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Nordkreis Online-Riese baut Verteilzentrum in Goßfelden
Landkreis Nordkreis Online-Riese baut Verteilzentrum in Goßfelden
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08:00 05.11.2021
In Goßfelden entsteht im Industriegebiet „Sandhute“ ein Verteilzentrum für Amazon. Geplant, gebaut und vermietet wird es von dem international tätigen Unternehmen Goodman Daffodil.
In Goßfelden entsteht im Industriegebiet „Sandhute“ ein Verteilzentrum für Amazon. Geplant, gebaut und vermietet wird es von dem international tätigen Unternehmen Goodman Daffodil. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Goßfelden

Seit geraumer Zeit ist das Gewerbegebiet „Sandhute“ in Goßfelden auch nachts von Strahlern in helles Licht getaucht. Der Online-Gigant Amazon lässt dort ein Verteilzentrum errichten. Geplant, gebaut und an Amazon vermietet wird es von dem international tätigen, auf Logistikzentren spezialisierten Unternehmen Goodman Daffodil S.a.r.L. mit Sitz in Luxemburg.

Die Baugenehmigung liegt seit dem 18. August vor, seither werden die Planungen mit Hochdruck vorangetrieben. Am Mittwochabend informierten Thorsten Freers von der Amazon-Tochter Amazon Logistics, der wegen einer Corona-Quarantäne per Video zugeschaltet war, und Jonas Ramspott von dem Unternehmen Goodman rund 70 interessierte Bürgerinnen und Bürger in der Goßfeldener Lahnfelshalle über ihre Pläne in dem Gewerbegebiet, das hinter dem Edeka-Markt an der B 62 nur etwa 15 Meter Luftlinie von den ersten Häusern eines benachbarten Wohngebiets entfernt liegt. Das Verteilzentrum soll nach Auskunft von Ramspott am 30. Juni 2022 an Amazon übergeben werden.

Errichtet wird nach Angaben der Unternehmensvertreter eine rund 5 700 Quadratmeter große Halle mit einem dreistöckigen Parkhaus für 436 Lieferfahrzeuge, eine überdachte Ladezone mit 36 Stellflächen, eine Lieferzone mit 72 Stellflächen sowie eine „relativ kleine Dockingzone“, so Freers, in der gleichzeitig vier Lastwagen entladen werden können. Ein Parkplatz mit 125 Stellplätzen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rundet die Pläne ab. Das bebaute Gelände ist etwa fünf Mal so groß wie der Edeka-Markt inklusive der Parkplätze. Das gesamte Bauprojekt sei so ausgelegt, dass alle Fahrzeuge von Amazon, von externen Subunternehmen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf dem Gelände untergebracht würden, die Fahrerinnen und Fahrer also „nicht in der Nachbarschaft rumparken“, so Freers. Vorgesehen sei auch eine Lärmschutzwand um das Gelände herum. Die Investitionssumme bewege sich in einem zweistelligen Millionenbereich.

Etwa 135 Menschen sollen in dem Verteilzentrum an sechs Tagen im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr arbeiten. In Spitzenzeiten, also im November und Dezember, werden es nach Auskunft von Thorsten Freers bis zu 200 Menschen sein. Für die meisten Jobs in dem Verteilzentrum, in dem Amazon-Bestellungen für „die letzte Meile“ sortiert werden sollen, sei keine Ausbildung oder Lehre nötig, so Freers.

Amazon werde das Verteilzentrum vor Ort als Gewerbe anmelden, vor Ort Gewerbesteuern zahlen, sagte Freers. Bürgermeister Manfred Apell geht allerdings nur von geringen Summen aus, die sich im mittleren fünfstelligen Bereich bewegen könnten.

Eine zentrale Frage der Anwohnerinnen und Anwohner war die nach der zu erwartenden Verkehrsbelastung: In der Zeit von 22 Uhr bis 8 Uhr morgens würden in der Regel 18 LKWs die Pakete anliefern, an Spitzentagen wie zum Black Friday könnten es bis zu 31 LKWs sein. Tagsüber rechnet das Unternehmen zwischen 8 und 16 Uhr mit vier LKWs, an Spitzentagen mit acht LKWs.

Die Pakete werden in dem Verteilzentrum mit Hilfe von Algorithmen für die Touren zu den Kundinnen und Kunden auf Fahrzeuge in der Größe von Sprintern sortiert und tagsüber ausgeliefert. Pro Tag rechnet Freers mit 362 Touren, an Spitzentagen mit bis zu 469 Touren – also An- und Abfahrten. Jeder Fahrer erledige pro Tag eine Tour – im Landkreis Marburg-Biedenkopf und darüber hinaus. Amazon werde dazu mit 5 bis 15 lokalen und regionalen Lieferdiensten zusammenarbeiten. Ziel von Amazon sei es, so Freers, bestellte Waren innerhalb eines Tages auszuliefern.

Die Pläne stoßen bei vielen Anwohnerinnen und Anwohnern auf massive Kritik, die Stimmung in der Lahnfelshalle war gereizt. „Wir werden jetzt schon durch die Bauarbeiten terrorisiert. Die Baustelle ist bis spät in die Nacht hell erleuchtet. Man könnte nachts um 1 Uhr die Zeitung lesen, so hell ist es“, klagte eine Anwohnerin. Mit Blick in die Zukunft sagte sie: „Wir machen uns größte Sorgen.“

Ein anderer Anwohner befürchtete, dass auch die Nebenstraßen von den Lieferanten befahren würden. „Wir werden es im Auge behalten – den Nachtbetrieb, die Lichtemissionen und den Lärm“, sagte er. Er appellierte an Bürgermeister Manfred Apell, in Goßfelden keine weiteren Gewerbegebiete mehr auszuweisen: „Ich möchte mal wieder ohne Ohrenstöpsel im Garten sitzen.“

Kritisiert wurde auch der Zeitpunkt der Informationsveranstaltung. „Das ist eine Vollzugsveranstaltung über die Dinge, die längst im Fluss sind“, kritisierte ein weiterer Anlieger den Bürgermeister. Manfred Apell erklärte, dies sei keine Bürgerversammlung, sondern eine freiwillige Informationsveranstaltung, die aus Termingründen nicht vorher habe stattfinden können. Es handele sich um ein privates Geschäft, auf das die Kommune keinen Einfluss habe. Und ein Vorkaufsrecht könne die Kommune nicht ohne weiteres anwenden – und wenn, dann nur um den Preis, sich über Jahre zu ruinieren.

Es nutzte wenig. Apell wurde heftig kritisiert. Eine Anwohnerin sagte gar , sie freue sich, dass es die letzte Amtszeit des Bürgermeisters sei.

Von Uwe Badouin

https://www.op-marburg.de/Marburg/Gesundheitsamt-registriert-51-Corona-Neuinfektionen2

Das Amazon-Verteilzentrum liegt im Gewerbegebiet „Sandhute III“, dessen Bebauungsplan im Januar 2015 vom Gemeindeparlament abgesegnet wurde. Es umfasst ein Gebiet von rund 6,2 Hektar und war damals genehmigt worden, um einem ortsansässigen Investoren den Bau einer großen Werkshalle für das Lagern von Textilien zu ermöglichen. Die Halle wurde nie gebaut, stattdessen standen dort über viele Jahre große Metall-Container.

Amazon wurde im Juli 1994 in Bellevue, Washington, von Jeff Bezos gegründet. Bezos ist heute einer der reichsten Menschen der Welt. Amazon meldete laut „statista“ im Corona-Jahr 2020 einen neuen Rekordumsatz von weltweit 386,06 Millionen US-Dollar. Laut dem Börsenblatt hat der Online-Händler seinen Umsatz in Deutschland im vergangenen Jahr auf rund 24,7 Milliarden Euro gesteigert.

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