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Nordkreis Ein Mann, der liberal kämpfte und lebte
Landkreis Nordkreis Ein Mann, der liberal kämpfte und lebte
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13:58 18.11.2020
Karl Zissel, hier beim Neujahrsempfang des Landkreises Marburg-Biedenkopf im Jahr 2017, ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Wetter

Am 11. November verstarb im Alter von 63 Jahren Karl Zissel. Das Jahr 2012 fing für Karl Zissel sehr emotional und glücklich an. Nach seinem Schlaganfall, der ihn tatsächlich von jetzt auf gleich aus einem sehr intensiven Leben katapultierte, hatte er sich mit Willensstärke und Optimismus wieder zurückgekämpft. Allerdings im Rollstuhl sitzend.

Doch egal, er freute sich, wieder am politischen und gesellschaftlichen Geschehen teilnehmen zu können, wenn eben auch nie wieder so wie vor dem Schicksalsschlag. Wer ihn in der Zeit davor erlebt hat, weiß, was Karl Zissel seither persönlich durchmachen musste, worauf er verzichten musste.

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Als neutraler Beobachter von politischen Veranstaltungen, an denen er als aktiver Kommunalpolitiker teilnahm, hätte man schnell zur Ansicht kommen können, dass sich dort wohl jemand gerne selbst inszeniert und reden hört. Ja, Karl Zissel redete oft und viel und gerne auch von der Lautstärke her sehr eindringlich. Ein Mikrofon brauchte er eigentlich nie.

Wer ihm zuhörte, musste aber seine Voreingenommenheit schnell revidieren. Denn Zissel mag detailverliebt gewesen sein, aber seine Redebeiträge bestachen nicht nur durch Redegewandtheit, sondern auch durch außerordentliche Substanz. Jeder einzelne Satz transportierte politische Botschaften, die auf fundiertem Wissen aufbauten.

Okay, vielleicht übertrieb er es manchmal, doch liebte er es auch, mit offenem Visier Streitgespräche, ja schon richtige Redeschlachten, zu führen. Dabei wusste sein „Gegner“ immer, dass selbst wenn es mal richtig heftig wurde, er danach mit Zissel auch wieder in bester Gesellschaft ein Bier trinken gehen konnte.

Die FDP Marburg-Biedenkopf freute sich, einen Mann wie ihn in ihren Reihen zu wissen. Einer, der immer für die liberale Sache einstand, nie ein Blatt vor dem Mund nahm und darüber hinaus immer hilfsbereit war. Er arbeitete sich überdurchschnittlich in die Themen ein, war bei allen Aktionen und Sitzungen dabei, schwang bei ehrenamtlichen Einsätzen in seiner Heimatstadt Wetter auch mal den Pinsel, interessierte sich für die Anliegen in den einzelnen Dörfern.

Selbst im Rollstuhl sitzend nahm er an vielen Bürgerversammlungen und Ortsbegehungen teil. Im September war er noch nach Stadtallendorf gekommen, um bei den Vorstandswahlen der Kreis-FDP dabei zu sein. Dabei wurde er als Beisitzer im Vorstand bestätigt.

Dass er so mobil sein konnte, war in erster Linie seinem Bruder Gerhard zu verdanken, der ihn überall hinfuhr und wieder abholte. So konnte Karl Zissel seinem Leben nach dem Schlaganfall wieder eine gewisse Qualität abringen. Sein Tod wurde nun durch eine Krankheit verursacht, der er nichts mehr entgegensetzen konnte. Trotzdem kam die traurige Nachricht über sein Ableben für viele überraschend, weil sie sich eigentlich wieder an seine Präsenz gewöhnt hatten und dachten, dass das noch lange so weitergehen würde.

Am vergangenen Freitag gedachte bereits der Kreistag Zissel in einer Gedenkminute. Diesem Gremium gehörte er gute 18 Jahre an, hatte die Ehrenmünze des Landkreises Marburg-Biedenkopf in Gold erhalten. Er war mit Leib und Seele Kommunalpolitiker, stritt und kämpfte für die FDP im Stadtparlament Wetter und engagierte sich auch als Mitglied des in dieser Legislaturperiode erstmals existierenden Ortsbeirats Wetter-Kernstadt.

Seine politische Tätigkeit ging auch über die Grenzen des Landkreises hinaus. So war er auch mal Vorsitzender der FDP-Regionalversammlungsfraktion und im Bezirksvorstand der FDP Schatzmeister. Er gehörte in früheren Jahren auch dem Kuratorium der Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnisstiftung an und wirkte in verschiedenen Funktionen auch auf Landesebene für die FDP.

„Wir bewundern seinen Kampfgeist, auch nach schweren persönlichen Rückschlägen unverzagt sein Schicksal anzunehmen und weiterhin ,seiner FDP‘ treu zur Seite zu stehen. Er wird uns unvergessen bleiben“, sagt Werner Böhm, FDP-Kreisvorsitzender, jetzt in einem Nachruf über ihn.

Von Götz Schaub