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Nordkreis Die Entstehung des Dorfes Sarnau
Landkreis Nordkreis Die Entstehung des Dorfes Sarnau
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14:57 11.09.2021
Professor Siegfried Becker.
Professor Siegfried Becker. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Zwei Bände der „Deutschen Sagen“ hatten die Brüder Grimm 1816 und 1818 bereits veröffentlicht, für einen dritten Band 206 Blätter gesammelt, doch kam dessen Drucklegung nicht mehr zustande. Vorgesehen hatten sie dafür eine Sage, die ihnen vermutlich von Pfarrer Johann Heinrich Christian Bang aus Goßfelden zugesandt worden war. Sie erzählt die Entstehung des Dorfes Sarnau im Lahntal.

Bezeichnend für eine Sage ist darin der Versuch, auffällige Erscheinungen in der Umwelt zu deuten, hier die Siedlungsstruktur des Dorfes, in dem an einen älteren Kern des Haufendorfes eine jüngere Erweiterung entlang der Straße nach Goßfelden anschließt. Die Deutung der Sage kehrt diese Genese um und stellt die planmäßige Siedlung in den Vordergrund. Dies wird als Werk des Teufels beschrieben – die belehrende, disziplinierende Absicht vieler Erzählungen ist erkennbar, indem auf die Folgen gottlosen Verhaltens aufmerksam gemacht wird.

Abgrenzung kommunaler Strukturen

Und der Teufel, dem die letzten Häuser aus seiner Kötze (einem Rückentragekorb) fallen, erscheint darin tölpelhaft: Wer sich gottesfürchtig und tugendhaft verhält, dem kann der Teufel nichts anhaben – wir bemerken hier die Nachwirkung der frühneuzeitlichen Predigtexempel in den unterhaltsamen Erzählungen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Zudem lässt die Sage den in der ländlichen Gesellschaft allgegenwärtigen Ortsspott erkennen, sich über Nachbardörfer lustig zu machen (die Sarnauer werden noch heute in unserer Region gern „Sandhasen“ genannt, weil der sandige Boden der Gemarkung wenig fruchtbar ist). Das hob das eigene Selbstbewusstsein, diente der Befriedung innerörtlicher sozialer Konflikte und der Abgrenzung kommunaler Strukturen nach außen.

Präsente mündliche Überlieferung

Der dritte Sagenband der Brüder Grimm war zwar unveröffentlicht geblieben, doch die Erzählung gelangte dennoch in die Literatur und damit in eine breitere Öffentlichkeit. Mitte des 19. Jahrhunderts teilte Katharina Schweitzer in ihrer „Geschichte und Beschreibung des Lahntal’s“ die Sage mit, literarisch ausgeschmückt und dem Zeitgeschmack angepasst (Wiesbaden 1855, dazu Felix Köther im Portal „Historisches Lahntal“).

Sie war also auch in der mündlichen Überlieferung noch präsent, und so wird auch die Gleichzeitigkeit oraler und literarischer Erzählungen darin deutlich.

Zur Person

Siegfried Becker ist außerplanmäßiger Professor am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Er betreut die Sammlungen des Instituts, darunter das Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Märchenstiftung Walter Kahn und der Jury des Nachwuchsförderpreises der Stiftung. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen zur Alltagskultur, Sozial- und Kulturgeschichte jüdischer Gemeinden, Regional- und Lokalgeschichte, Umweltforschung (Natur und Kultur) und zur Erzählforschung befinden sich Artikel in der Enzyklopädie des Märchens.

Von Siegfried Becker