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Nordkreis „Die Welt ein wenig bunter machen“
Landkreis Nordkreis „Die Welt ein wenig bunter machen“
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17:58 21.04.2021
In der Werkstatt von Glasmalermeister Michael W. Hartmann in Münchhausen entstand ein neues Kirchenfenster für die Zionsgemeinde Sottrum der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Das Foto zeigt von links die Auszubildende Dorothea Peil, Glasmalermeister Hartmann, die Künstlerin Marie-Luise Schüller und Pastor Johannes Rehr von der Zionsgemeinde Sottrum.
In der Werkstatt von Glasmalermeister Michael W. Hartmann in Münchhausen entstand ein neues Kirchenfenster für die Zionsgemeinde Sottrum der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Das Foto zeigt von links die Auszubildende Dorothea Peil, Glasmalermeister Hartmann, die Künstlerin Marie-Luise Schüller und Pastor Johannes Rehr von der Zionsgemeinde Sottrum. Quelle: Foto: Uwe Badouin
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Münchhausen

Das Fenster leuchtet in warmen Farben – Gelb- und Rottöne dominieren, in Grün und Blau strahlen einzelne kleine Felder. Eingefasst sind sie mit Blei. Man kennt die bunten Bleiglasfenster aus den großen Kirchen des europäischen Mittelalters wie dem Straßburger Münster oder der Marburger Elisabethkirche. Es sind prächtige Kunstwerke, die Kirchen bei einfallendem Licht in allen Farben erstrahlen lassen. 

Dass ein neues Bleiglasfenster für eine neue Kirche entsteht, ist in einer Zeit, in der Kirchen eher geschlossen und umgewidmet werden, sehr selten, sagt Glasmalermeister Michael W. Hartmann. Der im alten Bahnhof in Münchhausen ansässige Unternehmer hat am Montag ein solches Fenster an Pastor Johannes Rehr von der Zionsgemeinde Sottrum übergeben. Die Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) nahe Bremen baut gerade eine neue Kirche und hat das Fenster bei dem Unternehmen Klonk & Hartmann Glasmalerei in Auftrag gegeben. Entworfen wurde das Fenster von der jungen Künstlerin Marie-Luise Schüller. Die 31-Jährige lebt mit ihrer Familie seit einem Jahr in Dreihausen. 

Das Fenster enthält 55 
verschiedene Farben

Das Fenster, das in der Kirche über dem Altar platziert werden soll, ist rund, hat einen Durchmesser von 1,70 Metern und ist knapp 40 Kilogramm schwer. „Verarbeitet wurden mundgeblasene Gläser aus dem bayerischen Wald sowie Glas aus Mexiko, den USA und Frankreich. Das Fenster enthält 55 verschiedene Farben“, erklärt Michael Hartmann. Gut drei Wochen lang arbeiteten er und Dorothea Peil, seine Auszubildende zur Glasveredlerin, an dem Fenster.  

Marie-Luise Schüller hat der Kirchengemeinde mehr als 20 verschiedene Entwürfe vorgelegt, die dann dort diskutiert wurden. Entschieden hat man sich für einen Entwurf mit einer großen leuchtenden Sonne im Zentrum, die in Verbindung mit dem Abendmahlskelch zur Hostie wird, erklären die Künstlerin und Pastor Rehr. Umrahmt wird die Sonne von leuchtend roten Flächen, die den Heiligen Geist in Form von abstrahierten Tauben und Flammen symbolisieren sollen. „Im Fenster geht es mir darum, das Christus sich uns im Abendmahl schenkt“, sagt die Künstlerin, die der SELK selbst eng verbunden ist.

Ein großes Kirchenfenster herzustellen ist ein aufwendiger Prozess und eine sehr alte Handwerkskunst. Erste Gespräche fanden bereits im Juni vergangenen Jahres statt. Als der Entwurf stand, wurden die Gläser aus den gut 800 verschiedenen Farbtönen im Glaslager ausgewählt. Der richtige Gelb-Ton sei sehr schwierig zu finden, sagt Glasmalermeister Hartmann. Marie-Luise Schüller hat ihren Entwurf dann in der Werkstatt mit einem Diaperiskop an die Wand geworfen und 1:1 auf Papier übertragen. Mit einer sogenannten Schablonenschere oder einem Schablonenmesser werden die Papierstücke dann geschnitten. Die Scheren und Messer haben doppelte Klingen in einem Abstand von 1,5 mm. Das entspricht der Dicke des Bleikerns, der dadurch beim Schneiden ausgespart wird.  Danach wird mit den Papierschablonen als Maß das Glas mit Ölglasschneidern, Diamantschneidern oder Stahlrädchen angeritzt und vorsichtig gebrochen. Grate und Spitzen werden mit der Kröselzange entfernt. Schließlich werden die sogenannten Bleisprossen oder Profile geschnitten und gebogen und das Glas eingefasst. Das Blei wird dann verlötet. Blei hat nach Ansicht Hartmanns viele Vorteile. Es sei weich, lasse sich dadurch gut formen, es sei witterungsbeständig, roste nicht und sei sehr haltbar, wie die oft Hunderte Jahre alten, bunten Kirchenfenster zeigen. 

„Blei wird in der Glaskunst seit dem 8. und 9. Jahrhundert verwendet. Bleiglasfenster hatten ihre Blüte in der Gotik“, sagt Michael Hartmann, der mit seinem Unternehmen überwiegend in der Erhaltung und Restaurierung tätig ist. Er hat im Dom zu Bremen gearbeitet, in der Villa Hügel in Essen, in der Elisabethkirche und in der Universitätskirche. „Ein neues Fenster ist eine schöne Ausnahme“, sagt er. „Es ist eine sehr schöne Möglichkeit, etwas Neues zu gestalten. Die Zusammenarbeit mit der Künstlerin macht Spaß und inspiriert.“  

Es gibt in Deutschland immer weniger Handwerksbetriebe wie seinen, die die Kunst der Bleiverglasung beherrschen. „Wir kämpfen mit viel Einsatz ums Überleben, um die Welt ein wenig bunter zu machen“, sagt Hartmann, der den Betrieb im Jahr 2000 von Erhart Jakobus Klonk übernommen hat und damit vor vier Jahren in den Alten Bahnhof Münchhausen gezogen ist. 

Von Uwe Badouin