und ruft zu Geduld auf:

„Wir Bauern freuen uns, wenn wir ernten können, wissen aber auch, dass wir den Verkehr bremsen, es für Anwohner und Autos eine Herausforderung ist – ein gutes aneinander vorbeikommen ist schwierig“, sagt Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands Marburg-Kirchhain-Biedenkopf.

Für Radler und Bauern kann es eng werden

Der Verkehrsfluss sei die eine Sache, die andere die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, beides müsse unter einen Hut gebracht werden, beides habe seine Berechtigung, brauche eben Platz. Den benötigen auf dem Land vor allem die großen Mähdrescher, die mit knapp dreieinhalb Metern Breite viele Radwege im Kreis bereits komplett einnehmen. Denn nicht nur mit dem motorisierten Verkehr, auch mit dem wachsenden Radverkehr geraten Bauern zur Erntezeit zunehmend aneinander.

Auf den Wegen ist immer mehr Verkehr unterwegs, gerade in Corona-Zeiten: Dass viele Menschen in Kurzarbeit mehr Zeit zum Radeln hatten, gerade bei gutem Wetter, das spürten die Bauern in den letzten Wochen, der Radverkehr habe zeitweise um bis zu 50 Prozent zugelegt. „Klar fahren dort auch die Radfahrer, das sollen sie ja auch, aber es sind immer noch unsere Wege“, sagt Lölkes, die auf eine gute Koexistenz hofft.

Berichte über „missgünstige Äußerungen“

Vielerorts durchziehen die klassischen, drei bis dreieinhalb Meter breiten Wege die Felder, mancherorts bauen Gemeinden auch auf fünf Meter aus, was sehr hilfreich für die Bauern sei. Es komme dennoch zwangsläufig zu Begegnungsverkehr zwischen Erntemaschine, Radfahrer oder Fußgänger, wo der Platz eben nicht ausreiche.

In diesem Fall haben meist jene ohne Motor das Nachsehen und müssen anhalten. Damit gingen gerade Radler sehr unterschiedlich um: Die einen zeigten Verständnis, halten an, machen Platz und winken den vorbeibrummenden Maschinen noch nett zu. Andere schimpfen, zeigen ihren Ärger, teils auf harsche Weise: So seien manche Bauern auch schon beleidigt worden, es werde teils extra langsam gefahren oder den Fahrern werde auf die Scheibe gespuckt, ärgert sich Kreislandwirt Frank Staubitz, der von manchen Provokationen und „missgünstigen Äußerungen“ berichtet.

Ebenfalls gestört fühlen könnten sich demnächst Anwohner von Ortsrändern, die neben den Feldern wohnen. Dass bei der Ernte Reste und Staub in die benachbarten Gärten fliegen und es auch spät abends noch zu Krach kommen kann, das lasse sich nicht immer ändern.

Es ist „nur für kurze Zeit“

Es gebe immer mal Beschwerden, etwa wenn in der Nacht oder auch sonntags – das ist in der Erntezeit erlaubt – das Getreide eingebracht wird. In der Regel seien die Mähdrescher rund vier Wochen im Einsatz, stehen ansonsten störungsfrei in der Scheune.

„Ja, es kommt zu Lärm und Staub, aber nur für kurze Zeit, man muss die Geräusch-Emissionen auch mal beiseite tun“, betont Staubitz und bittet auch die Landbewohner um Nachsicht.

Der Verband bekräftigt das Motto der Kampagne des Landkreises „Rücksicht macht Wege breit“, würde sich für die künftige Straßenplanung aber auch Verbesserungen wünschen: Etwa dass auf viel befahrenen Wegen Haltebuchten gebaut werden, sodass Bauern und andere Verkehrsteilnehmer einander besser vorbeilassen könnten.

Polizei appelliert an die Vernunft

Das könnte auch gefährliche Situationen auf den Straßen entschärfen, etwa riskante Überholmanöver durch Autofahrer, die versuchen, an den meterlangen, langsamen Gespannen – teils mit Überbreite – noch schnell vorbeizukommen. Dabei kam es bereits zu Unfällen. Daher warnt auch die Polizei vor möglichen Gefahren im Zusammenhang mit landwirtschaftlichem Verkehr, rät zu „gegenseitigem Verständnis und Rücksichtnahme“, bekräftigt die Pressestelle der Marburger Polizei.

„Wir rufen dabei zur besonderen Vorsicht auf, zumal diese Fahrzeuge während der Erntezeit auch nachts und unter Umständen mit entsprechender Genehmigung sogar auf Autobahnen und/oder Kraftfahrstraßen unterwegs sind oder weil sie unerwartet zum Beispiel hinter der Kurve oder an unübersichtlichen Stellen plötzlich auftauchen“, so die Polizei. Zugleich gibt es aber auch Hinweise an die Fahrer der landwirtschaftlichen Gespanne, die etwa über die nötigen Führerscheine und Zulassungen verfügen müssen und die Ladungssicherung zu gewährleisten haben.

Von Ina Tannert