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Nordkreis Ein Drama wie in einem Film, nur eben echt
Landkreis Nordkreis Ein Drama wie in einem Film, nur eben echt
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18:00 21.10.2019
Stolpersteine vor dem Haus Ohmtalstraße 7 erinnern an die Bewohner, die vor den Nazis flohen. Quelle: Hans Junker
Bürgeln

Hans Junker aus ­Bürgeln hat die Geschichte der jüdischen Mitbürger seines Ortes, von denen einige von den Nazis ermordet wurden, umfangreich aufgearbeitet. Er hat mit dazu beigetragen, dass verschiedene Stolpersteine vor den Häusern, in denen sie einst wohnten, heute angemessen an sie erinnern.

Junker kennt auch das Schicksal jener, die den ­Nazi-Terror überlebten, weil sie noch rechtzeitig ins Ausland geflohen waren. Der Bürgelner Heinrich Heimrich, der die Vertreibung der Juden aus Bürgeln selbst miterlebte, hatte im Nachgang einiges aufgeschrieben und Junker erzählt. 

In seiner Dorfchronik schreibt Heimrich unter anderem: „Das Unglück, welches der Nazi-Terror in Deutschland über diese Familien gebracht hat, ist nicht wieder gutzumachen. (…) Ich kann noch aus meiner eigenen jugendlichen Erinnerung überliefern, dass einige Aktivisten der Nazi-Organisationen vor den Judenhäusern abends die Familien mit antijüdischen Parolen belästigten und beschimpften. Die zunehmende Entrechtung und fortschreitende Diskriminierung in den 1930er Jahren führten schließlich dazu, dass unsere beiden jüdischen Familien Wertheim und Hess Deutschland 1939 verließen und nach England und in die USA flüchteten.“

Während seiner Nachforschungen lernte Junker die Jüdin Irma Pretsfelder, geborene Wertheim, persönlich kennen. Sie war einst Klassenkameradin von Heinrich Heimrich, der vor zwei Jahren gestorben ist. Sie lebt heute 93jährig in Baltimore /USA und ist die letzte noch Lebende der damaligen Schulklasse. Mit ihr telefonierte Junker an diesem Wochenende, um ihr davon zu erzählen, dass heute eine Doku über die St Louis-Fahrt im deutschen Fernsehen gezeigt wird.

TV Tipp

Das Doku-Drama „Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis“ ist am heutigen ­Montag, 21. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Es erinnert im Zusammenspiel mit Augenzeugenberichten und Aufzeichnungen aus dem Nachlass des Schiffkapitäns Gustav Schröder an die Reise der St. Louis vor 80 Jahren.
In Filmszenen sind unter anderem Ulrich Noethen als Kapitän, Britta Hammelstein, Johannes Kienast, Florian Panzner und Golo Euler zu sehen.     

906 deutsche Juden versuchten vor 80 Jahren mit diesem Schiff noch wenige Wochen vor Kriegsausbruch zu fliehen. Unter ihnen war Martin Hess aus Bürgeln, der 15-jährige Cousin von Irma Wertheim, wie sie damals noch hieß.
Versetzen wir uns zurück in das Jahr 1939: Für Martin, der mit Heinrich Heimrich eng befreundet war, und mit seiner Familie in der „Unteren Ohmtalstraße 7“ in Bürgeln gewohnt hatte, war die unbeschwerte Kindheit schon lange vorbei.

Seine Eltern Albert und Berta Hess hatten die bösen Zeichen der Nazi-Zeit richtig gedeutet und für sich eine lebensrettende Entscheidung getroffen: die Auswanderung in die USA. Die Einreise dort gestaltete sich zunächst schwierig, weil man Albert, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und dabei ein Bein verloren hatte, dort aufgrund seiner Behinderung nicht haben wollte.

Als die beiden dann doch aufgenommen wurden, kümmerten sie sich sofort darum, ihren Sohn Martin nachholen. Martin startete sein unfreiwilliges Abenteuer am 13. Mai 1939 von Hamburg aus. Der 15-Jährige bestieg mit 905 anderen deutschen Juden das zehn Jahre alte Schiff St Louis, das bis dahin überwiegend im Nordatlantikdienst zwischen Hamburg und New York verkehrte. Diese Reise hatte allerdings das Sonderziel Kuba.

An Bord lernte Martin die Familie von Philipp und Jenny Banemann aus Burgkunstadt in Franken mit ihrer Tochter Margit kennen. Alles schien gut zu gehen, bis dann die Nachricht die Runde machte, dass Kuba aufgrund veränderter Einreisebestimmungen die Juden nicht aufnehmen wollte. So begann eine Zeit der Unsicherheit, der Angst. Letztendlich durften 29 Menschen an Land gehen, der Rest verblieb auf dem Schiff.

An Bord lernt Martin seine spätere Ehefrau kennen

Der deutsche Kapitän Gustav Schröder versuchte, die Menschen nach Florida zu bringen, erhielt aber vom amerikanischen Präsident Franklin Roosevelt persönlich keine Erlaubnis. Als Schröder auch in Kanada scheiterte, blieb dem Kapitän nur noch die Umkehr nach Europa. Und so fuhren die Menschen wieder dorthin zurück, von wo sie geflohen waren.

Dann doch noch eine frohe Kunde: Die St. Louis darf im belgischen Antwerpen einlaufen und die Menschen dort von Bord gehen lassen. Martin gelang es, von Holland aus mit einem Schiff in die Staaten zukommen. Mit dabei auch die Familie Banemann.

Margit Banemann und Martin Hess heirateten später und gründeten eine eigene Familie. Martin, der eine kaufmännische Ausbildung absolvierte, starb 1966 plötzlich während der Arbeit an einem Herzschlag. Der Sohn von Martin und Margit lebt auch in Baltimore. Irma und er pflegen einen engen Kontakt.

Von Martins Geschichte wird wohl nichts in der Doku erwähnt werden, aber er war unter diesen Menschen an Bord. Von denen, die in Antwerpen von Bord gingen, verblieben dann mehr als 250 in Belgien, Holland oder Frankreich. Sie fielen dort wieder in Nazi-Hände und wurden im Holocaust schließlich ermordet.     

von Götz Schaub